Freitag, 15. April 2016

Der fromme Marcion und das Primat des Markusevangeliums


1) Meines Erachtens ist die These, dass das Markusevangelium das ältestes Evangelium ist, eines der großen Verdienste der historisch-kritischen Methode. Zwar gab und gibt es vereinzelte Gelehrte, die für den Vorrang eines anderen Evangeliums plädieren. Die dafür vorgebrachten Gründe konnten sich jedoch nicht durchsetzen.

Marcion (rechts) und Johannes via wikicommons
Im vergangenen Jahr veröffentlichte der Dresdner Professor Matthias Klinghardt seine These, nach der das älteste bekannte Evangelium nicht jenes nach Markus, sondern das vom „Erzketzer“ Marcion von Sinope gewesen sei. Sein Erfurter Kollege, Prof. Markus Vinzent, vertritt die Auffassung, dass Marcions Evangelium nicht nur das erste uns bekannte, sondern überhaupt das erste Evangelium gewesen sei. Vor beiden hatte wohl auch Prof. David Trobisch eine ähnliche Meinung angedeutet. In einem „Die Welt“-Artikel vom 21.07.2015 „Ältestes Evangelium aus Ketzer-Bibel rekonstruiert“ wurde Klinghardts Buch umfangreich besprochen: „Das war und ist theologisches Dynamit. Denn das Ergebnis stellt 150 Jahre kritische Bibelforschung auf den Kopf: Nicht Marcion war demnach der viel gescholtene Erzketzer, der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. das Neue Testament nach seinen Vorstellungen verunstaltete und dabei auch gleich das Alte Testament daraus verbannte, sondern es ist das Marcion vorliegende Buch, das Ur-Evangelium, von dem alle anderen Evangelien abhängen.

In der Zukunft werden junge Theologen und Religionspädagogen die Studienbänke verlassen, denen gelehrt worden ist, dass Marcion das älteste Evangelium geschrieben habe. Auch unabhängig davon, wird das historische Interesse an Marcion sicher zunehmen. Mit diesem Beitrag möchte ich deshalb – für Interessierte, die wie ich selbst kaum eine Ahnung von Marcion haben - vor allem auf zwei kleine Dinge hinweisen: auf die „Frömmigkeit“ von Marcion und die problematische Frage nach dem Inhalt seines Evangeliums. Zum anderen will ich einen kleinen literarischen Fakt präsentieren, der für das Primat des Markusevangeliums gegen Marcion spricht, und außerdem etwas über die aus meiner Sicht kaum überzeugende Ausführung von Prof. Vinzent sagen, mit der er selbst versucht hat, den Vorrang von Marcion zu begründen.

Donnerstag, 31. März 2016

Verfluchter Feigenbaum II


Mk 11:13 Und ER sah einen Feigenbaum ... der Blätter hatte
1) Das Markusevangelium erwähnt den Feigenbaum im 11. Kapitel (Feigenbaumverfluchung) und im 13. Kapitel (Feigenbaumgleichnis). Die Erzählung von der Feigenbaumverfluchung weist eine Eigenheit auf, die zwar offensichtlich ist, aber bei der Auslegung häufig übersehen wird. Es handelt sich nämlich um eine Dreiecksgeschichte. Die „Personen“ der Handlung sind Jesus, der Feigenbaum und die Jünger.

Eine Gliederung der miteinander verbundenen Textabschnitte Mk 11:12-14 und Mk 11:20-25 könnte wie folgt aussehen:

Mk 11:20 Und ... SIE sahen den Feigenbaum ausgetrocknet

- Jesus und der Feigenbaum - Mk 11:12-14a
- Die Reaktion der Jünger - Mk 11:14b, 11:20-21
- Jesus belehrt die Jünger - Mk 11:22-25


Dass die Jünger einen wichtigen Bestandteil der Geschichte bilden, wird durch zwei weitere Umstände bestätigt.

Zum einen sind die Antworten von Jesus gegenüber dem Feigenbaum und den Jüngern auffällig parallel formuliert.



