Mittwoch, 28. März 2018

Das abwesende Leiden unseres Herrn Jesu Christi

1) Als „Die Passion Christi“ von Mel Gibson aus dem Jahr 2004 ins Kino kam, löste der Film anhaltende Diskussionen aus. 
via wikimedia

Neben Vorwürfen, etwa der Gewaltverherrlichung, zielte die Kritik auf einige historische und biblische Details, die man zusammengefasst im wikipedia-Artikel nachlesen kann. Von kirchlicher Seite wurde Mel Gibson überwiegend verteidigt. So sei die geäußerte Kritik an wenigen Einzelheiten trivial; im Übrigen seien die Vorwürfe nicht begründet. Gerade aus dem Vatikan erntete der Film hohes Lob für seine realistische Darstellung und seine „Treue zu den Evangelien“. Selbst Papst Johannes Paul II. soll sich wohlwollend geäußert haben. Viele Kinobesucher empfanden dies ähnlich und waren zutiefst beeindruckt. Gänzlich unschuldig war Mel Gibson an dieser Situation freilich nicht, da er seinerseits ältere Jesus-Filme als historisch fehlerhaft kritisiert und stolz behauptet hatte, dass sein Werk nach geschichtlichem und biblischem Maßstab zuverlässig sei: „We’ve done the research. I’m telling the story as the Bible tells it.

Ich erwähne dies nicht, um hier zu einer Donquichotterie anzusetzen und mit 14jähriger Verspätung meinerseits den Film kritisieren zu wollen. Mir kam Gibsons Film dieser Tage nur in den Sinn und er erinnerte mich daran, dass unsere Vorstellung über den Inhalt der Evangelien unbewusst fehlerbehaftet sein kann und zwar nicht nur in kleinen Nebensächlichkeiten, sondern in grundlegenden Dingen. Geprägt von einer nahezu 2000jährigen Interpretation und Überzeugungsbildung ergänzen wir in unseren Gedanken unwillkürlich die Evangelien mit liebgewonnenen Themen, obwohl sie in den biblischen Berichten gar nicht vorkommen.

Schmerzensmann
Mel Gibson wollte mit seinem Film das Leiden von Jesus Christus veranschaulichen und deshalb enthält der Filmtitel auch das Wort Passion. Vor allem jene Zuschauer, die den Film positiv aufnahmen, waren gerade von dieser Verdeutlichung des Leidens tief beeindruckt. Schon die ältesten christlichen Glaubensbekenntnisse enthalten die Formel, dass Jesus gelitten hat. Das späte Mittelalter ist berühmt für seine künstlerischen Darstellungen von Jesus als Schmerzensmann und die christliche Literatur kennt unzählige Meditationen wie etwa die von Anna Katharina Emmerick über „Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi“. Millionen von Touristen pilgern jährlich die berühmte via dolorosa in Jerusalem und auch moderne Theologen sprechen vom Leidensbericht in den Evangelien.

In allen Evangelienabschnitten, die das Geschehen von der Verhaftung von Jesus bis zu seinem Kreuzestod erzählen (im Markusevangelium sind es die Verse 14:43-15:37), findet sich indes weder eine ausdrückliche Erwähnung des Leidens von Jesus, noch stellen die Evangelisten dieses Leiden dar. Die Berichte schildern, wie Jesus‘ Gegner ihn verurteilen, anspucken, schlagen, auspeitschen, verspotten und kreuzigen, aber sie erzählen nicht vom Leiden des Gepeinigten. Wir hören vor allem von den Handlungen der Täter, aber die Gefühle des Opfers bleiben unausgesprochen. In dieser wesentlichen Hinsicht steht der Film von Mel Gibson konträr zu den Evangelien, die das Leiden von Jesus gerade nicht thematisieren, geschweige es wie Gibson in den Mittelpunkt der Darstellung rücken.

Freitag, 23. Februar 2018

Judas Iskarioth, einer der Zwölf

1) Stets weckte die Gestalt von Judas Iskarioth nicht nur das Interesse von Theologen, sondern auch von Dichtern und Künstlern. 

