Dienstag, 1. November 2016

Mythicism, Radikalkritik und Johannes der Täufer


Ein Leser meines Blogs hat mich sehr freundlich gebeten, ob ich einen „unparteiischen“ Beitrag zum Thema „mythicism“ und „Radikalkritik“ schreiben könnte, also über die Frage, ob Jesus als historische Persönlichkeit existiert hat. Ich habe dies zunächst wegen mangelnder Kompetenz freundlich abgelehnt; eine kleine Diskussion über die Taufe von Jesus hat meine Meinung jedoch geändert. Jedoch möchte ich die Frage nicht im Allgemeinen, sondern an einem ganz konkreten Beispiel erörtern. Es lautet:

Warum beginnt das Markusevangelium mit Johannes dem Täufer und warum lässt sich Jesus taufen?

In diesem Beitrag stelle ich fünf Meinungen vor. Zwei davon beruhen auf der Überzeugung eines historischen Jesus. Die drei anderen radikalkritischen Positionen weisen jeweils eine bestimmte Typik für diese Denkrichtung auf. Ziel meines Beitrags ist es nicht, eine eigene Meinung zu äußern, sondern zu zeigen, aus welchem Grund und mit welchen Positionen die Debatte geführt wird. Persönlich teile ich keine der vertretenen Sichtweisen in allen Punkten.

1) Das Markusevangelium erzählt die Taufe durch Johannes in einem einzigen Vers, der wörtlich wie folgt lautet:

1:9 Κα γνετο ν κεναις τας μραις λθεν ησος π Ναζαρτ τς Γαλιλαας κα βαπτσθη ες τν ορδνην π ωννου
1:9 Und (es) geschah in jenen, den Tagen: (es) kam Jesus vom Nazaret des Galiläa und (wurde) getauft in den Jordan von Johannes.

Den Grund von Jesus’ Kommen gibt Markus nicht an. Wir erfahren nur, dass Jesus zur „Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden“ (Mk 1:4) kommt und danach „sogleich“ in die Wüste getrieben wird. Ob der Täufer Jesus als besonderen Täufling wahrgenommen hat, bleibt offen. Auch von einer späteren „Anfrage des Täufers“ erzählt Markus nichts. Jesus nimmt seine Mission erst nach der Gefangennahme von Johannes auf (Mk 1:14). Er selbst tauft nicht, sondern verkündet das Evangelium. Er beruft eigene Jünger (Mk 1:16) oder die Menschen kommen zu Jesus, „weil sie von seinen Taten gehört haben“ (Mk 3:8). Die Jünger von Johannes fasten, die Jünger von Jesus nicht (Mk 2:18). Zwar sind sich der Täufer und Jesus in der Frage der Scheidung/Wiederheirat einig, ihre Beweggründe sind jedoch verschieden. Der Täufer stützt sich gegenüber Herodes auf das Gesetz: „Es ist dir nicht erlaubt, die Frau deines Bruders zu haben.“ (Mk 6:18) Jesus argumentiert hingegen aufgrund einer Schöpfungsethik: „Von Anfang der Schöpfung an aber hat er sie als Mann und Frau geschaffen … und die zwei werden ein Fleisch sein … Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“ (Mk 10:6)

Schließlich stellt Jesus im Streitgespräch mit der Jerusalemer Elite eine Gegenfrage: „War die Taufe des Johannes vom Himmel oder von Menschen? Antwortet mir!“ (Mk 11:30) Die Gegner weichen jedoch aus. Auch Jesus gibt keine ausdrückliche Antwort.

Donnerstag, 15. September 2016

Textkritik: Der Hahnenschrei und die Verleugnung des Petrus


Peter Jan Brandl via wikicommons
1) Die Geschichte über die Verleugnung des Petrus erzählen die synoptischen Evangelien in drei Schritten. Zunächst kündigt Jesus die Verleugnung sowie das Krähen des Hahns an, späterhin kommt es dann zur dreifachen Verleugnung durch Petrus mit Hahnenschrei und anschließend erinnert sich Petrus an die Prophezeiung von Jesus.