Feigenbaum (Mk 11:14) καὶ ἀποκριθεὶς εἶπεν αὐτῇ - Und bescheidend (er) sagte ihm
Jünger (Mk 11:22) καὶ ἀποκριθεὶς ὁ Ἰησοῦς λέγει αὐτοῖς - Und bescheidend der Jesus sagt ihnen

Zum anderen sind der Feigenbaum und die Jünger auch im Feigenbaumgleichnis in Mk 13:28ff nebeneinander in eine gemeinsame Reihe gestellt:

28 Ἀπὸ δὲ τῆς συκῆς μάθετε τὴν παραβολήν· ὅταν ἤδη ὁ κλάδος αὐτῆς ἁπαλὸς γένηται καὶ ἐκφύῃ τὰ φύλλα, γινώσκετε ὅτι ἐγγὺς τὸ θέρος ἐστίν
28 Aber<->von dem Feigenbaum lernt das Gleichnis: Sobald schon der Zweig (von) ihm zart wird und auswächst die Blätter, erkennt, dass nahe der Sommer ist;

29 οὕτως καὶ ὑμεῖς, ὅταν ἴδητε ταῦτα γινόμενα, γινώσκετε ὅτι ἐγγύς ἐστιν ἐπὶ θύραις.
29 Derart auch ihr: Sobald (ihr) seht, diese werdend, erkennt, dass nahe ist auf Türen.


2) Jesus und der Feigenbaum - Die sogenannte Verfluchung

Wer das Markusevangelium liest, ohne hin und wieder zu schmunzeln, dem sind meines Erachtens einige Aspekte der Erzählung entgangen. Ich meine, dass auch Mk 11:14b so ein Schmunzler ist:

καὶ ἤκουον οἱ μαθηταὶ αὐτοῦ.
Und (es) hörten die Jünger (von) ihm.

Donnerstag, 3. März 2016

Über die Metapher von Weinberg und Ölberg


1) Mein erster Beitrag über den Feigenbaum erwähnte, dass es im Markusevangelium zwischen Mk 11:1 und Mk 14:32ff einen regelrechten „Obstbaum“-Abschnitt gibt, in dem wiederkehrend der Feigenbaum, der Weinberg/-stock und der Ölbaum thematisiert werden, während sie im übrigen Evangelium fast vollständig fehlen. Während es mir schwer fällt, den Sinngehalt des Feigenbaums zu deuten, erscheint eine ungefähre Antwort bezüglich des Weinbergs und des Ölbergs bedeutend einfacher.

Das Gleichnis von den untreuen Weinbauern (Mk 12:1ff) nimmt Bezug auf das Weinberglied von Jesaja ben Amoz (Jes 5:1ff). Der Weinberg des Markusevangeliums sollte daher in seiner Bedeutung mit dem Weinberg Jesajas übereinstimmen und das „Haus Israel“ bezeichnen.

Der Ölbaum wird lediglich in Ortsbezeichnungen und mit seinem Produkt, dem Öl, erwähnt und steht in einer deutlichen Beziehung zu den Jüngern.


2) Der Vers Mk 12:1b spielt auf die Jesaja-Verse 5:1b-2 in der griechischen Übersetzung der Septuaginta an, die im Unterschied zum hebräischen Text in der Ich-Form gefasst sind. In der nachfolgenden Gegenüberstellung habe ich übereinstimmende griechische Wörter von Markus und LXX-Jesaja gleichlautend übersetzt und farblich markiert, so dass die markinische Bezugnahme auf Jesaja erkennbar wird.


Freitag, 12. Februar 2016

Verfluchter Feigenbaum I


1) Einige Bibelwissenschaftler bekennen freimütig, dass die Geschichte über die „Verfluchung des Feigenbaums“ (Mk 11:12ff) sie ratlos macht. Der Sinn dieser Erzählung im Markusevangelium sei nicht mehr greifbar. Je mehr ich mich mit dem Feigenbaum beschäftige, desto sympathischer finde ich diese Einschätzung. 