Während die kirchliche Auslegungstradition sich in ihrem Nachdenken über Judas nur zaghaft vom Bild des verdammten jüdischen Verräters löst, interpretierten moderne Schriftsteller vor allem im vergangenen Jahrhundert die Gestalt des Judas Iskarioth radikal neu - etwa als jüdischen Freiheitskämpfer, der Jesus durch seine Tat zu einem Aufstand wider die römische Besatzungsmacht herausfordern wollte, oder als einzigen erleuchteten Jünger, der Gottes Heilsplan durchschaute und ihn im stillschweigenden Einverständnis mit Jesus durch seine Tat in Gang setzte.

Während Dante Alighieri sich Judas im untersten Höllenpfuhl und qualvoll von Luzifer gepeinigt vorstellte, sah Walter Jens in Judas den allseits verkannten, hervorragenden Jünger, der uneigennützig die schwere Bürde des göttlichen Helfershelfers auf sich nahm.

Ben Becker nach Walter Jens
Die Methodik der modernen Interpretationsansätze ähnelt sich meist. Dabei wird zunächst das kirchlich tradierte Judas-Bild verworfen, das - so die häufige Kritik - auf den späteren Evangelisten Matthäus, Lukas und Johannes beruhend sei, und dem vorgeworfen wird, dass es die Figur des Judas „verteufele“. Die Darstellung des Judas im Markusevangelium wird demgegenüber als bruchstückhaft empfunden und aufgrund dessen als wenig aussagekräftig bewertet. Diese Abkehr von den Quellen erlaubt nicht wenigen Schriftstellern und Theologen eine Spekulation darüber, „wie es denn wirklich gewesen sei“, und führt sie schließlich zum Entwurf eigener neuer Judas-Bilder.

In diesem Beitrag möchte ich diesen Interpretationen nicht etwa eine weitere hinzufügen, sondern lediglich eine Einzelheit im Charakterbild des Judas erörtern, wie man sie im Markusevangelium finden kann. Sie weist meines Erachtens ein vom Evangelisten sehr deutlich herausgearbeitetes Profil auf.

Freitag, 15. Dezember 2017

Von den großartigen Plänen der Hohenpriester

Die hebräische Bibel beinhaltet einige Geschichten über menschliche Vorhaben, die von Gottes eigenen Plänen durchkreuzt und ad absurdum geführt werden.

In der Regel versuchen diese Erzählungen auf humorvolle Weise den Gedanken zu vermitteln, dass göttliches Walten doch allmächtiger und menschliches Bemühen dagegen vergeblich ist. Die Erzählung von Jakobs ausgeklügeltem, aber aufgrund von Gottes Segen völlig unnötigem Versuch, seinen Bruder Esau mit menschlicher List zu versöhnen (Genesis 32:8ff, 33:8) oder von Bileam und seinem Esel (Numeri 22) mögen schöne Beispiele sein.

Auch das Markusevangelium weiß von solchen Geschichten zu erzählen. Ihr Gegenstand sind die Pläne der Hohenpriester, die entweder fehlschlagen oder vom Gotteswirken überrollt werden.

Samstag, 23. September 2017

Jörg Friedrichs liest Μᾶρκος (Markus)


Mit großer Freude darf ich eine Lesung des griechischen Markusevangeliums in klassischer Aussprache präsentieren. Für den Genuss beim Zuhören ein ganz herzliches Dankeschön an Jörg Friedrichs, der hier die weiteren Kapitel hochladen wird.


Donnerstag, 14. September 2017

Mk-Einführung: Neuzeitliche Diskussionen um die Echtheit des langen Markusschlusses

Häufig wird angenommen, dass die These der Unechtheit der Verse 16:9-20 des Markusevangeliums im 19. Jahrhundert entstanden sei. Tatsächlich geht dieser Gedanke aber auf Überlegungen aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zurück und war spätestens in den 1790er Jahren „fix und fertig“. In diesem Beitrag will ich einige Stationen des Weges aufzeigen, den diese These in der Neuzeit genommen und auf dem sie sich entwickelt hat.

1) Die Ehre, der erste neuzeitliche Zweifler an der Echtheit des langen Markusschlusses gewesen zu sein, gebührt wohl Kardinal Thomas Cajetan (eigentlich Tommaso de Vio; 1469 – 1534), der vor allem durch die Anhörung Luthers auf dem Reichstag zu Augsburg 1518 bekannt ist.

