Freitag, 2. Januar 2015

Hans Thüsing „Das älteste Jesusbuch“



via Amazon
1) Das Buch

Hans Thüsings „Das älteste Jesusbuch: Das Markusevangelium aus dem Urtext neu übersetzt und erläutert“, 2008, umfasst etwa 150 Seiten. Auf der linken Doppelseite ist jeweils der deutsche Text des Markusevangeliums nach Thüsings eigener Übersetzung abgedruckt. Thüsing dazu: „Die Übersetzung aus dem international anerkannten griechischen Urtext ist so wortgetreu wie nur möglich, weder geglättet noch geschönt. – In der Regel wird jedes griechische Wort jedes Mal mit dem gleichen deutschen Wort übersetzt. So steht für ‚euthus’, das bei Markus etwa vierzigmal vorkommt, auch im Deutschen vierzigmal ‚sogleich’.

Thüsings Übersetzung besticht durch eine verblüffende Klarheit der Sprache. Der Text ist sehr leserfreundlich gesetzt, so dass sich bereits bei der Lektüre Sinnzusammenhänge erschließen. Es ist ein Text, um sich gedanklich in ihm versenken und über ihn meditieren zu können. Zur Veranschaulichung dieser Darstellung wähle ich das Gleichnis vom Sämann (Mk 4,2ff) in Auszügen:

2   Er lehrte sie mächtig in Gleichnissen,
     und in seiner Lehre sagte er zu ihnen:

3           Hört!
             Seht, der Sämann ging aus um zu säen
4           Und es geschah beim Säen:
             Etwas fiel an den Weg, und die Vögel kamen und fraßen es

9   Er sagte:
             Wer Ohren hat zum Hören, höre!


10  Als er allein war,
             fragten ihn die um ihn herum mit den Zwölf nach den Gleichnissen …

Auf der rechten Seite findet sich eine knappe Kommentierung zum jeweiligen Markustext: „Diese Erläuterungen wollen vor allem auf die Zusammenhänge im ganzen Buch hinweisen.


2) Der Monsignore und sein Markus-Erlebnis

Hans Thüsing ist ein Monsignore nicht nur dem Titel und seinem Aussehen nach, sondern auch in der Art und Weise seines Argumentierens. Vorsichtig und behutsam führt er den Leser an seine Sichtweise heran, die „mancher Leserin und manchem Leser“ zuweilen auch „zu fremd und zu gewagt erscheinen“ könnte. Eine anstößige Interpretation findet sich in seinem Buch gleichwohl nicht. Wie kam Hans Thüsing nun zu seinem etwas anderen Verständnis des Markusevangeliums und welcher Art ist dieses eigentlich?

Dienstag, 30. Dezember 2014

Καὶ


1) Gelegentlich, aber stets fröhlich lästerte ich im vergangenen Jahr über manche Professoren und sonstige Experten, die aus meiner Sicht ziemlichen Unsinn über das Markusevangelium verzapften. Mit einem solchen Spaß will ich meinen blog im Jahr 2014 auch beschließen und allen einen guten Rutsch wünschen.
facepalm
via wikicommons
 

Es geht um den angeblich schlechten, schlichten oder einfachen Stil von Markus, der sich vor allem durch monotone Aneinanderreihungen (natürlich heißt es bei den Professoren hochwissenschaftlich „Parataxe“) auszeichne, die durch das Wörtchen καὶ (griechisch: und) verbunden sind. Es handele sich dabei vermeintlich um eine typisch volkstümliche Sprache. Immer wieder würde Markus einzelne Verse mit καὶ beginnen und auch innerhalb des Verses häuften sich die καὶ's. Nein, ein guter „Schriftsteller“ könne dieser Markus nicht sein, höchstens ein primitiver „Schreiber“, da er doch bis zum Überdruss das Wörtchen καὶ verwende: und, und dann, und schließlich – so ginge es in einem fort. Welch ein Grauen für die gebildete Professorenschaft!


2) Bevor etwas zur lachhaften Absurdität dieses Einschätzung gesagt werden soll, möchte ich zunächst einige dieser Professoren selbst zu Wort kommen lassen:

Wolfgang Fritzen, Von Gott verlassen?, 2008, S. 70
Der Stil ist einfach, knapp und volkstümlich: Das Griechisch des Markusevangeliums ist rau und von Latinismen und Semitismen durchsetzt, kurze Parataxe mit καὶ und δὲ herrscht vor, die Ausdrucksweise ist wenig vielseitig. Der Autor scheint also nicht als Schriftsteller ausgebildet gewesen zu sein. Mehr noch: Seine Sprache und sein Stil mussten in den Augen der damaligen gebildeten Oberschicht als indiskutabel gelten.