Im Unterschied zu den drei anderen Evangelien schildert Markus jedoch, dass der Hahn zweimal gekräht und Jesus dies auch so angekündigt habe. Dieser Unterschied führt gern zu Diskussionen darüber, wie es nun „wirklich“ war oder warum die anderen Evangelien in diesem Detail alle von Markus abweichen.


Nicht weniger interessant erscheint die Textgeschichte des Markusevangeliums. Von den sechs ältesten Bibeln, die heute noch erhalten sind und das 14. Kapitel des Markusevangeliums beinhalten, stimmt nämlich nur eine einzige in den maßgeblichen Punkten mit dem Text überein, den wir heute in unseren modernen Bibelausgaben lesen: der Codex Alexandrinus aus dem 5. Jahrhundert. In der Mehrzahl dieser Codizes wird die Ankündigung von Jesus hingegen wie in den anderen Evangelien erzählt. Nur ein Hahnenschrei ist prophezeit.

Das wirklich Erstaunliche sind jedoch die inneren Widersprüche in diesen alten Bibeln. In dem einen Codex wird etwa nur ein Hahnenschrei angekündigt, dann geschehen aber tatsächlich zwei. Ebenso existiert die umgekehrte Variante. So wenig diese alten Bibeln in dieser Geschichte mit unserer heutigen Fassung des Markusevangeliums harmonieren, so wenig stimmen sie auch untereinander überein. Alle möglichen Spielarten bestehen und ein klares Bild ist nicht zu gewinnen. Erst ab dem Mittelalter enthält die eindeutige Mehrheit der Bibelhandschriften die Erzählung in der uns bekannten Form. Die Abbildung zeigt, in welchen Punkten diese alten Codizes mit der uns geläufigen Fassung (obere Zeile) übereinstimmen (grün markiert) und in welchen nicht (gerötet). Ich habe zusätzlich den Codex Regius aus dem 8. Jahrhundert aufgenommen, der nochmal eine eigene Variante aufweist.


2) Obwohl eine Reihe namhafter Bibeltextforscher davon ausgeht, dass unsere moderne Textfassung nicht dem Originaltext entspricht, bin ich selbst anderer Meinung. Grund hierfür ist, dass unser überlieferter Text etwas enthält, was man als einen kleinen Widerspruch bezeichnen könnte. Meiner Meinung nach liegt deshalb die Vermutung nahe, dass gerade wegen diesem „Widerspruch“ die anderen Evangelisten von Markus abwichen, dass aber auch die verworrene Texttradition hierdurch entstanden ist.

Mittwoch, 24. August 2016

Mk-Einführung: Was ist das „Messiasgeheimnis“?

Streng geheim!
Falsches und Richtiges zu diesem Begriff

Falsch:
Das „Messiasgeheimnis“ ist eine Theorie über das Markusevangelium von William Wrede.

Richtig:
Der Begriff „Messiasgeheimnis“ bezeichnet keine „Theorie über“, sondern ein wiederkehrendes Thema im Markusevangelium. Es findet sich in vielen einzelnen Geboten, Handlungen und Lehrinhalten von Jesus, die auf eine „Geheimhaltung“ zielen.

Wie das Stichwort „Bekenntnis des Petrus“ auf den Vers Mk 8:29 verweist („Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Du bist der Christus!“), so der Begriff „Messiasgeheimnis“ auf eine Vielzahl von Versen; zum Beispiel auf die Antwort von Jesus auf eben dieses Petrusbekenntnis (Mk 8:30 „Und er gebot ihnen, dass sie niemandem von ihm sagen sollten.“)

Dieses Gebot von Jesus „dass sie niemandem von ihm sagen sollten“ hat die Bibelwissenschaft als ein Gebot zur „Geheimhaltung“ verstanden. Das Wort „Messias“ leitet sich aus dem Aramäischen ab und ist im Griechischen mit dem Wort „Christos“ übersetzt. „Messiasgeheimnis“ meint daher bezogen auf den Vers Mk 8:30, dass die Jünger nicht von Jesus als dem Christus (Messias) sprechen, sondern dies eben „geheim“ halten sollen.

