Freitag, 23. Februar 2018

Judas Iskarioth, einer der Zwölf

1) Stets weckte die Gestalt von Judas Iskarioth nicht nur das Interesse von Theologen, sondern auch von Dichtern und Künstlern. 

Während die kirchliche Auslegungstradition sich in ihrem Nachdenken über Judas nur zaghaft vom Bild des verdammten jüdischen Verräters löst, interpretierten moderne Schriftsteller vor allem im vergangenen Jahrhundert die Gestalt des Judas Iskarioth radikal neu - etwa als jüdischen Freiheitskämpfer, der Jesus durch seine Tat zu einem Aufstand wider die römische Besatzungsmacht herausfordern wollte, oder als einzigen erleuchteten Jünger, der Gottes Heilsplan durchschaute und ihn im stillschweigenden Einverständnis mit Jesus durch seine Tat in Gang setzte.

Während Dante Alighieri sich Judas im untersten Höllenpfuhl und qualvoll von Luzifer gepeinigt vorstellte, sah Walter Jens in Judas den allseits verkannten, hervorragenden Jünger, der uneigennützig die schwere Bürde des göttlichen Helfershelfers auf sich nahm.

Ben Becker nach Walter Jens
Die Methodik der modernen Interpretationsansätze ähnelt sich meist. Dabei wird zunächst das kirchlich tradierte Judas-Bild verworfen, das - so die häufige Kritik - auf den späteren Evangelisten Matthäus, Lukas und Johannes beruhend sei, und dem vorgeworfen wird, dass es die Figur des Judas „verteufele“. Die Darstellung des Judas im Markusevangelium wird demgegenüber als bruchstückhaft empfunden und aufgrund dessen als wenig aussagekräftig bewertet. Diese Abkehr von den Quellen erlaubt nicht wenigen Schriftstellern und Theologen eine Spekulation darüber, „wie es denn wirklich gewesen sei“, und führt sie schließlich zum Entwurf eigener neuer Judas-Bilder.

In diesem Beitrag möchte ich diesen Interpretationen nicht etwa eine weitere hinzufügen, sondern lediglich eine Einzelheit im Charakterbild des Judas erörtern, wie man sie im Markusevangelium finden kann. Sie weist meines Erachtens ein vom Evangelisten sehr deutlich herausgearbeitetes Profil auf.


2) Als Einführung mag es hilfreich sein, die wesentlichen Umstände zu vergegenwärtigen, die das Markusevangelium nicht über Judas sagt und die aus der Feder der anderen Evangelisten stammen.

Bekannt ist die Tatsache, dass ein Motiv des Judas im Markusevangelium nicht genannt wird. Anders als im Matthäusevangelium ist der Entschluss von Judas, Jesus an dessen Gegner auszuliefern, in Markus 14:10 bereits gefallen, noch bevor die Hohenpriester ihm dafür Geld versprechen. Auch die Vorstellungen des Johannesevangeliums, nach denen Judas ein habgieriger Kassenwart und ein Dieb gewesen sei, sind Markus fremd. Schließlich liegen auch die von Lukas und Johannes behaupteten Einflüsse des Teufels auf Judas dem Markusevangelium fern.

Über das spätere Schicksal des Judas enthält das Markusevangelium keine näheren Angaben. Weder seine Reue, noch sein Tod oder die „Nachwahl“ eines anderen 12. Apostels sind auch nur angedeutet.


3) Judas Iskarioth, einer der Zwölf

Judas Iskarioth wird im Markusevangelium an drei Stellen namentlich genannt: bei der Berufung der Zwölf (Markus 3:19), bei seinem Paktieren mit den Hohenpriestern (Markus 14:10) und der Gefangennahme von Jesus (Markus 14:43). Dabei betont Markus auch an den letzten beiden Stellen, dass es sich bei Judas um „einen der Zwölf“ handelt.

Mk 14:10 Judas Iskariot, einer der Zwölf, ging zu den Hohepriestern ...
Mk 14:43 Noch während er redete, kam Judas, einer der Zwölf, mit einer Schar ...