Freitag, 26. Dezember 2014

Petrus, der Zenturio und die Frage: Hat es einen historischen Jesus gegeben?


1) Anlass für diesen Beitrag sind die teils recht heftigen Diskussionen, die seit mehreren Jahren im englischen Sprachraum zu dieser Frage geführt werden, die nunmehr dort einen Höhepunkt erreichten und zudem auch hierzulande Einzug gefunden haben.
Der ... hüstl ... historische Jesus?
via asiaonourmind.blogspot

Am 18.12.2014 veröffentlichte die angesehene US-amerikanische Tageszeitung „The Washington Post“ einen Artikel des Religionswissenschaftlers Raphael Lataster mit dem Titel „Did historical Jesus really exist?“ und dem Fazit: „There are clearly good reasons to doubt Jesus’ historical existence.“ Bereits nach zwei Tagen verzeichnete der Artikel mehr als 5000 Leserkommentare, die jeweils hitzig für Pro und Contra stritten.

Auf dem Sci-log „Natur des Glaubens“ von Michael Blume erschien am 15.11.2014 ein Gastbeitrag von Zoran Jovic, in dem die Thesen der Verneiner eines historischen Jesus recht polemisch zurückgewiesen und diese in die Nähe von Holocaustleugnern, Ufologen und Zeitfälschungs-Theoretikern gerückt werden.

Schließlich strahlte der Sender Phoenix am 21.12.2014 eine Folge von Guido Knopp´s „History Live“ mit dem Titel „Jesus – Mythos und Wahrheit“ aus, in der die Theologen Annette Merz, Klaus Wengst und Hermann Detering auch über diese Frage disputierten und sich dabei achtbar schlugen. Besonders der angenehm sachliche Tonfall der drei Theologen, die jeweils unterschiedliche Positionen vertraten, ist vorbildlich. Der Mitschnitt der Sendung kann in voller Länge angesehen werden.

Man könnte vielleicht vermuten, dass ich - mit meinem rein literarischen Verständnis des Markusevangeliums - ebenfalls zu der Annahme neige, dass es einen historischen Jesus gar nicht gegeben hat. Der einzige Grund, warum ich überhaupt einmalig etwas zu dieser Frage sagen möchte, ist ein in der gesamten Diskussion meines Erachtens übersehenes Argument. Es läuft darauf hinaus, dass – selbst wenn man nicht ein einziges Detail aus den Evangelien als historisch wahr ansieht und wenn man davon ausgeht, dass Paulus keinen irdischen Jesus, sondern einen himmlischen Christus predigte - dennoch ein Anhaltspunkt für einen historischen Jesus besteht. Der vorliegende Beitrag mag deshalb vor allem für Historische-Jesus-Skeptiker interessant sein.

Dienstag, 9. Dezember 2014

Offtopic: Eine Buchempfehlung für Weihnachten


Weihnachten und Markus? Oh nein, vergessen wir den Meister für einen Moment! Denn sehnen wir uns zu Weihnachten nicht nach einer klugen, aber auch herzerwärmenden Geschichte? Klar, wir haben Lukas, Charles Dickens' „Weihnachtsgeschichte“ und O. Henrys „Die Gabe der Weisen“, für Kinder insbesondere Cornelia Funkes „Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel“ und Sven Nordqvists „Morgen, Findus, wird’s was geben“. Wunderbare Geschichten, die man immer wieder lesen kann.

Ich möchte gern auf ein weiteres, sehr schönes Buch hinweisen, das bislang jedoch noch nicht in deutscher Sprache erhältlich ist (aber kein Prob, dazu am Ende mehr). Es ist „The Christmas Miracle of Jonathan Toomey“, geschrieben von Susan Wojciechowski und illustriert von P. J. Lynch.
via gatheringbooks