In der Bibelwissenschaft wurde diese Thematik bereits vor William Wrede in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts umfangreich diskutiert. Der Hintergrund war folgender:

Obwohl das Markusevangelium von einer Vielzahl von Schweigegeboten und Geheimhaltungen berichtet, wird der Sinn und Zweck dieser „Geheimnistuerei“ vom Evangelisten Markus nicht angegeben. Es stellt sich daher die Frage nach dem Warum. Diese Frage ist nicht nur ein Verständnisproblem, sondern betrifft auch das Selbstverständnis des christlichen Glaubens. Seit nahezu 2000 Jahren verkünden und bekennen Christen in aller Welt, dass Jesus der Christus ist und leiten ihren Namen von diesem Titel ab. Wie kann es dann sein, dass ausgerechnet Jesus Christus seinen Jüngern verbot, von ihm als dem Christus sprechen?

Auf diese Frage versuchten Gelehrte des späten 19. Jahrhunderts eine Antwort zu geben und bezeichneten das von ihnen diskutierte Problem mit dem Begriff „Messiasgeheimnis“.

Mittwoch, 10. August 2016

Der Mensch mit der verdorrten Hand und die Steuern für Cäsar


1) Man würde wohl eher nicht vermuten, dass zwischen der Erzählung von der Heilung des Menschen mit der verdorrten Hand (Mk 3:1ff) und der Frage nach den Steuern für Cäsar (Mk 12:13ff) ein sehr enger Zusammenhang besteht. Wenn man sich in die Einzelheiten vertieft, sind die Verbindungen zwischen beiden Perikopen des Markusevangeliums jedoch offensichtlich.

Eine "verdorrte" Hand?
Die Ausgangslage
Die „Herodianer“ kommen als Personen und als Wort nur in diesen beiden Perikopen vor (Mk 3:6, 12:13) und werden jeweils gemeinsam mit den Pharisäern genannt. Die Gegner versuchen beide Male, Jesus in eine Falle zu locken, die sich um eine Rechtsfrage dreht. (Mk 3:2 Und sie lauerten auf ihn, ob er ihn am Sabbat heilen würde, damit sie ihn anklagen könnten. - Mk 12:13 Und sie senden einige der Pharisäer und der Herodianer zu ihm, um ihn in der Rede zu fangen.)

Die Durchführung
In beiden Perikopen wird eine Frage gestellt, welche mit „Ist es erlaubt …(ξεστιν – Exestin) beginnt, es handelt sich jeweils um eine „oder“-Frage und sie enthält eine Art Wiederholung. (Mk 3:4 Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, das Leben zu retten oder zu töten? Mk 12:14 Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben oder nicht? Sollen wir sie geben oder nicht geben?)
via wikimedia: Denar mit Abbild des göttlichen Cäsar

In der ersten Perikope steht ein einzelner Fall zu Diskussion (Heilung dieses Menschen am Sabbat), aber Jesus verteidigt sich mit einer allgemeinen Rechtsfrage („Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun …“). In der zweiten Perikope wird eine allgemeine Rechtsfrage aufgeworfen („Ist es erlaubt, Steuern zu zahlen …“), aber Jesus entscheidet sie an einem einzelnen Fall ("Bringt mir einen Denar, damit ich ihn sehe! … Wessen ist dieses Bild und die Aufschrift? Sie aber sagten … Des Kaisers.")