James Tissot via wikimedia
Seit langem stehen sich in der Wissenschaft zwei herrschende Meinungen zu dieser Frage gegenüber. Beide verstehen den Feigenbaum gleichnishaft. Nach der einen Auffassung symbolisiere der Feigenbaum den nur noch Finanzinteressen dienenden „Jerusalemer Tempelbetrieb“, nach der anderen das „ungläubige“ Volk von „Israel“. Neben diesen beiden herrschenden Auffassungen finden sich auch einige abweichende Positionen. Sowohl der Wikipedia-Artikel als auch ein etwas älterer Beitrag von Thomas Breuer bieten hierzu informative Übersichten.

Die beiden herrschenden Meinungen machen jeweils mehrere Argumente für sich geltend. Sowohl die „Tempel-Theorie“ als auch die „Volk-Israel-Theorie“ gründet sich letztlich auf einem Hauptargument, das durch weitere Gesichtspunkte nur noch abgerundet wird. Bei der „Tempel-Theorie“ ist dieses Argument die textliche Verklammerung von Tempelaktion und Feigenbaumverfluchung in der sogenannten Sandwich-Technik, bei der „Volk-Israel-Theorie“ die Vorprägung der Feigen-Metapher durch die hebräische Bibel. Mir geht es in diesem Beitrag nicht um die Richtigkeit der Theorien an sich, sondern lediglich um die Schlüssigkeit der beiden Hauptargumente. Meines Erachtens sind beide Argumente nicht stichhaltig.

Ich habe versucht, den Feigenbaum zunächst einmal aus einer anderen Perspektive zu sehen. Es geht dabei um die Art, wie Markus Pflanzen im Allgemeinen und Obstgewächse (einschließlich des Weinstocks und des Ölbaums) im Besonderen als Metaphern verwendet. Mein Eindruck war, dass die Verwendungsweise bei Markus sich in zwei wesentlichen Punkten von derjenigen von Matthäus und Lukas unterscheidet. Außerdem scheint es im Markusevangelium einen regelrechten „Obstbaum“-Abschnitt zu geben, der auch durch die verwendeten Ortsnamen markiert wird. Er beginnt in Markus 11:1 (vor der Ankunft in Jerusalem) mit der Erwähnung von Betfage („Haus der Frühfeigen“), nimmt seinen Weg u.a. über das Weinbauerngleichnis in Mk 12:1ff und endet in Mk 14:32ff im Garten Gethsemane (der „Ölpresse“) mit der Gefangennahme von Jesus und der Flucht der Jünger.

Dienstag, 2. Februar 2016

Rezension zu Lorenz Wilkens: „Deine Treue hat dich geheilt“


via Amazon
1) Unter den seriösen deutschsprachigen Büchern, die in den letzten Jahren zum Markusevangelium erschienen sind, ist vielleicht keines so eigenständig, wie Lorenz Wilkens' „Deine Treue hat dich geheilt“: Studien über die Heilungsmacht Jesu und die apokalyptische Erwartung im Markusevangelium, Verlag Peter Lang, 2011, ca. 200 Seiten. Diese Eigenständigkeit beruht vor allem auf dem thematischen und methodischen Schwerpunkt von Lorenz Wilkens. Sein Interesse am Markusevangelium unterscheidet sich sowohl von dem der „historisch-kritischen Methode“ als auch dem der „narrativen Exegese“. Er gehört auch nicht zu jenen Theologen, deren Ziel es ist, im Markusevangeliums die alten Glaubensdogmen wiederzufinden.

Laut dem Klappentext des Verlags zielen Wilkens' Überlegungen auf eine „Erneuerung von Theologie“. Meinem Eindruck nach unternimmt das Buch noch weit mehr. Ich würde sagen (Lorenz Wilkens mag mir vergeben, falls ich mich täusche!), dass seine Intention eher ein erneuertes Selbstverständnis als Christ und ein erneuertes Christ-Sein an sich ist. Seinem Buch hat er einen Gedanken von Gershom Scholem vorangestellt: „Der Gerechte … lebt in der wahren Distanz; der Gerechte lebt in seiner Treue (Habakuk II,4); Treue aber ist ein Distanzverhältnis.