Die Handlung spielt gefühlt vor gut 100 Jahren in einem kleinen Dorf irgendwo auf der Welt. Ein kunstfertiger Holzschnitzer namens Jonathan Toomey ist nach dem Tod seiner Frau und seines Kindes mit der Welt entzweit und lebt in selbstgewählter sozialer Isolation. Aufgrund seiner hervorragenden Fähigkeiten als Schnitzer bekommt er gleichwohl Aufträge und sichert sich so seinen Lebensunterhalt, ist aber zu jedermann mürrisch und unfreundlich. Die Handlung beginnt im Advent, als eine verwitwete Frau mit ihrem kleinen Jungen in das Dorf zieht. Beim Umzug sind die Krippenfiguren verloren gegangen, die Mutter und Sohn über alles lieben. Sie bitten schließlich den Schnitzmeister, ihnen neue anzufertigen und der sagt auch mürrisch zu. Allerdings erweist sich der Fertigstellungstermin als problematisch:
„Bis wann werden die Figuren denn fertig sein?” „Sie werden fertig sein, wenn sie eben fertig sind”, murrte der Meister abweisend. „Aber ich brauche sie unbedingt bis Weihnachten. Sie bedeuten meinem Sohn Tom und mir wirklich sehr viel. Ein Weihnachten ohne unsere Weihnachtskrippe, das wäre gar nicht auszudenken.” „Weihnachten ist doch Schnickschnack”, brummte Jonathan Toomey düster und schloss mit einem Mal die Tür.

Montag, 8. Dezember 2014

Die DaBhaR-Übersetzung, Salz bei Markus und bei Philo von Alexandria


via bibelarchiv-vegelahn
1) Mir ist schon öfter aufgefallen, dass ich im Detail bei der Auslegung des Markusevangeliums eine ausgeprägte Übereinstimmung mit sehr frommen Christen haben kann. Diese teilweise Gleichgesinntheit beruht auf dem gemeinsamen Vorverständnis des Evangeliums als einem absoluten Text. Für diese ist es das Wort Gottes, für mich das höchst sorgfältig konzipierte und meisterhaft verfasste Werk von Markus.

Seit langem bin ich der Meinung, dass die herkömmlichen Bibelübersetzungen von Markus etwas ungenügend sind. Nach meinem Empfinden hat Markus zum Beispiel eine lange Reihe bestimmter Wörter bzw. Wortverbindungen als „Signal“-Wörter verwendet, die Zusammenhänge innerhalb des Evangelientextes deutlich machen sollen. Diese Wörter müssten deshalb in einer deutschen Übersetzung auch immer mit dem gleichen Wort übersetzt werden. Diese Art der Übersetzung heißt konkordante Bibelübersetzung. Die herkömmlichen Bibelübersetzungen versuchen hingegen besonders „schön“ zu übersetzen und verwenden je nach Kontext für ein mehrfach von Markus gebrauchtes griechisches Wort verschiedene deutsche Wörter bzw. für verschiedene griechische Wörter zuweilen nur ein deutsches Wort, so dass es dem deutschen Leser unmöglich wird, die konstruierten Zusammenhänge zu entdecken.

Bislang war mir die DaBhaR-Übersetzung unbekannt, die ich in der vergangenen Woche entdeckte und über die ich hellerfreut bin. Ich will hier nur an einem kleinen und auf den ersten Blick total verrückten Beispiel zeigen, warum diese Übersetzung wirklich wertvoll ist. Zunächst fragt sich vielleicht jeder, dem diese Art der Übersetzung neu ist, ob die DaBhaR-Übersetzer noch „alle Tassen im Schrank haben“ ;-) , um schließlich festzustellen, dass dies sehr wohl der Fall ist. Hierzu ein Blick auf Mk 1,16-17 in der Luther und der DaBhaR.

Luther Mk 1,16-17                                             

DaBhaRMk1,16-17                                        
16 Als er aber am Galiläischen Meer entlangging, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer.
17 Und Jesus sprach zu ihnen: Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen!
16 Und als Vorbeiführender neben dem Meer, dem des GALILAe´A, gewahrte er SI´MOoN und ANDRÄ´AS, den Bruder SI´MOoNs, als ein Ringnetz Werfende in dem Meer; denn sie waren Besalzer.
17 Und der JESuU´S sagte zu ihnen: Kommet herbei, mir nach, und ich werde machen, dass ihr Besalzer der Menschen werdet.

Sonntag, 30. November 2014

Einführung in die Grundlagen der Heilkunst Jesu II


1) Auf die Doppelerzählung von der Heilung der blutenden Frau und der Erweckung der Tochter des Synagogenvorstehers Jairus folgt im Markusevangelium die sogenannte „Verwerfung“ Jesu in seiner Heimat. Dieses Triptychon läuft meiner Meinung nach auf einen ironischen Clou hinaus, auf den ich zuletzt eingehen will.