Das Ergebnis
Jesus’ Gegner sind in beiden Perikopen auf „menschliches“ Recht fokussiert, verstoßen dabei aber gegen die 10 Gebote. In der ersten Erzählung beschließen sie, Jesus zu töten, in der zweiten bringen sie einen römischen Denar mit dem Abbild des „vergöttlichten“ Cäsar in den Tempel und entweihen damit das Heiligtum.


2) Meines Erachtens ist diese sehr sorgfältige Gestaltung von Markus kein bloßes Spiel. Mir scheint, dass das Verständnis der einen Perikope für den Leser hilfreich ist, um die jeweils andere besser zu verstehen und dabei vor allem einen bestimmten Punkt, der nicht sofort offensichtlich ist.

Meinem Eindruck nach soll der Leser der Erzählung von der Heilung der verdorrten Hand nämlich verstehen, dass die Hilfebedürftigen der Geschichte auch die Pharisäer sind und dass das Heilshandeln von Jesus auch auf diese gerichtet ist.

Freitag, 3. Juni 2016

Salome


nach H. Twena via jerusalemperspective
1) In der Regel wird das Neue Testament natürlich christlich ausgelegt. Die Erzählung vom Tanz der Salome und der Enthauptung von Johannes dem Täufer stellt vielleicht die berühmteste Ausnahme dar. Seit vielen Jahrhunderten beschäftigen sich auch Künstler, Schriftsteller, Philosophen und Musiker mit diesem Stoff aus dem Markusevangelium.

In gewissem Sinn konkurrieren die christliche und die künstlerische Deutung miteinander und die säkulare Interpretation scheint wohl aktuell das mehrheitliche Verständnis der Erzählung zu dominieren. Jeder kennt Salome als die „gefährliche femme fatale“. Eher „gefährlich normal“ wirkt dagegen das Porträt der älteren Salome, das die Designerin Helen Twena auf Grundlage einer gut erhaltenen, um 56-57 n.Chr. geprägten Münze nachempfunden hat.

Die beiden Interpretationen, sowohl die christliche als auch die künstlerische, haben zu einer ikonenhaften Darstellung geführt. 

Lovis Corinth, 1899
Oscar G. Rejlander, 1855
Die christliche Darstellung erinnert mit den sogenannten Johannes-Schüsseln an das Martyrium des Täufers. 

Hingegen prägten vor allem die Künstler des Fin de Siècle unser Bild von der erotisch-grausamen Salome.



Freitag, 20. Mai 2016

Mk-Einführung: Möge der Leser verstehen


1) Die Apostelgeschichte erzählt im Vers 8:30ff wie ein äthiopischer Hofbeamter von einem Besuch Jerusalems in seine Heimat zurückkehrt und dabei in der Kutsche ein Buch liest. Da in der Antike auch bei der eigenen privaten Lektüre regelmäßig laut gelesen wurde, konnte der vorbeikommende Apostel Philippus ihn „lesen hören“: „Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?

via wikimedia
Unsere moderne Erkenntnistheorie würde den Äthiopier ausdrücklich loben, denn er ist sich bewusst, dass ihm bei der Lektüre von Jesaja unweigerlich Verständnisfehler unterlaufen werden. Er besitzt eine Eigenschaft, die der Philosoph Hans-Georg Gadamer, „Offenheit“ nannte: die Bereitschaft zur Überwindung von Unkenntnis und Fehlverständnis. Die Wissenschaft lehrt uns beispielsweise, dass unser unbewusstes Vorverständnis eines Textes uns einerseits hilfreich ist, aber uns andererseits auch im Wege steht. Beim wiederholten und genaueren Lesen sind wir in der Lage, unser Erstverständnis des Textes in Frage zu stellen und zu einem besseren Verständnis zu gelangen.

Mit der Bibel hat es eine besondere Bewandtnis. Es gibt vielleicht kein Buch, bei dem der westliche Erstleser so viele Vorannahmen und so viel Vorkenntnis besitzt, ob er es nun will oder nicht. Er hat in der Regel bereits von einigen Berichten der Bibel aus anderen Medien gehört und meint schon einige wesentliche Inhalte und Botschaften zu kennen, noch bevor er das erste Wort in der Bibel gelesen hat.


