Mittwoch, 7. Mai 2014

Fragen zur Syrophönizierin


Seit gefühlt zwei Monaten schlage ich mich mit Markus 7,24 – 7,31 herum und bin immer noch nicht zu einem zufriedenstellenden Schluss gekommen.
via churchofthefaithfulcenturion

Die namenlose Syrophönizierin aus dem Markusevangelium ist heutzutage eine kleine Heilige geworden. Sie steht fast als Sinnbild für alle Entrechteten und Unterdrückten dieser Welt, sie, der es sogar gelang, Jesus gegen sein anfängliches Widerstreben auf ihre Seite zu ziehen. Wir denken an sie als „Gerechte“ und „Tiefvertrauende“, die sich hilfesuchend und verzweifelt an den Herrn wandte, die noch vor „Gott“ selbst um ihr „Recht“ kämpfen musste, der dies hervorragend gelang und der schlussendlich der verdiente „gute Lohn“ zukam. Ein sehr starkes und schönes Bild!

Ich würde dieses Bild gern unangetastet lassen, wenn ihre kleine Geschichte nicht einige Probleme aufwerfen würde; ja einige Details an diesem Bild einfach nicht stimmig sind.

Hier zunächst die Übersetzung der Szene in chiastischer Form dargestellt mit einigen Erläuterungen. Die Übersetzung ist von mir möglichst wortgetreu und so gefertigt, dass man das ungeheure Tempo der Szene, einige Wortspiele und den leicht diabolischen Humor von Markus wahrnehmen kann.

Mittwoch, 30. April 2014

Konstruktion von „Welt“ bei Markus


Teil 6 – Abschluss

1. Der Leser wird feststellen, dass er keine nähere Vorstellung von Jerusalem gewinnen kann.

Die Beschreibung von Markus enthält Plätze und Gebäude in und am Rand von Jerusalem (Tempel, Ölberg, Gethsemane, Paläste des Hohepriesters und von Herodes, Golgatha, das Grab, Betanien, das Haus des aussätzigen Simon und das Haus des Paschamahls). Ihre genaue Lage und ihre Entfernungen zueinander bleiben jedoch offen.

via gabrielansley.blogspot.de
2. Markus führt einige Bezeichnungen ein, die auf die vorherigen Abschnitte und geografischen Beschreibungen Bezug nehmen:

- Markus 14,69 - Galiläer (Γαλιλαῖος)
- Markus 15,2 (,9,12,18,26) - Judäer (Ἰουδαῖος)

Der Leser wird diese Bezeichnungen möglicherweise auf die Gebietsnamen beziehen, so dass ein Galiläer als Einwohner Galiläas, ein Judäer als Einwohner Judäas und ein “Ἱεροσολυμίτης“ als Einwohner Jerusalems zu verstehen ist. Die Anklage, Jesus sei König der Judäer, wirft für den Leser daher erhebliche Fragen auf und ist ihm nicht nachvollziehbar.

3. Die letzte Frage, die sich dem Leser stellt, ist, was unter „Israel“ im geographischen Sinn zu verstehen ist (Mk 12,29; 15,32)?

Was folgt nun aus alledem? Deutlich ist lediglich eine Einzelheit. Markus verwendet das „Meer von Galiläa“ als literarisches Motiv ohne jeglichen realgeografischen Bezug. Dieses Ergebnis wird durch zwei weitere Beobachtungen bestätigt:

Mittwoch, 9. April 2014

Konstruktion von „Welt“ bei Markus

Teil 5 – Mk 7,32 – 11,1
Mögliche Vorstellung des
Lesers nach Mk 11,1

Im 5. Abschnitt sind vom Leser zunächst Dalmanutha (Mk 8,10) und Cäsarea Philippi (Mk 8,27) zu lokalisieren. Dies ist ihm nur näherungsweise möglich. Jedoch wird er wohl beide Orte in Abhängigkeit von dem ihm bereits bekannten Dorf Bethsaida (Mk 6,45; 8,22) situieren, dass nach Markus zwischen Dalmanutha und Cäsarea Philippi gelegen ist. Das Meer von Galiläa bleibt daher in der Vorstellung des Lesers auf einer Seite offen. Er gelangt nicht zu der Überlegung, dass es sich um ein Binnengewässer handeln könnte, sondern er wird es sich als maritimes Gewässer in Form einer größeren Meeresbucht denken.