Als Kenner der Kirchenväter wusste Cajetan auch um einen Brief von Hieronymus an Hedybia aus dem späten 4. Jahrhundert n.Chr., in dem Hieronymus auf die Verse 16:9-20 zu sprechen kam und deren Unterschiede zum Matthäusevangelium. Als eine Lösungsmöglichkeit schlug Hieronymus vor, diese Verse nicht zu akzeptieren, weil sie nur in wenigen Exemplaren des Markusevangeliums vorhanden seien und in nahezu allen griechischen Handschriften fehlen würden.
Cajetan, In omnes D. Pauli et ...



Kardinal Cajetan schloss hieraus, dass die Echtheit der Verse 16:9-20 fraglich sei, und plädierte dafür, dass die katholische Kirche ihre Glaubenswahrheiten nicht auf diese Bibelstellen stützen sollte. Insbesondere durch verschiedene „Widerlegungen“ wurden die Thesen Cajetans öffentlich verbreitet. 


2) Im Jahr 1516 publizierte Erasmus von Rotterdam eine kritische Ausgabe des griechischen Textes des Neuen Testaments. Es handelte sich dabei um die erste veröffentlichte Druckausgabe in griechischer Sprache, die europaweit bekannt wurde.

In den später herausgegebenen Anmerkungen zum Bibeltext erwähnte Erasmus ebenfalls das Zeugnis des Hieronymus aus dem Brief an Hedybia, ohne ausdrücklich für oder gegen die Echtheit der Verse 16:9-20 Stellung zu nehmen.

Samstag, 8. Juli 2017

Das Evangelium im Schatten von Verfolgung

Paulus auf der Flucht
1) Im 2. Korintherbrief 11:23ff beruft sich Paulus auf seine Leiden als Apostel. Mehr als andere sei er ein Diener Christi, da er weit öfter unter Verfolgung und Bedrängnis gelitten habe.

23 Sie sind Diener Christi? Ich rede wider alle Vernunft: Ich bin's weit mehr! Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen. 24 Von Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; 25 ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. 26 Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr von meinem Volk, in Gefahr von Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern ...


2) Das Markusevangelium entwickelt ein vergleichbares Thema. Nach diesem Motiv, das sich quer durch das Evangelium zieht, steht die Verkündigung des Evangeliums unweigerlich im Schatten von Bedrängnis und Verfolgung und zieht diese nach sich. Das Thema setzt in Vers 1:14 ein, in dem Markus die Verhaftung des Täufers mit der Evangeliumsverkündigung durch Jesus verbindet.

14 Nachdem aber Johannes überantwortet wurde, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes …

Sonntag, 18. Juni 2017

Prophezeit Jesus im Markusevangelium die Zerstörung des Tempels?

1) Aufgrund der Verse 13:1-2 scheint diese Frage allenfalls von rhetorischem Wert zu sein. Auf den zweiten Blick kann man jedoch ernsthaft ins Überlegen kommen und dem widmet sich dieser Beitrag.

In der Regel wird die Frage im Hinblick auf drei Textstellen diskutiert.

11:23 Amen, das sage ich euch: Wenn jemand zu diesem Berg sagt: Heb dich empor und stürz dich ins Meer!, und wenn er in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dass geschieht, was er sagt, dann wird es geschehen.

13:1 Als Jesus den Tempel verließ, sagte einer von seinen Jüngern zu ihm: Meister, sieh, was für Steine und was für Bauten! 2 Jesus sagte zu ihm: Siehst du diese großen Bauten? Kein Stein wird auf dem andern bleiben, alles wird niedergerissen.



14:57 Einige der falschen Zeugen, die gegen ihn auftraten, behaupteten: 58 Wir haben ihn sagen hören: Ich werde diesen von Menschen erbauten Tempel niederreißen und in drei Tagen einen anderen errichten, der nicht von Menschenhand gemacht ist.


a) Es gibt zwar auch Theologen, die trotz des ausdrücklichen Hinweises auf die „falschen Zeugen“ in Markus 14:57 mutmaßen, dass der „historische Jesus“ den Satz gesagt hat, jedoch besteht im Rahmen einer getreuen Auslegung des Markusevangeliums natürlich keine Grundlage für diese Spekulation.