Das Markusevangelium beschreibt – so Lorenz Wilkens - vor allem zwei Typen, die ein solches Treue-Verhältnis zu Jesus verfehlen: Menschen mit unreinem Geist (oder Dämon) und die breite Volksmenge.

links: Lorenz Wilkens
Die unreinen Geister im Markusevangelium huldigen Jesus in der Regel als „Sohn Gottes“ oder mit ähnlichem Hoheitstitel und beugen sich seiner Autorität, zuweilen gar niederkniend oder sich vor ihm hinwerfend. Sie begegnen ihm jedoch furchtsam und widerstreben einer Beziehung mit ihm. In Mk 1:21 ff „wird von einem Menschen gesprochen, der sich in einem 'unreinen Geist' befindet; der schreit: 'Was ist (zwischen) mir und dir, Jesus von Nazareth? Bist Du gekommen, uns zu vernichten? Ich kenne dich, wer Du bist, der Heilige Gottes.'“ … Er zitiert die Witwe von Zarpath, bei der Elia Aufenthalt genommen hat – 1 Kön 17 … 'Was ist (zwischen) mir und dir? Du bist zu mir gekommen, dass meiner Sünde gedacht und mein Sohn getötet würde.'“ Der Mann mit dem unreinen Geist „... sieht Jesus und identifiziert ihn unvermittelt mit Elia, mithin sich mit der Witwe von Zarpath, deren Sohn auf den Tod erkrankt war.“ Die Dämonisierten ängstigen sich vor Jesus in der Sorge, dass er zur Bestrafung ihrer Sünden und Verfehlungen gekommen ist. Ihnen mangelt es an Vertrauen, sie ziehen sich furchtsam in sich zurück. Der besessene Gerasener schreit in Mk 5:7 - „Was ist (zwischen) mir und dir, Jesus, du Sohn Gottes, des Allerhöchsten? Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich nicht!

Die breite Volksmenge steht im Markusevangelium für das genaue Gegenteil: „So reflexhaft, wie die psychisch Kranken sich von ihm abstoßen, zieht es die Menge zu ihm hin. Die Menschen sind nicht bei sich; es handelt sich um Massenhysterie.“ - etwa in Mk 3:10 („Denn er heilte viele, sodass alle, die geplagt waren, über ihn herfielen, um ihn anzurühren.“) „Sie werden ihm nicht zum Gegenüber. Sie verlieren die Distanz voneinander …; daher verlieren sie die Achtung vor dem Schonraum ... Sie ziehen ihm die Kraft aus dem Leib ohne Rücksicht … Sie machen ihn zu ihrem Idol; er will es nicht ...

Die Theologie von Markus mündet nach Wilkens in eine „Ontologie“, einer Seinsweise, einer gewissen Art zu leben, zu handeln und zu denken. In dieser Seinsweise ist der Mensch vor allem Partner in einer Treue-Beziehung zu Gott und zu seinem Nächsten. Weit entfernt von einem Bruch mit der hebräischen Bibel bringt Markus erneut zur Geltung, was spätestens seit Abraham gegolten hat: der Bund oder das Bündnis zwischen Gott und Mensch in einer Beziehung der Treue.

Dienstag, 5. Januar 2016

Jesus und das Fohlen des „Schilo“


1) In der nebenstehenden Abbildung habe ich den griechischen Wortlaut der Verse 11:1-11 des Markusevangeliums über die Ankunft von Jesus in Jerusalem in einen Fließtext gesetzt. Gerötet ist die Schilderung über die Beschaffung des Fohlens, dem Reittier von Jesus. Wörter, die das Angebundensein, das Lösen und das Bringen des Fohlens bezeichnen, sind gelb unterlegt. Der blaue Text beinhaltet die anschließenden Handlungen und Rufe der Pilger. Wie man sieht, ist der gerötete Text doppelt so umfangreich wie der blaue. Das Hauptaugenmerk von Markus lag in dieser Perikope anscheinend auf der Indienstnahme des Fohlens. 