Probleme bereitet dem Leser der Weg Jesu nach Jerusalem. Die von Markus vorgegebene Route führt von Kapernaum (Mk 9,33), über Judäa, das Land jenseits des Jordans (Mk 10,1), Jericho (Mk 10,46) sowie Bethfage und Bethanien nach Jerusalem (Mk 11,1). Die Lage des Gebietes „jenseits des Jordans“ ist für den Leser überraschend.

Dienstag, 8. April 2014

Konstruktion von „Welt“ bei Markus

Teil 4 - Mk 5,21-7,31

Mögliche Vorstellung des
Lesers nach Mk 7,31
Im Abschnitt 4 von Mk 5,21 bis Mk 7,31 stößt der Leser auf vier Probleme: (1) die „Patria“ (Vaterstadt/Vaterland) von Mk 6,1, (2) das irreale Zusammenlaufen der „Vielen“ aus „allen Städten“ zum „einsamen Ort“ am Meer in Mk 6,33, (3) die Meeresüberfahrt mit ursprünglichem Ziel Bethsaida und Anlanden in Gennesaret in Mk 6,45 und Mk 6,53 sowie (4) der legendäre Umweg über Tyros und Sidon an das Galiläische Meer mitten in der Dekapolis in Mk 7,24; Mk 7,31.


Mk 6,1 - „Patria“

Der von Markus in Mk 6,1 verwendete Begriff „Patria“ meint an sich VaterLAND, Heimat. Meines Wissens versteht erst das Neue Testament den Begriff „Patria“ auch als HeimatSTADT - natürlich um die „Patria“ von Markus mit Nazaret identifizieren zu können.

„Unser“ Leser wird jedoch zunächst an Kapernaum als den üblichen Aufenthaltsort von Jesus im Markusevangelium denken, diese Überlegung jedoch letztlich verwerfen, da die Reaktion der Einwohner der „Patria“ in Mk 6,1ff darauf schließen lässt, dass Jesus dort zum ersten Mal in der Synagoge spricht. Letztlich wird sich der Leser wohl außer Stande sehen, die „Patria“ identifizieren und lokalisieren zu können. Vor allem kommt für ihn in Betracht, dass der Begriff „Patria“ in einem übertragenen Sinne gemeint ist, also nicht für eine bestimmte Stadt steht, sondern im weiteren Sinne „Vaterland“ oder „Heimat“ bedeuten soll.

Montag, 7. April 2014

Konstruktion von „Welt“ bei Markus

Mögliche Vorstellung des
Lesers nach Mk 3,8

Teil 2 - Mk 1,21-3,8: Im Zentrum der Handlung und von Jesu´Wirken steht zunächst die „Stadt“ Kapernaum, dann „ganz Galiläa“. Doch Jesus´ Ruf breitet sich über die Grenzen der dem Leser bereits bekannten „Länder“ nach Idumäa sowie jenseits des Jordans und nach Tyros und Sidon aus. Der anfangs vorgegebene geografische „Rahmen“ scheint sich auf dem Landweg auszuweiten.

Mögliche Vorstellung des
Lesers nach Mk 5,20


Teil 3 - Mk 3,9-5,20: Obwohl nicht ausdrücklich benannt, stehen wohl weiterhin Kapernaum und Galiläa im Zentrum der Handlung. Unerwartet wird auch die „dritte Grenze“ von Galiläa, das Galiläische Meer, überwunden, als Jesus in Mk 4,35 das Kommando gibt „Lasst uns hinüberfahren.“ Der geografische Rahmen der Handlung weitet sich hier auf dem Seeweg in das dem Leser bis dahin unbekannte Land der Gerasener sowie in die Dekapolis aus.

Freitag, 4. April 2014

Konstruktion von „Welt“ bei Markus


Mögliche Vorstellung des
Lesers nach Mk 1,20
Heutige Leser des Markusevangeliums haben einen scheinbaren Vorteil. Sie können eine historische Karte von Israel zur Hand nehmen, um die geografische Lage der im Evangelium benannten Orte zu bestimmen. Zugleich haben sie die Möglichkeit, sich über die politischen und sozialen Gegebenheiten zur Zeit Jesu zu informieren. Der moderne Leser wird daher in der Regel die im Markusevangelium erzählte Handlung von vornherein in diesen Wissensrahmen einordnen.

Die antiken Leser und Hörer verfügten mehrheitlich nicht über diese Möglichkeiten. Zweifellos gab es auch gebildete und vermögende Leser, die sich vertieft kundig machen konnten. Mit Sicherheit gehörten zur antiken Leserschaft aber auch Menschen, die über die geografischen und historischen Umstände wenig oder nichts wussten. Die ersten Informationen bezogen diese Leser zunächst aus dem Markusevangelium selbst.