2) Im 13. Kapitel des Markusevangeliums führt Jesus mit vier Jüngern „als sie allein waren“ ein Gespräch über die Zukunft. In Vers 14 der Luther-Bibel heißt es: „Wenn ihr aber sehen werdet das Gräuelbild der Verwüstung stehen, wo es nicht soll - wer es liest, der merke auf! -, alsdann, wer in Judäa ist, der fliehe auf die Berge.“ Wörtlich lautet der beiläufige Kommentar:

ὁ ἀναγινώσκων νοείτω
Der Lesende verstehe!

Für den aufmerksamen Leser stellt sich hier die Frage, wer diese Aufforderung zum richtigen Verstehen spricht und zu wem und um das Verständnis welchen Textes es geht. Ist es Jesus, der nach der Darstellung von Markus hier etwas zu den Jüngern sagt? Oder ist es etwa Markus, der mit uns als den Lesern seines Evangeliums spricht?

Freitag, 15. April 2016

Der fromme Marcion und das Primat des Markusevangeliums


1) Meines Erachtens ist die These, dass das Markusevangelium das ältestes Evangelium ist, eines der großen Verdienste der historisch-kritischen Methode. Zwar gab und gibt es vereinzelte Gelehrte, die für den Vorrang eines anderen Evangeliums plädieren. Die dafür vorgebrachten Gründe konnten sich jedoch nicht durchsetzen.

Marcion (rechts) und Johannes via wikicommons
Im vergangenen Jahr veröffentlichte der Dresdner Professor Matthias Klinghardt seine These, nach der das älteste bekannte Evangelium nicht jenes nach Markus, sondern das vom „Erzketzer“ Marcion von Sinope gewesen sei. Sein Erfurter Kollege, Prof. Markus Vinzent, vertritt die Auffassung, dass Marcions Evangelium nicht nur das erste uns bekannte, sondern überhaupt das erste Evangelium gewesen sei. Vor beiden hatte wohl auch Prof. David Trobisch eine ähnliche Meinung angedeutet. In einem „Die Welt“-Artikel vom 21.07.2015 „Ältestes Evangelium aus Ketzer-Bibel rekonstruiert“ wurde Klinghardts Buch umfangreich besprochen: „Das war und ist theologisches Dynamit. Denn das Ergebnis stellt 150 Jahre kritische Bibelforschung auf den Kopf: Nicht Marcion war demnach der viel gescholtene Erzketzer, der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. das Neue Testament nach seinen Vorstellungen verunstaltete und dabei auch gleich das Alte Testament daraus verbannte, sondern es ist das Marcion vorliegende Buch, das Ur-Evangelium, von dem alle anderen Evangelien abhängen.

In der Zukunft werden junge Theologen und Religionspädagogen die Studienbänke verlassen, denen gelehrt worden ist, dass Marcion das älteste Evangelium geschrieben habe. Auch unabhängig davon, wird das historische Interesse an Marcion sicher zunehmen. Mit diesem Beitrag möchte ich deshalb – für Interessierte, die wie ich selbst kaum eine Ahnung von Marcion haben - vor allem auf zwei kleine Dinge hinweisen: auf die „Frömmigkeit“ von Marcion und die problematische Frage nach dem Inhalt seines Evangeliums. Zum anderen will ich einen kleinen literarischen Fakt präsentieren, der für das Primat des Markusevangeliums gegen Marcion spricht, und außerdem etwas über die aus meiner Sicht kaum überzeugende Ausführung von Prof. Vinzent sagen, mit der er selbst versucht hat, den Vorrang von Marcion zu begründen.