Zunächst gestattet die Gegenüberstellung der Heilungs- und Verwerfungsszene eine erste Annäherung an mögliche Sinnzusammenhänge in den markinischen Heilungserzählungen. (Der Text ist fast wortwörtlich mit Bedacht auf Nuancen übersetzt, griechische Wörter sind soweit möglich jeweils gleichlautend übertragen bzw. kenntlich gemacht.)

Mk 5,25ff: Und seiend eine Frau mit Fluss Blutes zwölf Jahre und vieles erlitten habend von vielen Heilern und alles von ihr hingewendet habend und nichts profitiert, gehört habend von Jesus, gekommen mit dem Volk von hinten, berührte (ψατο – hēpsato) sein Gewand. Denn sie sagte nämlich: Wenn ich berühre (ψωμαι - hapsōmai) nur seine Gewänder, werde ich gerettet (σωθήσομαι - sōthēsomai). Und sofort vertrocknete der Fluss ihres Blutes und sie erkannte im Körper, dass sie geheilt (αται - iatai) ist von der Geißel. Und sofort Jesus bei sich erkannt habend die aus ihm ausgegangene Kraft (δύναμιν - dynamin); sich umgewandt habend in dem Volk, er sagte: Wer hat berührt (ψατο - hēpsato) meine Kleider? Und sagten zu ihm seine Jünger: Du siehst das Volk umpressend dich und sagst, wer hat mich berührt (ψατο - hēpsato)? Und er blickte rings umher zu sehen die dieses getan Habende. Aber die Frau ängstigte sich und zitterte, wissend was ihr geschehen ist. Sie kam und fiel nieder vor ihm und sagte ihm all die Wahrheit. Er aber sagte zu ihr: Tochter, dein Glaube (πίστις - pistis) hat gerettet (σέσωκέν – sesōken) dich, führe dich zum Frieden und sei gesund (γις – hygiēs) von deiner Geißel.

Mk 6,1ff: Und ausging er von dort und kommt zu seiner Heimat und folgen ihm seine Jünger. Und geworden war Sabbat, er begann zu lehren in der Synagoge und die vielen hörend entsetzten sich, sagend: Woher diesem dieses und was die Weisheit die diesem gegebene und die Kräfte (δυνάμεις - dynameis) solche durch seine Hände geschehenden? Nicht dieser ist der Handwerker, der Sohn der Maria und Bruder Jakobus und Joses und Judas und Simons? Und nicht sind seine Schwestern hier bei uns? Und sie fielen ab von ihm. Und zu ihnen der Jesus sagte, dass nicht ist ein Prophet ungeehrt, wenn nicht in seiner Heimat und bei seinen Angehörigen und in seinem Haus. Und er vermochte (δύνατο - edynato) nicht dort zu wirken nicht eine Kraft (δύναμιν - dynamin), wenn nicht wenigen Erkrankten aufgelegt habend die Hände (πιθες τς χερας - epitheis tas cheiras) er pflegte (θεράπευσεν - etherapeusen). Und er wunderte sich wegen ihres Unglaubens (πιστία – apistia) und umführte die Dörfer im Kreis lehrend.

2) In einzigartiger Weise finden sich in diesen Szenen Gegenüberstellungen von Glaube und Unglaube, von einer von Jesus ausgehenden Kraft und dem Unvermögen, eine Kraft zu bewirken.

Montag, 17. November 2014

Einführung in die Grundlagen der Heilkunst Jesu


Rembrandt via commons.wikimedia
1) Der Titel dieses Beitrags ist zugleich ironisch und ernsthaft gemeint. Ironisch, weil die Heilungen im Markusevangelium nicht mittels eines Systems medizinischen Wissens und ärztlicher Behandlungsmethoden erläutert werden können. Ernsthaft, weil man gleichwohl Muster, Wiederholungen und Zusammenhänge in den markinischen Heilungserzählungen erkennen kann, die auf eine mögliche Logik hindeuten.

Man kann beispielsweise drei wiederkehrende Behandlungsmethoden feststellen, die der markinische Jesus mit seinen Händen ausführt:

- an der Hand festhalten (κρατέω τῆς χειρός) und aufstehen lassen (ἤγειρεν)

- anrühren oder berühren (ἅπτομαι)

- Auflegen der Hand (ἐπιτίθημι τὴν χεῖρα)

Rembrandt via commons.wikimedia

Die handelnden Personen im Markusevangelium scheinen sich indes über die Bedeutung der jeweiligen Behandlung nicht ganz im Klaren zu sein. Mehrfach wird Jesus von Menschen gebeten, eine bestimmte Behandlungsmethode an einem Patienten anzuwenden, er selbst entscheidet sich jedoch für eine andere.