Mit dieser Post-Reihe will ich prüfen, wie ein idealer antiker Markusleser eine Vorstellung von der „Welt“ im Markusevangelium gewann, welche genaue Vorstellung dies gewesen sein könnte, wie Markus sie im Text konstruiert hat und welche Schlüsse über Markus daraus gezogen werden können. Ich beginne hier zunächst mit der markinischen Geografie (, bevor ich den Vorgänger-Post zum Tyros-Sidon-Dekapolis-Umweg fortsetze). Als „idealen“ Leser stelle ich mir dabei jemanden vor, der am Beginn der Lektüre gar nichts weiß, aber sich engagiert bemüht, aus den Informationen, die ihm der Text liefert, eine Vorstellung zu gewinnen.

Ich behaupte, dass die geografische Vorstellung, die dieser Leser gewinnt, mehrmals in grundlegender Weise umschlägt - und zwar nach der Lektüre von Mk 1,1-1,20 <---> Mk 1,21-3,8 <---> Mk 3,9-5,20 <---> Mk 5,21-7,31 <---> Mk 7,32-11,1 <---> Mk 11,2-16,8 -, dass diese Veränderung der Leservorstellung von Markus bewusst beabsichtigt ist, dass Markus möglicherweise aber auch kleine Details entgangen sind, die er unbewusst voraussetzte.

Montag, 31. März 2014

Jesus’ bizarrer Umweg zur Syrophönizierin und warum ...


… das Meer von Galiläa plötzlich mitten in der Dekapolis liegt


Gelb für die Wegstrecke Jesu,
Grün für die „Wanderung“ des Sees
Teil 1 - Ein symbolträchtiger Umweg

1) Vor mehr als 35 Jahren schrieb Friedrich Gustav Lang seinen wunderbaren Aufsatz „Über Sidon mitten ins Gebiet der Dekapolis“, in dem er die irreale Reise Jesu in Mk 7 untersuchte: „Mk 7,31 enthält die Beschreibung einer merkwürdigen Reiseroute, auf der Jesus gegangen sein soll: ‘Und nachdem er das Gebiet von Tyrus wieder verlassen hatte, ging er über Sidon an den galiläischen See, mitten im Gebiet der Dekapolis.‘ E. Schweizer schreibt dazu, man müsse sich ‘die Unmöglichkeit des Reiseweges an einem Beispiel der eigenen Gegend klarmachen‘, und wählt zum Vergleich eine Route ‘von Darmstadt über Frankfurt nach Mannheim mitten durchs Neckartal‘. Fast alle Ausleger kommen heute zu einem ähnlich kritischen Urteil.

Der Ausgangspunkt dieser Wanderung, die Jesus ohne seine Jünger unternimmt, ist zunächst nicht eindeutig lokalisierbar. In Mk 6,53 befindet sich Jesus in Genezareth und zieht dann in Mk 6,56 durch „Dörfer, Städte und Höfe“. In Mk 7,1 versammeln sich bei Jesus („bei ihm“) die Pharisäer und einige Jerusalemer Schriftgelehrte, ohne dass wir genau erfahren, an welchem Ort „bei ihm“ gelegen ist (mutmaßlich noch in der Gegend um Genezareth, vielleicht auch in Kapernaum) - jedenfalls wohl am nordwestlichen Ufer des von Markus sogenannten „Galiläischen Meeres“. Von dort bricht Jesus dann auf: „Und er stand auf und ging von dort in das Gebiet von Tyrus.

Dienstag, 25. März 2014

Amazon-Rezension zu Bedenbenders "Frohe Botschaft am Abgrund"


Tja, ich hab versucht, endlich die Rezension zu Andreas Bedenbender zu schreiben und sie etwas "volkstümlich" zu halten:
via Amazon

1) Im 13. Kapitel des Markusevangeliums finden wir mitten in einem privaten Gespräch zwischen Jesus und vier seiner Jünger auf dem Ölberg zwei überraschende Bemerkungen, die nicht zur eigentlichen Erzählebene des Evangeliumberichts gehören.