Bei der Berufung der Zwölf verdeutlicht Markus, dass jeder der zwölf Jünger nicht zufällig, sondern aufgrund des persönlichen Wunsches von Jesus erwählt wurde (Markus 3:13 „Jesus stieg auf einen Berg und rief die zu sich, die er selbst wollte, und sie kamen zu ihm ...“). Auch Judas ist damit durch Jesus persönlich berufen. Da Judas an keiner anderen Stelle des Markusevangeliums erwähnt wird, lässt sich sein Werdegang nur indirekt, nämlich als Mitglied der Zwölfgruppe verfolgen.

Ausdrücklich werden die Zwölf in Mk 4:10ff als Teil jener Jüngerschaft erwähnt, die Jesus aufgrund ihrer Verständnisschwierigkeiten über die Auslegung der Gleichnisse befragt. Als Mitglied der Zwölf wurde Judas von Jesus in Mk 6:7ff ausgesandt und erwarb sich dadurch die Bezeichnung „Apostel“. In Mk 9:35 erhielten die Zwölf besondere Unterweisungen. In Mk 10:32 kündigte Jesus den Zwölf detailliert sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung an. Im Anschluss daran lösen die Zebedäus-Söhne den Unmut der übrigen Zehn aus, als sie von Jesus einen Platz in seiner Herrlichkeit erbitten – Mk 10:35ff. Auch erzählt Markus in Mk 11:11, dass Jesus während seines Aufenthalts in Jerusalem mit den Zwölf in Bethanien übernachtete.

Schließlich nimmt Judas mit den übrigen der Zwölf am Paschamahl teil. Jeder der Zwölf weist während des Mahls den Vorwurf möglicher Untreue zurück (Mk 14:18 „Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern, einer, der mit mir isst. 19 Da wurden sie traurig und einer nach dem andern fragte ihn: Doch nicht etwa ich? 20 Er sagte zu ihnen: Einer von euch Zwölf, der mit mir in dieselbe Schüssel eintunkt.“). Auch versichern alle, dass sie Jesus nicht einmal in Todesgefahr verleugnen würden (Mk 14:31 „Petrus aber beteuerte: Und wenn ich mit dir sterben müsste - ich werde dich nie verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle anderen.“).

Den ersten der beiden Momente hat Leonardo da Vinci in seinem berühmten „Abendmahl“ eingefangen, das man als eine Art Gegenbild zur Darstellung des Markusevangeliums bezeichnen könnte. Vielleicht hilft gerade die Gegensätzlichkeit der Abendmahlszenen bei Markus und bei Leonardo gut zu verstehen, worin die eigentümliche Gestaltung des Markus besteht.


Leonardo ist es gelungen, jedem der Zwölf einen individuellen Ausdruck zu verleihen. Dabei kontrastieren der „empörte“ Bartholomäus (1. Kopf von links), der „den Vorwurf von sich weisende“ Andreas (3.v.l.), der „erstarrte“ Judas (4.v.l.), der sich bewaffnende Petrus (5.v.l.), der „still trauernde“ Johannes (6.v.l.), der mit dem Finger himmelwärts weisende Thomas (6.v.r.), der „entsetzte“ Jakobus (5.v.r.), der „tief betroffene“ Philippus (4.v.r.) und der „es nicht fassen könnende“ Matthäus (3.v.r.) besonders gut. Demgegenüber zeigen alle Zwölf im Markusevangelium exakt die gleiche Reaktion und sind nicht voneinander unterscheidbar (Mk 14:18 Einer von euch wird mich ausliefern, einer, der mit mir isst. 19 Da wurden sie traurig und einer nach dem andern fragte ihn: Doch nicht etwa ich?).

Judas Iskarioth ist in Leonardos Gemälde durch den Geldbeutel kenntlich gemacht. Im Unterschied zu den anderen Aposteln ist seine Haltung erstarrt und überwiegend abgewandt. Seine Hand langt wie die Hand von Jesus zum Teller, um auf das Schriftwort „Einer von euch wird mich ausliefern, einer, der mit mir isst“ Bezug zu nehmen. Wie das Matthäus- und das Johannesevangelium hebt Leonardo "seinen" Judas damit aus dem Kreis der Zwölf heraus und stellt ihn als eine einzeln zu denkende Person dar, mit der die übrigen Elf im Wesentlichen nichts mehr gemeinsam haben. Im Gegensatz dazu wird Judas in dieser Szene im Markusevangelium gar nicht erwähnt, sondern nur die Zwölf in ihrer Gesamtheit. Der Vorwurf von Jesus richtet sich bei Markus auch nicht an einen Einzelnen, sondern kollektiv an die Zwölf ( „Einer von euch ...“, „Einer der Zwölf ...“). 

