Montag, 14. Mai 2018

Steht das wirklich in der Bibel?

1) In der Welt der bunten bibleblogs gibt es einige, die sich dem in der Überschrift genannten Thema widmen. Ihr Ansporn ist die Faszination angesichts von Bibelversen, die wir in der Bibel einfach nicht erwarten. Das Buch der Bücher erscheint an diesen Stellen moderner, überraschender und kühner als sein Ruf. Unter diesem Blickwinkel würde ich die schönen Verse Hohelied 5:2-6 nennen, die nicht nur ein erotisches Flair, sondern auch eine sexuelle Mehrdeutigkeit entstehen lassen. 

Marc Chagall "Das Hohelied II"
Das „Lied der Lieder“ - von Luther „Hohelied“ genannt - (hebr: Schîr hasch-schîrîm, gr: asma asmatôn) wird im Judentum und Christentum zumindest seit Rabbi Akiba, Hippolyt von Rom und Origenes allegorisch interpretiert. Nach den Auslegungen dieser Denker sei das Thema des Hoheliedes nicht die Liebe zwischen Frau und Mann, sondern zwischen Gott und seinem Volk bzw. der Seele jedes Einzelnen. Nur vereinzelt hat es antike und mittelalterliche Gelehrte gegeben, die das Hohelied wörtlich verstanden und es deshalb aus der Bibel verbannt wissen wollten. Die spirituelle Interpretation schützte das Hohelied daher vor einer Verdammnis.

Eine neue Sichtweise auf das Hohelied eröffnete Johann Gottfried Herder im 18. Jahrhundert, der ihm das Verständnis als einer wunderschönen Liebesdichtung zurückgab: „Schämest du dich des Hohenlieds, Heuchler, so schäme dich auch des Weibes, die dich empfangen, und des Kindes, das dir dein Weib geboren, am meisten aber deiner selbst, Deiner!“ Goethe hat es als Weltpoesie gefeiert und im „Faust“ einige Anklänge an das Hohelied in den Äußerungen von Gretchen verarbeitet.


2) Wer das Hohelied ein wenig kennt, weiß, dass es das unerfüllte Begehren dramatisiert. Braut und Geliebter besingen ihre Liebe und einander, aber der Moment der absoluten Erfüllung bleibt im Lied aus. Auch die Verse 5:2-6 kreisen um diesen Punkt.

Eine gängige moderne Interpretation der Verse lautet, dass es sich bei der Schilderung um einen Traum der Braut handelt („Ich schlief, aber mein Herz war wach …“). Sie träumt vom Kommen des Geliebten („Horch, mein Freund klopft an...“). Noch als sie erwacht, nimmt sie die Trugbilder des Traums als Wirklichkeit, muss aber feststellen, dass der Geliebte nicht da ist („Aber als ich meinem Freund aufgetan hatte, war er weg und fortgegangen ...“). Im Traum verzehrt sie sich in ihrer Sehnsucht nach dem Geliebten.

Die Verse lauten in der Lutherübersetzung:

2 Ich schlief, aber mein Herz war wach.

Horch, mein Freund klopft an:
»Tu mir auf, meine Schwester, meine Freundin,
meine Taube, du Makellose!
Mein Haupt ist voll Tau und
meine Locken voll Tropfen der Nacht.«

3 »Ich habe mein Kleid ausgezogen –
wie soll ich es wieder anziehen?
Ich habe meine Füße gewaschen –
wie soll ich sie wieder schmutzig machen?«

4 Mein Freund steckte seine Hand durchs Riegelloch,
und mein Leib bebte ihm entgegen.

5 Da stand ich auf, dass ich meinem Freunde auftäte;
meine Hände troffen von Myrrhe und
meine Finger von fließender Myrrhe
an den Griffen des Riegels.

6 Aber als ich meinem Freund aufgetan hatte,
war er weg und fortgegangen.
Meine Seele war außer sich,
dass er sich abgewandt hatte.
Ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht;
ich rief, aber er antwortete mir nicht.


Die Verse spielen mit der Mehrdeutigkeit von Wörtern. Die geträumte Aufforderung des Geliebten „Tu mir auf“ beginnt den Reigen der Doppeldeutigkeit. Das „Stecken der Hand durch's Riegelloch“ wirkt besonders im Original anzüglich, da das hebräische Wort „chor“ schlicht „Öffnung“ bedeutet und nur gängige Übersetzungen es mit „Tür“, „Fenster“ oder „Riegelloch“ übertragen. Das „Beben des Leibs“ der Braut weckt die Vorstellung einer sexuellen Erregung. Auch das „Triefen der Hände von Myrrhe“ lässt an Körperflüssigkeiten während des Liebesspiels denken.

Natürlich wird eine solches Verständnis nicht von allen Exegeten geteilt. Im englischen Sprachraum findet man häufig Diskussionen darüber, ob die Verse nun das eine oder das andere meinen.

Ich selbst glaube, dass der Dichter des Liedes von vornherein nur auf den süßen Schauder des Lesers abzielte. Als Leser sollen wir nur den bloßen Eindruck bekommen, aber diesen auch wirklich haben, dass hier mehr gemeint sein könnte als ein im letzten Moment abgebrochener Besuch zu nächtlicher Stunde und uns ohne letzte Gewissheit verführen lassen von dieser erregenden Phantasie.

1 Kommentar:

  1. Oh, ein anderes meiner Lieblingsthemen!
    Wie immer kann die Frage nach dem Sinn der Texte auf verschiedenen Ebenen gestellt werden, zumal wenn man davon ausgeht, dass der Text nicht aus dem poetischen Nichts kommt sondern wohl auch älteres Material verwendet und zusammenstellt, und sich nun in einem grösseren Zusammenhang befindet (tanakh, Bibel, Liturgie, etc.) (Und dieses offene "Mehr" ist ja an sich schon eine schöne Herausforderung für den theologischen Segler. Na, ich bin ja mehr ein Waldmensch, aber da gibts auch viele Wege, Pfade und Stiege.)
    André LaCoque hat ein interessantes Buch geschrieben (Romance, she wrote), in dem er verfolgt wie der Text (nach LaCoques Ansicht der einer Verfasserin) Ideen, Bilder und Formulierungen aus Tempeltheologie und prophetischer Theologie aufnimmt, verändert, kritisiert und in eine andere Richtung dreht (zB Ct 4:6 .השבעתי אתכם...בצבאות או באילות השדה "hischbati ätchäm bizvaot o beajalot hassadäh" wohin man leicht יי צבאות und אל שדי "(JHWH) zvaot" und "el schaddaj" assoziieren kann. Oder wenn man die Gewürze mit der Zusammensetzung des Salböls vergleicht). "For the Canticle, human love is the analogy of God's love, of which it is the incarnation." Wie würde sich das Hohelied lesen, wenn man all diese Texte im Hinterkopf präsent und die Sinne offen für alle Anspielungen hätte?

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