b) Zum Vers 11:23 wird von einigen Autoren erwogen, dass der dort angesprochene „Berg“ der Tempelberg sei und der „Sturz ins Meer“ eine Metapher für seine Zerstörung. Ich teile diese Meinung deshalb nicht, weil der Ort des „Berges“ in vielen biblischen Schriften ein mit besonderer Bedeutung versehener Ort ist. Seit Abraham, Moses und Elia steht der „Berg“ für einen Ort der Gottesnähe und der göttlichen Offenbarungen. Es muss daher m.E. jeweils geprüft werden, wie ein biblischer Autor mit diesem traditionell geprägten Thema in seiner Schrift umgeht. Auch für das Markusevangelium gilt, dass dem „Berg“ eine besondere Bedeutung zukommt. Er ist jedoch abgesehen von einer kleinen Ausnahme (Mk 5:5) thematisch stets mit den Jüngern verknüpft, so vor allem der Berg der Berufung der Zwölf, der Berg der Verklärung und der Ölberg. Im Gegensatz hierzu erwähnt Markus an keiner Stelle, dass der Tempel auf einem Berg steht.


2) Es bleiben aus meiner Sicht daher nur die Verse 13:1-2 als ernsthaft in Betracht kommende Textstelle übrig und 99,99 % aller Bibelwissenschaftler gehen davon aus, dass Jesus mit ihnen die Zerstörung des Tempels ankündigt. Das Argument dagegen stammt vom amerikanischen Gelehrten Yaron Eliav und lautet wie folgt:

Donnerstag, 1. Juni 2017

Markus 13

1) Das 13. Kapitel des Markusevangeliums scheint mir eine einzigartige jüngere Rezeptionsgeschichte aufzuweisen.

Vielleicht kann man sagen, dass sich das Hauptinteresse der historisch-kritischen Exegese an diesem Text darauf beschränkte, zwei oder drei Verse dieses Kapitels als Prophezeiung der Tempelzerstörung zu deuten und anhand dessen das Markusevangelium auf eine Zeit um 70 n.Chr. zu datieren. Den übrigen knapp 35 Versen maß man in der Regel wenig Bedeutung bei. Sie wurden entweder im Hinblick auf die Zerstörung Jerusalems interpretiert oder als bloßes apokalyptisches Schmuckwerk für unwesentlich gehalten. Hierdurch entstand eine allgemeine Meinung, nach der das 13. Kapitel vermeintlich von der Zerstörung des Tempels und der Eroberung Jerusalems im Jahr 70 n.Chr. handelt. Professor Pilhofers Vorlesung mag für diese Auffassung ein gutes Beispiel sein.

Spätestens seit den 1990er Jahren kündigte sich jedoch ein Wechsel in der Wahrnehmung der Ölbergrede an. Dabei wurde vor allem die offensichtliche Tatsache herausgestellt, dass sich der Text in der Hauptsache um etwas anderes dreht und die zentrale Prophezeiung, auf die die Rede von Jesus zuläuft, das Kommen des Menschensohnes in den Wolken und die Heimführung der Auserwählten in den Versen 26 und 27 ist. Dabei verwarfen die meisten jüngeren Kommentatoren nicht die Ansicht, dass Vers 13:2 auf die Tempelzerstörung anspielen könnte. Sie sahen in dieser Anspielung jedoch nicht mehr das Leitthema, unter dem das 13. Kapitel zu lesen ist. Vor allem simple Wahrheiten fielen dabei ins Gewicht, so etwa der Umstand, dass im gesamten Kapitel weder Jerusalem noch der eigentliche Tempel (ναός - naos) genannt wird. Der äußere Tempelbezirk mit den Vorhöfen (ἱερόν - hieron) wird zwar erwähnt, dabei wird aber von Markus nur erzählt, dass Jesus ihn verlässt (Mk 13:1) und später ihm gegenüber auf dem Ölberg sitzt (Mk 13:3). Jesus selbst spricht ausdrücklich mit keiner Silbe über ihn.

Was in zunehmendem Maß als inakzeptabel erscheint, ist die Vorstellung, dass wenige Andeutungen in drei Versen das zentrale Thema des Kapitels bilden sollen, während der ausdrückliche Inhalt von Jesus langer Rede nur unwesentliches Beiwerk darstellen soll. Für immer mehr Kommentatoren ist das in den Versen 26 und 27 prophezeite Kommen des Menschensohnes und die Sammlung der Auserwählten das eigentliche Thema des Kapitels, jener „Tag des Herrn“ von dem die Propheten der hebräischen Bibel sprachen und der nach Paulus wie ein „Dieb in der Nacht“ (1. Thessalonicher 5:2) hereinbrechen wird. Neben diesem alles umwälzenden Ereignis kommt der Tempelzerstörung allerhöchstens die Bedeutung einer - wenn auch nicht unwichtigen - Randnotiz zu.