Während Leonardo da Vinci in seinem berühmten Gemälde sinnbildlich mit dem Finger auf Judas als Schuldigen zeigt, weist Markus in seiner Darstellung unmissverständlich auf alle Zwölf hin.

Der Leser des Markusevangelium kann daher meines Erachtens eine eigenartige Erfahrung machen. Als Leser nehmen wir Judas bei seiner Paktiererei mit den Hohenpriestern und anlässlich der Verhaftung von Jesus als einzelne, kurzzeitig im Mittelpunkt stehende Person wahr - vergleichbar etwa mit Petrus, als dieser Jesus verleugnet. Gleichwohl misst man als normaler Leser den Taten der beiden Jünger ein unterschiedliches Gewicht zu. Die Verleugnung des Petrus mag zwar ein unrühmliches Scheitern ausdrücken, aber diese Fehlbarkeit des Petrus bewirkt nicht, dass wir als Leser über Petrus endgültig den Stab brechen und ihm seine Jüngerschaft absprechen würden. Hingegen scheint Judas mit seiner Tat eine Grenze zu überschreiten, die ihn unwiederbringlich außerhalb des Anhängerkreises von Jesus auf die Seite der Gegner stellt.

Mit seiner besonderen Gestaltung des Erzählberichtes erweckt Markus jedoch den Eindruck, dass er eben gegen diese naheliegende Würdigung des Lesers interveniert und uns davon abhalten möchte, genau diesen Gedanken zu denken. Markus scheint vielmehr dazu aufzufordern, auch in der Tat des Judas eine Ausprägung der Fehlbarkeit der Zwölf zu sehen und Judas nach wie vor als „einen der Zwölf“ zu betrachten. Dies mag bedeuten, dass auch das Verhalten des Judas nach dem Dafürhalten von Markus nicht als unentschuldbar zu bewerten, sondern eine Vergebung nicht ausgeschlossen ist.

Jenseits des kirchlich tradierten Judas-Bildes, aber auch fern von modernen Interpretationen schlägt das Markusevangelium damit eine Sichtweise auf Judas Iskarioth vor, die in der nahezu 2000jährigen Geschichte des Nachdenkens über Judas einzigartig sein dürfte.

Kommentare:

  1. Disagree with the conclusion that forgiveness is possible for all. I think the opposite is indicated:

    1) You have left out "Mark's" Jesus' commentary on the subject (so to speak):

    "
    Mark 14:21 For the Son of man goeth, even as it is written of him: but woe unto that man through whom the Son of man is betrayed! good were it for that man if he had not been born."

    2) So the handing over/betrayal is condemned. Our favorite author cleverly always uses the same word which means handing over or betrayed. At the text level Judas is the one tagged with this word so he is the one condemned. But at the sub-text (reader) level, is it handing over or betrayal that is condemned and WHO is being condemned? As you point out all 12 ask if they are the one. Is it Judas for handing over or Peter for betrayal? The subsequent text is all about condemning Peter and not Judas. Think of it like the street game where two objects, in this case Judas and Peter, are placed under three covers, in this case all marked with the Greek word for "handing over/betrayed" and then the covers are rapidly switched between places. You then have to guess which one the condemned disciple is under. I choose Peter.

    As you point out the lack of explicit motive by "Mark" is reMarkable, especially to me as I think GMark is Greek Tragedy. Aristotle points out that an important component of Greek Tragedy is plausibility. Plausibility is supplied by motivation and "Mark" is normally careful to provide motivation. As you point out the lack of explicit motivation here indicates the motivation is implied. Implied by Jesus' prophecy/instruction that he NEEDS to be handed over/betrayed.

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    1. Thanks for the comment Joe. You are completely right that I left out Mark 14:21. But, to be fair, it was not the conclusion of my post, but just an aside. I think the point needs further examination against the background of Mark 3:28.

      btw Note that the motives of all other relevant persons in the story (the chief priests Mark 15:10, Pilate Mark 15:15, Herod Mark 6:17 and 6:26) are explicitly mentioned.

      Greetings, KK

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