via Free Bible Images
Dieses Fohlen wird von Jesus in Mk 11:2 gegenüber zwei Jüngern wie folgt beschrieben:

εὑρήσετε πῶλον δεδεμένον ἐφ’ ὃν οὐδεὶς οὔπω ἀνθρώπων ἐκάθισεν·
(ihr) findet Fohlen, gebunden, auf welchem niemand noch-nicht (von) Menschen saß

Das einzige „gebundene Fohlen“, von dem wir mit Sicherheit wissen, das Markus es kannte, ist das Fohlen des „mythischen“ Schilo aus dem Segen Jakobs in Bereschit (LXX-Genesis) 49:11. Zunächst die deutsche Übersetzung der Septuaginta (Gen 49:10-11):

Nicht wird weichen von Juda der Fürst und von seinen Hüften der Herrscher, bis das, was für ihn aufbewahrt ist, kommt, und er selbst ist die Erwartung der Völker. Er bindet sein Fohlen (πῶλον) an einen Weinstock und das Fohlen (πῶλον) seiner Eselin an die Weinranke. Im Wein wird er sein Kleid waschen und im Blut der Traube seinen Umhang.

Justin der Märtyrer hat in der Mitte des 2. Jahrhunderts n.Chr. die Markusverse 11:2-4 ebenfalls als Anspielung auf Genesis 49:11 verstanden: „Jener Satz aber: 'Er bindet an den Weinstock sein Füllen und wäscht sein Gewand im Blute der Traube' sollte sinnbildlich andeuten, was Christus erleben und was er vollbringen werde. Denn ein Eselsfüllen stand am Eingange eines Dorfes, an einen Weinstock angebunden, und das befahl er seinen Jüngern ihm zuzuführen, und als es ihm zugeführt war, bestieg er es, setzte sich darauf und zog in Jerusalem ein, wo das Hauptheiligtum der Juden war, ...“ (1. Apologie, 32. Kapitel).


2) Aus dem 1. Jahrhundert n.Chr. sind uns neben Markus vermutlich noch drei weitere Interpretationen der „Prophezeiung“ aus Gen 49:10-11 überliefert: die der Qumran-Gelehrten, die der Aufständischen im Jüdisch-Römischen-Krieg und die von Joseph ben Mathitjahu, genannt Flavius Josephus.

Freitag, 18. Dezember 2015

Triumphaler Einzug in Jerusalem?


1) Was bleibt von der Perikope über Jesus' Ankunft in Jerusalem übrig, wenn man all das wieder abzieht, was Matthäus, Lukas und Johannes hinzugedichtet haben - an Palmwedeln, doppelten Eseln, verärgerten Pharisäern, neugierigen Griechen, schreienden Steinen, Tränen über Jerusalem etc. ? 

Ankunft in Jerusalem nach Johannes ...

- Die Erzählung spielt bis zum Vers 11:10 noch auf dem letzten Wegstück in Richtung Jerusalem. Sie erzählt nicht von einem „Einzug“ in die Stadt.

- Das Reittier ist ein Fohlen, dessen Indienstnahme von Markus sehr detailliert beschrieben ist.

- Viele sich entkleidende (nackte?) Menschen begegnen dem Leser. Die Jünger werfen ihre Gewänder dem Fohlen über, die große Menge bettet sie in den Weg.

- Hosanna-Rufe, die sich nicht auf Jesus zu beziehen scheinen.

- Während Jesus in den anderen Evangelien große Aufmerksamkeit mit seiner Ankunft erzielt, ist fraglich, ob bei Markus jemand eine besondere Notiz von ihm nimmt.

- Jesus' tatsächliche Ankunft in Jerusalem in Vers 11:11 ist unspektakulär. Er inspiziert kurz den Tempel und geht dann mit den Zwölf nach Bethania.