Zum einen Mk 13,14 („Wenn ihr aber sehen werdet das Gräuelbild der Verwüstung stehen, wo es nicht soll - wer es liest, der merke auf! -, alsdann ...“) und zum anderen Mk 13,37 („Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!“). Die erste Äußerung wendet sich augenscheinlich an die Leser, die zweite Äußerung an die Leser und Hörer des Evangeliums. Offenbar ist es nicht die Stimme Jesu, sondern des Evangelisten selbst, die hier spricht. Markus scheint den Lesern und Hörern des Evangeliums verständlich zu machen, dass sie nicht als Unbeteiligte außerhalb seines Berichtes stehen und er auch die damaligen zeitgenössischen Leser mit „im Blick“ hat. Nicht nur den Jüngern, die Jesus nachfolgten, sondern auch den Lesern von Markus ist aufgegeben, Jesus Gleichnisse im Markusevangelium zu enträtseln und sich auf die Taten und Geschehnisse um ihn einen Reim zu machen.

Dr. Andreas Bedenbender (Pfarrer, Privatdozent an der Universität Paderborn und Redakteur der exegetischen Zeitschrift „Texte und Kontexte“) hat dies mit seinem Werk „Frohe Botschaft am Abgrund. Das Markusevangelium und der Jüdische Krieg“ in einer für den Beginn des 21. Jahrhunderts wohltuenden Weise unternommen. Bedenbenders „Schinken“ von mehr als 500 Seiten steht hierzulande für den Anbruch eines modernen Verständnis des Markusevangeliums, der sich auch international vollzieht.

Donnerstag, 20. März 2014

Den verborgenen Heiland wittern und als „Kyrios“ bekennen

1. Jesus mit "Kyrios" anreden

Die Syrophönizierin ist also die einzige Person im Markusevangelium, die Jesus in einem Wortgefecht schlägt. Aber auch darüber hinaus ist sie äußerst bemerkenswert, denn

via butnotyet.com
- sie hört „verstehend“ vom verborgenen Heiland
- und bekennt ihn als „Herrn“ (Kyrios)

Mk 7, 24ff: „Und er stand auf und ging von dort in das Gebiet von Tyrus. Und er ging in ein Haus und wollte es niemanden wissen lassen und konnte doch nicht verborgen bleiben, sondern alsbald hörte eine Frau von ihm, deren Töchterlein einen unreinen Geist hatte. … Sie antwortete aber und sprach zu ihm: Ja, Herr ...

Dass die Syrophönizierin alsbald von ihm „hörte“ (akousasa), sollte nicht zu gering bewertet werden. Noch in Mk 8,18 ist es um die eigentlichen Jünger nicht zum Besten bestellt: „Habt Augen und seht nicht, und habt Ohren und hört (akouete) nicht, ...


Auch die Anrede als „Herr“ (Kyrios) ist meines Erachtens im vollen geistlichen Sinn zu verstehen. Gewöhnlich wird Jesus nur als „Lehrer“ (Didaskale) angesprochen.

Dazu zwei der von mir so geliebten Übersichten: Wie Jesus sonst angeredet wird, von Gott, den Dämonen, Gegnern und Freunden ...

Mittwoch, 19. März 2014

In der Schreibwerkstatt des Sinaiticus


Der Codex Sinaiticus, ein Bibelmanuskript aus dem 4. Jahrhundert, gilt als älteste vollständig erhaltene Abschrift des Neuen Testaments. Beim Lesen des Codex fällt auf, dass er ganz unterschiedliche Arten von Korrekturen enthält (im Bild: Mk 1,1: Hinzufügung des Nomen sacrum „υυ θυ“, was für „υιου θεου“ steht [Huiou Theou - Sohn Gottes], von mir hier mit rotem Pfeil kenntlich gemacht).

Peter Malik hat in seinem ausgezeichneten ArtikelThe Earliest Corrections in Codex Sinaiticus: A Test Case From the Gospel of Mark” diese Korrekturen im Markusevangelium untersucht. Er unterscheidet bei den Korrektoren vor allem zwei Schreiber: den sogenannten Schreiber A und Schreiber D.

Schreiber A hat das Markusevangeliums selbst von einer Vorlage abgeschrieben und berichtigt seine eigenen Schreibfehler noch im Zuge des Abschreibens und Kopierens. Schreiber D, der die Arbeit von Schreiber A möglicherweise im Anschluss, jedenfalls zeitnah prüft, besitzt scheinbar eine etwas andere Vorlage des Markusevangeliums und berichtigt deshalb Schreiber A durch Hinzufügung einiger weniger Korrekturen.

Zusammenfassend lässt sich nach Peter Malik sagen, dass die Schreiber um eine seriöse Arbeit bemüht waren, auch wenn sie eine ganze Anzahl von Fehler unkorrigiert ließen. „Ideologische“ Berichtigungen sind nicht ersichtlich. Das Bemühen um die textgetreue Wiedergabe stand im Vordergrund.