So bringt man in Bethsaida einen Blinden zu Jesus mit der Bitte, diesen „anzurühren“ – Mk 8,22. Jesus wird jedoch auf dessen Augen die „Hände auflegen“. Zur Heilung des Taubstummen in Mk 7,31ff wird Jesus umgekehrt gebeten, diesem die „Hände aufzulegen“, aber Jesus u.a. „rührte an“ seine Zunge. Ebenso bittet der Synagogenvorsteher Jairus in Mk 5,22, dass Jesus sein im Sterben liegendes Töchterlein durch „Auflegen der Hand“ vor dem Tod bewahre. Jesus wird sie jedoch „an der Hand festhalten“ und zu ihr sagen „Steh auf“. Auch außerhalb der Heilungsgeschichten begegnet uns ein solches Missverständnis. Bei der Segnung der Kinderchen in Mk 10,13 soll Jesus diese „anrühren“, aber er wird ihnen „die Hände auflegen“.

Mir scheint jedenfalls, dass Markus durch diese Irrtümer den Leser dazu einlädt, sich die Sache etwas näher anzuschauen.

Dienstag, 14. Oktober 2014

Draufgängertum und Zärtlichkeit des blinden Bartimäus

Bartimäus: Zärtlicher Draufgänger
via majide2ch.blogspot

1) Ruhm für den „Glauben“ wird dreimal im Markusevangelium zuerkannt.

Zunächst wird diese Ehre „einigen“ zuteil, die in Mk 2,3ff das Dach eines Hauses aufbrechen, um einen Gelähmten von oben zu Jesus herabzulassen, da ihnen das „Volk“ (ὄχλον) den Weg durch die Tür versperrt: „Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er ...

... oder rührseliger Opa?
via lavistachurchofchrist
Dann ist es der Ruhm einer blutenden Frau, die sich in Mk 5,27ff durch „viel Volk“ (ὄχλος πολὺς) drängelt und von hinten an Jesus anschleicht, um sein Gewand zu berühren: „Meine Tochter, dein Glaube hat dich errettet ...

Schließlich der markinische Held Bartimäus, der sich gegen die „vielen“ aus einer Menge von „genügend Volk“ (ὄχλου ἱκανοῦ) behauptet, die ihn zum Schweigen bringen wollen: „Geh, Dein Glaube hat Dich errettet ...

Es sind alles Draufgänger, die sich „auf eigene Faust“, mit weiblicher List oder mit männlicher Rücksichtslosigkeit, quer durch die Menge zu Jesus „durchschlagen“.


2) Bartimäus wird eingangs aggressiv Schweigen geboten: „und anherrschten ihn viele, dass er schweigen solle ...“ Indes bleibt Bartimäus unbeirrbar: „Der aber („ὁ δὲ“) viel mehr schrie ...

Donnerstag, 9. Oktober 2014

AUF DEM WEG - ἐν τῇ ὁδῷ

via pinsoflight.net

1) Markus hat den Abschnitt zwischen der ersten und zweiten Blindenheilung sichtbar gegliedert.

Fünf Mal begegnet uns zwischen Mk 8,27 und Mk 10,52 die Wendung „ἐν τῇ ὁδῷ“ - „auf dem Weg“. Sie ist außerhalb dieses Abschnitts nur in Mk 8,3 als Vorausblick erwähnt. Der Abschnitt wurde von Markus auch mit wiederkehrenden Motiven gestaltet, die sich schematisch so darstellen lassen:

1. Blindenheilung
                   Christus-Bekenntnis des Petrus
                                         1. Leidensankündigung, Fehlverhalten von Jüngern, Belehrung durch Jesus
                                         2. Leidensankündigung, Fehlverhalten von Jüngern, Belehrung durch Jesus
                                         3. Leidensankündigung, Fehlverhalten von Jüngern, Belehrung durch Jesus
                    Sohn-Davids-Bekenntnis des Bartimäus
2. Blindenheilung

Für die drei Lehrreden von Jesus könnte man folgende Überschriften finden: - Mk 8,34ff: Weg der Nachfolge, - Mk 10,29ff: Lohn der Nachfolge, - Mk 10,42ff: Art und Weise der Nachfolge

- Nachfolge Jesu auf dem Kreuzweg durch Selbstverleugnung
- Glaubensgemeinschaft auf dem irdischen Leidensweg und ewiges Leben in der Zukunft
- Dienende Niedrigkeit zum Wohl aller Gläubigen

Dem stehen als „Versuchung“ das Streben nach irdischer, vor allem auch innerkirchlicher Macht und Autorität, nach Reichtum und nach persönlichem Ansehen gegenüber.