Die Konsequenz des moderneren Verständnisses liegt darin, dass der bequeme Rückzug auf eine knappe Interpretation verschlossen ist und die gesamte Ölbergrede wieder gelesen und verstanden werden muss. Mit diesem Beitrag will ich nur einige kleine Anregungen für einen ersten Überblick geben, die meines Erachtens aus dem Aufbau des Kapitels folgen.

Freitag, 12. Mai 2017

Bedächtige Rhythmen bei Paulus

Literatur ist Geschmackssache. Man kann schlecht über sie streiten. Mich selbst aber beeindrucken vor allem vier neutestamentlicher Schriftsteller: Markus als großer Erzähler, Johannes als findiger Metaphernschmied, der 1. Petrusbrief mit seinem geschliffenen und verbindlichen Stil und Paulus.

Paulus wird häufig nur als Theologe wahrgenommen und die poetischen Stücke seiner Briefe, wie das Hohelied der Liebe oder der Philipperhymnus, als Einfügungen, die von einer anderen Hand stammen. Dabei wird meiner Meinung nach übersehen, dass Gedankenführungen bei Paulus in häufigen Fällen rhythmisch gestaltet sind.

Der Rhythmus entsteht vor allem sprachlich durch Wiederholungen von Wörtern oder einzelner Wortgruppen und gedanklich durch wiederkehrende Gegenüberstellungen und Aufzählungen sowie Untergliederungen des Textes. Ich habe dazu vier kleine Textstücke rausgesucht und sie in eine Form gesetzt, die hoffentlich das Gespür für die Rhythmik erleichtern könnte.

In Galater 1:1 sind sowohl Wortwiederholungen („Menschen“) und Gegensätze (Mensch <-> Jesus Christus) zu finden. Zudem spielt Paulus mit den griechischen Präpositionen „apo“ und „dia“, wobei die erste im Wort „Apostel“ als Vorsilbe auftaucht.

Samstag, 8. April 2017

Jenseits der „Frage nach der Auferstehung“ (Markus 12:18-27)

1) Wer sich ein wenig damit auskennt, weiß, dass die Überschriften in der Bibel nicht von den biblischen Autoren stammen, sondern von den Herausgebern moderner Bibeleditionen. Je nach Übersetzung können sie deshalb auch unterschiedlich lauten. Viele davon sind treffend und fassen die dazugehörige Schriftstelle unter einem einprägsamen Stichpunkt zusammen. Andere scheinen eher ungenau gewählt zu sein. Meines Erachtens ist Markus 12:18ff für letztere ein Beispiel. Luther, Elberfelder und Schlachter 2000 haben diesem Abschnitt die Überschrift „Die Frage nach der Auferstehung“ gegeben. In der Einheitsübersetzung und der Neuen Genfer lautet sie: „Die Frage nach der Auferstehung der Toten“. Manche große Übersetzungen formulieren als Fragestellung wie die Gute Nachricht: „Werden die Toten auferstehen?

Mose am Dornbusch
Mir scheinen diese Überschriften eher verfehlt, weil eine „Frage nach der Auferstehung“ in Markus 12:18ff nicht gestellt wird. Die Frage der Sadduzäer an Jesus lautet sinngemäß: „Von welchem Bruder wird sie in der Aufstehung die Frau sein?“ Es handelt sich dabei um eine Frage nach der Zugehörigkeit zu einem Ehepartner.

Ungeachtet dessen widmet sich die gänzlich überwiegende Mehrheit der Gelehrten ebenfalls dieser angeblichen Auferstehungsfrage, sobald der Textabschnitt erörtert wird. Vor einigen Jahren wurde an einer theologischen Fakultät sogar eine Seminararbeit zu dem Thema „Die Frage der Sadduzäer nach der Auferstehung (Mk 12,18-27)“ ausgegeben, in der dann auch behauptet wird: „So ergeht es auch den Sadduzäern, die in Mk 12,18-27 die Frage nach der Auferstehung, die in jener Zeit durchaus umstritten war, stellen.“ Nö, machen sie eben nicht, möchte man entgegnen, würde damit aber auf nahezu verlorenem Posten stehen.


2) Ich habe ein paar Mutmaßungen über dieses Desinteresse am Evangeliumstext angestellt und glaube, dass drei Gründe dafür ausschlaggebend sein könnten.