Man liest diese Perikope und liest sie erneut und es beschleicht einen dabei der Eindruck, dass das Markusevangelium möglicherweise das Gegenteil, zumindest etwas ganz anderes erzählt als Matthäus, Lukas und Johannes. Ein „bejubelter Einzug“ von Jesus in Jerusalem scheint nach Markus nicht stattgefunden zu haben.

Meinte Markus dies?
In Vers 11:10 preisen die Pilger das kommende „Königreich unseres Vaters David“ - eine Einzelheit, die alle anderen Evangelisten gestrichen haben. Dieser Schrei der Pilger steht konträr zur Verkündigung von Jesus, der das „Königreich Gottes“ predigt und die Anrede „Vater“ ausschließlich für Gott verwendet. Wollte - so Markus - Jesus mit seinem Ritt ein Zeichen setzen und sich abgrenzen von einem Pilgerzug, der in einem nationalistisch verblendeten Freudentaumel endete?


2) Wie Matthäus die Perikope veränderte

Montag, 30. November 2015

Zur Einführung in das Markusevangelium


Die Beiträge, die ich auf meinem Blog veröffentliche, haben für mich eher vorläufigen Charakter. Sie spiegeln ein momentanes Nachdenken über diese oder jene Stelle das Markusevangeliums wider und enthalten keine endgültige Meinung. Ich glaube aber – oder mache mich nur glauben -, dass ich mittlerweile mit dem Markusevangelium so vertraut bin, um hin und wieder einen Beitrag mit etwas mehr „Verantwortung“ zu verfassen. Bei diesen Beiträgen soll es sich um einige Anregungen und Gedanken zur Einführung in das Markusevangelium handeln, die vielleicht dem einen oder anderen hilfreich sein könnten.

Einleitungen zum Markusevangelium befassen sich in der Regel mit Mutmaßungen, wer Markus war, um welche Zeit das Markusevangelium verfasst wurde, zu welchem Zweck Markus sein Evangelium schrieb etc. Die hierzu von den Gelehrten aufgestellten Thesen unterscheiden sich häufig voneinander und kommen meines Erachtens kaum über – manchmal gut, manchmal weniger gut begründete - Spekulationen hinaus. Ihr Ergebnis ist nicht selten, dass der Leser eine vorgefasste Meinung vom Markusevangelium erhält, noch bevor er vielleicht einen ersten Satz daraus gelesen hat.

Mein Wunsch ist deshalb, eine etwas andere Art von Einleitung in das Markusevangelium zu schreiben. Es sollen Beiträge sein, die auf einer Schriftstelle des Markusevangeliums beruhen und Licht auf einige grundlegende Haltungen und Denkweisen von Markus werfen. Ich erhoffe mir von diesen Beiträgen ein wenig, dass der mit dem Markusevangelium weniger vertraute Leser aus ihnen eine Perspektive gewinnen kann, mittels derer sich für ihn das Besondere an Markus besser erschließt - vor allem auch, was Markus von den Evangelisten Matthäus, Lukas und Johannes unterscheidet. Ich sammle diese unter einem neuen Tab.

Markus und der frühchristliche Antijudaismus


1) Der dritte Satz im Wikipedia-Artikel über „Jesus von Nazaret“ lautet: „Zwei bis drei Jahre später wurde er auf Befehl des römischen Präfekten Pontius Pilatus von römischen Soldaten gekreuzigt.“ Dass Jesus von römischen Soldaten gekreuzigt wurde, gilt heutzutage als allgemein anerkannter Gemeinplatz. Allerdings behauptete im Widerspruch dazu die Mehrzahl der bekannten frühchristlichen Schriften, dass Jesus von Juden gekreuzigt wurde.
via catholicconvert.com

2) Quellenlage

Lediglich Markus und Matthäus stellen in ihren Evangelien dar, dass Jesus von römischen Soldaten gekreuzigt wurde. Nach den Evangelien von Lukas und Johannes, dem apokryphen Petrusevangelium, den Schriften von Justin dem Märtyrer und wohl auch dem Evangelium von Marcion wurde Jesus durch Juden gekreuzigt.