Der Abschnitt „Auf dem Weg“ ist das schlagende Herz des Markusevangeliums. In ihm wird eine Frage gestellt, die um das griechische Wort „θέλει“ (thelei - wollen) kreist: Was ist DEIN Begehr? Was willst DU? Markus verhängt keine strengen Gebote, nichts wird unter „Strafe“ oder „Verdammnis“ gestellt. Es ist ausdrücklich eine Frage der eigenen Entscheidung, des freien Wunsches – Mk 8,34: „Wenn einer will (θέλει – thelei) mir nachkommen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach ...


2) Der blinde Bartimäus sitzt in Mk 10,46 zunächst neben dem Weg („παρὰ τὴν ὁδόν“). Ihm stellt Jesus schließlich diese Frage (Mk 10,51): „Was willst (θέλεις – theleis) du, dass ich für dich tun soll?“ Nach seiner „Heilung“ („Dein Glaube hat Dich gerettet“) folgt Bartimäus schließlich Jesus nach „ἐν τῇ ὁδῷ“ - auf dem Weg.

Was Bartimäus wollte? Er wünschte nur „ἀναβλέπω“ (anablepó) zu sein - „aufblickend“, den Willen Gottes erkennend …

Montag, 6. Oktober 2014

„ἀναβλέπω“ in der Septuaginta und bei Markus



1) Markus’ Bibel, die Septuaginta, schildert im Buch Genesis (1. Mo 24, 62) die erste Begegnung zwischen Rebekka und Isaak so:
Abel Pann: Rebekah
via iamachild.wordpress

Isaak aber durchzog die Wüste zum Brunnen der Erscheinung; er selbst aber wohnte in dem Land, das nach Süden liegt. Und Isaak kam heraus, um Zwiesprache zu führen auf das Feld gegen Abend und aufblickend (ναβλψας) mit den Augen sah er Kamele kommen. Und Rebekka aufblickend (ναβλψασα) mit den Augen sah Isaak und sprang vom Kamel herab und sagte zum Knecht: Wer ist der Mensch dort, der auf das Feld zur Begegnung mit uns gekommen ist?

Isaak sieht die „Kamele“ seines Vaters zurückkehren. Rebekka sieht einen Mann, vom dem sie noch nicht sicher weiß, dass es „Isaak“ ist. Es sind Blicke aus der Ferne, die sich noch nicht begegnen. Ein erstes romantisches „Schau-mir-in-die-Augen“ muss noch warten. Warum betont der Erzähler (Übersetzer) diese Blicke dann? Beide „blicken“ zunächst „auf“ und dann „sehen“ sie.

Die Wendung „aufblickend/ aufschauend mit den Augen“ könnte einerseits als bloße Floskel verstanden werden, die keine tiefere Bedeutung hat. Sie könnte andererseits aber auch einen Impuls, eine plötzliche Eingebung beschreiben, aufgrund derer Rebekka und Isaak in ihrem gewöhnlichen Tun „aufgeschreckt“ werden und ihre Aufmerksamkeit vollständig auf etwas Neues richten. Dabei könnte es sich um ein für beide noch rätselhaftes, aber schicksalhaftes Geschehen handeln.

Auf den ersten Blick scheint diese letztere Möglichkeit etwas überspannt. Dieser Eindruck ändert sich jedoch, wenn man die zwölf weiteren Stellen im Buch LXX-Genesis liest, die das Verb ναβλέπω (anablepó – aufblicken) enthalten. Nehmen wir zum Beispiel das Erscheinen des Widders bei der Bindung (Opferung) Isaaks im Buch Genesis (1. Mo 22,13):

Und als Abraham mit seinen Augen aufblickte (ναβλψας), sah er, und siehe, ein Widder mit seinen Hörnern verfangen im Strauch Sabek; und Abraham ging und nahm den Widder und brachte ihn als Ganzfeueropfer anstelle seines Sohnes Isaak dar. Und Abraham gab jenem Ort den Namen: Der Herr hat gesehen, damit man heute sagt: Auf dem Berg zeigte sich der Herr.

Vorliegend ein Beitrag zur Verwendung des Verbs ναβλέπω (anablepó – aufblicken) in der Septuaginta und im Markusevangelium …