Donnerstag, 31. März 2016

Verfluchter Feigenbaum II


Mk 11:13 Und ER sah einen Feigenbaum ... der Blätter hatte
1) Das Markusevangelium erwähnt den Feigenbaum im 11. Kapitel (Feigenbaumverfluchung) und im 13. Kapitel (Feigenbaumgleichnis). Die Erzählung von der Feigenbaumverfluchung weist eine Eigenheit auf, die zwar offensichtlich ist, aber bei der Auslegung häufig übersehen wird. Es handelt sich nämlich um eine Dreiecksgeschichte. Die „Personen“ der Handlung sind Jesus, der Feigenbaum und die Jünger.

Eine Gliederung der miteinander verbundenen Textabschnitte Mk 11:12-14 und Mk 11:20-25 könnte wie folgt aussehen:

Mk 11:20 Und ... SIE sahen den Feigenbaum ausgetrocknet

- Jesus und der Feigenbaum - Mk 11:12-14a
- Die Reaktion der Jünger - Mk 11:14b, 11:20-21
- Jesus belehrt die Jünger - Mk 11:22-25


Dass die Jünger einen wichtigen Bestandteil der Geschichte bilden, wird durch zwei weitere Umstände bestätigt.

Zum einen sind die Antworten von Jesus gegenüber dem Feigenbaum und den Jüngern auffällig parallel formuliert.



Feigenbaum (Mk 11:14) καὶ ἀποκριθεὶς εἶπεν αὐτῇ - Und bescheidend (er) sagte ihm
Jünger (Mk 11:22) καὶ ἀποκριθεὶς ὁ Ἰησοῦς λέγει αὐτοῖς - Und bescheidend der Jesus sagt ihnen

Zum anderen sind der Feigenbaum und die Jünger auch im Feigenbaumgleichnis in Mk 13:28ff nebeneinander in eine gemeinsame Reihe gestellt:

28 Ἀπὸ δὲ τῆς συκῆς μάθετε τὴν παραβολήν· ὅταν ἤδη ὁ κλάδος αὐτῆς ἁπαλὸς γένηται καὶ ἐκφύῃ τὰ φύλλα, γινώσκετε ὅτι ἐγγὺς τὸ θέρος ἐστίν
28 Aber<->von dem Feigenbaum lernt das Gleichnis: Sobald schon der Zweig (von) ihm zart wird und auswächst die Blätter, erkennt, dass nahe der Sommer ist;

29 οὕτως καὶ ὑμεῖς, ὅταν ἴδητε ταῦτα γινόμενα, γινώσκετε ὅτι ἐγγύς ἐστιν ἐπὶ θύραις.
29 Derart auch ihr: Sobald (ihr) seht, diese werdend, erkennt, dass nahe ist auf Türen.


2) Jesus und der Feigenbaum - Die sogenannte Verfluchung

Wer das Markusevangelium liest, ohne hin und wieder zu schmunzeln, dem sind meines Erachtens einige Aspekte der Erzählung entgangen. Ich meine, dass auch Mk 11:14b so ein Schmunzler ist:

καὶ ἤκουον οἱ μαθηταὶ αὐτοῦ.
Und (es) hörten die Jünger (von) ihm.

Donnerstag, 3. März 2016

Über die Metapher von Weinberg und Ölberg


1) Mein erster Beitrag über den Feigenbaum erwähnte, dass es im Markusevangelium zwischen Mk 11:1 und Mk 14:32ff einen regelrechten „Obstbaum“-Abschnitt gibt, in dem wiederkehrend der Feigenbaum, der Weinberg/-stock und der Ölbaum thematisiert werden, während sie im übrigen Evangelium fast vollständig fehlen. Während es mir schwer fällt, den Sinngehalt des Feigenbaums zu deuten, erscheint eine ungefähre Antwort bezüglich des Weinbergs und des Ölbergs bedeutend einfacher.