Ich geben nachfolgend die entscheidenden Stellen in den Evangelien so auszugsweise wieder, dass deren Sinnzusammenhang deutlich wird.

Dienstag, 24. November 2015

στιβάδες (stibades)


1) Im Vers 11:8 des Markusevangeliums gibt es ein Wort, dass alle Welt entgegen seinem eigentlichen Sinn übersetzt. Der Vers gehört zur Szene vom sogenannten „Einzug in Jerusalem“ und lautet nach der bevorzugten Lesart:

καὶ πολλοὶ τὰ ἱμάτια αὐτῶν ἔστρωσαν εἰς τὴν ὁδόν,
Und viele die Gewänder (von) ihnen betteten in den Weg,

ἄλλοι δὲ στιβάδας κόψαντες ἐκ τῶν ἀγρῶν.

andere aber stibadas, geschlagen (habend) aus den Feldern.

Abendmahlsdarstellung auf einem Stibadium
Sant' Apollinare Nuovo, Ravenna
Alle renommierten deutschen Bibelübersetzungen übertragen das Wort στιβάδας (stibadas) als „Zweige“, etwas mutigere mit „Laubbüscheln“, Ulrich Rohmer (mein deutschsprachiger Favorit) mit „Laubwerk“. Einige kühne Übersetzer im englischen Sprachraum wählten sinngemäß „weiches Laub“ oder „Stroh“. Dem eigentlichen Sinn am nächsten kam wohl der Amerikaner Charles B. Williams, ein Southern Baptist und Professor für Griechisch, der mit „layers of leaves“ (Laubschichten bzw. Lager aus Blättern) übersetzte.


Grundsätzlich besteht Einigkeit, dass στιβάς (stibas – hier in der Einzahl Nominativ) genau so etwas bezeichnet. Es handelt sich bei einer Stibas um ein einfaches Ruhelager oder eine Liegestatt, die aus pflanzlichen Teilen (Stroh, Binsen, Blätter, weiche Zweige, Kräuter, Blumen) in der Form einer fest gebauten Schicht, einer Matratze, einer Matte oder eines ebenerdigen Bettes gefertigt ist. Auf solchen Ruhelagern wurde in der Antike vor allem im Freien geschlafen (Soldaten, Hirten etc.), liegend gegessen bzw. eine private oder religiöse Gesellschaft abgehalten, aber auch Verstorbene im Grab beigesetzt. Die Luxusvariante ist das sogenannte „Stibadium“. (Zum Verständnis: In der Antike wurde bei Gesellschaften meist liegend gegessen. So „liegt“ auch Jesus nach dem griechischen Wortlaut der Evangelien „zum Mahl“, etwa beim letzten Abendmahl.)

Christliches Mahl auf einer Sigma, Katakombe der
Marcellinus und Petrus, Rom - wikicommons

2) Aus welchen Gründen auch immer soll diese Bedeutung des Wortes jedoch für den Vers 11:8 des Markusevangeliums nicht gelten, wobei eine Begründung in der Regel nicht genannt wird.

Bevor ich schnurstracks behaupten wollte, dass alle Welt sich irrt ;-) , habe ich eine ganze Menge Literatur gewälzt, um den Fall selbstkritisch zu prüfen. Der Effekt war jedoch genau umgekehrt. Vor allem dann, wenn man die Werke von Historikern zu Rate zieht, die zu den Ess- und Schlafgewohnheiten in der Antike forschen, wird klar, dass kein Grieche in der Antike jemals unter einer Stibas Zweige oder Blätter hätte verstehen können.

Das Wort bezeichnet stets das Ganze und nie die (Bestand-)Teile. Ebenso wenig, wie man im Deutschen das Wort „Haus“ als die Steine oder das Holz deuten kann, aus denen es errichtet wurde, fallen unter das Wort στιβάς (stibas), die Pflanzen, die Blätter, die Zweige oder das Stroh, aus denen sie gefertigt ist. Es meint stets die Liegestatt, die Strohschicht, das Polster, die Matratze oder das armselige Bett als solches.