Das Gleichnis von den untreuen Weinbauern (Mk 12:1ff) nimmt Bezug auf das Weinberglied von Jesaja ben Amoz (Jes 5:1ff). Der Weinberg des Markusevangeliums sollte daher in seiner Bedeutung mit dem Weinberg Jesajas übereinstimmen und das „Haus Israel“ bezeichnen.

Der Ölbaum wird lediglich in Ortsbezeichnungen und mit seinem Produkt, dem Öl, erwähnt und steht in einer deutlichen Beziehung zu den Jüngern.


2) Der Vers Mk 12:1b spielt auf die Jesaja-Verse 5:1b-2 in der griechischen Übersetzung der Septuaginta an, die im Unterschied zum hebräischen Text in der Ich-Form gefasst sind. In der nachfolgenden Gegenüberstellung habe ich übereinstimmende griechische Wörter von Markus und LXX-Jesaja gleichlautend übersetzt und farblich markiert, so dass die markinische Bezugnahme auf Jesaja erkennbar wird.


Freitag, 12. Februar 2016

Verfluchter Feigenbaum I


1) Einige Bibelwissenschaftler bekennen freimütig, dass die Geschichte über die „Verfluchung des Feigenbaums“ (Mk 11:12ff) sie ratlos macht. Der Sinn dieser Erzählung im Markusevangelium sei nicht mehr greifbar. Je mehr ich mich mit dem Feigenbaum beschäftige, desto sympathischer finde ich diese Einschätzung. 

James Tissot via wikimedia
Seit langem stehen sich in der Wissenschaft zwei herrschende Meinungen zu dieser Frage gegenüber. Beide verstehen den Feigenbaum gleichnishaft. Nach der einen Auffassung symbolisiere der Feigenbaum den nur noch Finanzinteressen dienenden „Jerusalemer Tempelbetrieb“, nach der anderen das „ungläubige“ Volk von „Israel“. Neben diesen beiden herrschenden Auffassungen finden sich auch einige abweichende Positionen. Sowohl der Wikipedia-Artikel als auch ein etwas älterer Beitrag von Thomas Breuer bieten hierzu informative Übersichten.

Die beiden herrschenden Meinungen machen jeweils mehrere Argumente für sich geltend. Sowohl die „Tempel-Theorie“ als auch die „Volk-Israel-Theorie“ gründet sich letztlich auf einem Hauptargument, das durch weitere Gesichtspunkte nur noch abgerundet wird. Bei der „Tempel-Theorie“ ist dieses Argument die textliche Verklammerung von Tempelaktion und Feigenbaumverfluchung in der sogenannten Sandwich-Technik, bei der „Volk-Israel-Theorie“ die Vorprägung der Feigen-Metapher durch die hebräische Bibel. Mir geht es in diesem Beitrag nicht um die Richtigkeit der Theorien an sich, sondern lediglich um die Schlüssigkeit der beiden Hauptargumente. Meines Erachtens sind beide Argumente nicht stichhaltig.

Ich habe versucht, den Feigenbaum zunächst einmal aus einer anderen Perspektive zu sehen. Es geht dabei um die Art, wie Markus Pflanzen im Allgemeinen und Obstgewächse (einschließlich des Weinstocks und des Ölbaums) im Besonderen als Metaphern verwendet. Mein Eindruck war, dass die Verwendungsweise bei Markus sich in zwei wesentlichen Punkten von derjenigen von Matthäus und Lukas unterscheidet. Außerdem scheint es im Markusevangelium einen regelrechten „Obstbaum“-Abschnitt zu geben, der auch durch die verwendeten Ortsnamen markiert wird. Er beginnt in Markus 11:1 (vor der Ankunft in Jerusalem) mit der Erwähnung von Betfage („Haus der Frühfeigen“), nimmt seinen Weg u.a. über das Weinbauerngleichnis in Mk 12:1ff und endet in Mk 14:32ff im Garten Gethsemane (der „Ölpresse“) mit der Gefangennahme von Jesus und der Flucht der Jünger.