Teil 1 – Das Buch Esther, der
Alpha-Text und Josephus
1) Das Markusevangelium zitiert in Mk
6,14-29 mehrmals aus dem Buch Esther. Ich frage mich vor allem, was
der Sinn dieser Zitate ist und möchte mir einige Gedanken darüber
machen, aus welchem Grund Markus an dieser Stelle auf Esther
anspielt.
Diese Frage wirft ein heikles Problem
auf. Die Geschichte über die schöne Esther ist uns nämlich in
drei, teilweise erheblich voneinander abweichenden Fassungen aus der
Antike überliefert sowie zusätzlich in einer Nacherzählung:
- der masoretische Text der hebräischen
Bibel (Mt)
- die griechische Fassung der
Septuaginta (LXX)
- der sogenannte griechische Alpha-Text, auch
als A-Text bezeichnet (A)
- der griechische Bericht von
Josephus Flavius in den „Jüdischen Altertümern“
Man weiß also nicht, welches
Esther-Buch Markus eigentlich kannte. Die Behauptung, dass Markus
daraus zitiert hätte, entbehrt somit nicht einer gewissen Komik. Ich
habe mir deshalb die unterschiedlichen Fassungen von Esther etwas
näher angesehen. Mein vorsichtiger Eindruck ist, dass Markus – ebenso wie Josephus – möglicherweise mehrere Esther-Bearbeitungen
kannte oder eine Fassung, die nicht nur mit der LXX vergleichbar ist, sondern auch
mit dem Alpha-Text. (In der Bibliothek von
Qumran wurde das Buch Esther übrigens nicht gefunden - als einziges
Buch der hebräischen Bibel.)
Im ersten Teil dieses Beitrags möchte
ich zunächst nur etwas zu den unterschiedlichen Esther-Büchern sagen
und auf bestimmte Motive der Esther-Geschichte sowie einige
literarische Tricks und Techniken des Buches Esther hinweisen.
Abschließend möchte ich zeigen, dass die Nacherzählung von
Josephus an einigen Stellen mit dem Alpha-Text (A) gegen Mt und LXX
übereinstimmt. Dies, um sicher sein zu können, dass der Alpha-Text
keine wesentlich spätere Nachbearbeitung der LXX-Fassung ist,
sondern - zumindest in einer Urfassung oder nahestehenden Bearbeitung
- ebenfalls schon um die Zeitenwende vorlag (- auch wenn er textlich
nur durch Bibeln belegt ist, die nach dem Jahr 1000 entstanden sind). In seinem 2009 erschienen
Esther-Kommentar beschreibt Harald
Wahl den Stand der aktuellen Diskussion dahingehend, dass die meisten Spezialisten
davon ausgehen, dass ein Vorläufer des A-Textes (protoA) älter ist als die LXX
(bei ihm als B-Text bezeichnet), vielleicht sogar älter als der masoretische
Text.
Die Schlussfolgerung, die ich gern ziehen möchte, liegt natürlich auf der Hand: Hat Josephus den A-Text gekannt, dann könnte ihn auch Markus gekannt haben.
2) Für den deutschsprachigen Leser
sind wichtige Unterschiede zwischen Mt und LXX erkennbar, wenn er
z.B. die (kleine)
Luther oder die
Elberfelder mit der
Einheitsübersetzung
vergleicht.
Luther und Elberfelder sind
Übersetzungen nur des Mt, während die Einheitsübersetzung ein
„Mischtext“ ist. Dieser enthält eine Übersetzung des
hebräischen Textes (Mt) mit den (sogenannten) Zusätzen aus der
Septuaginta (LXX). Diese LXX-Zusätze sind in besonderer Weise,
nämlich mit Kleinbuchstaben, gekennzeichnet. Das erste Kapitel der
Einheitsübersetzung des Buches Esther bietet beispielsweise zunächst
die LXX-Verse 1 a) bis 1 r) und alsdann die Mt-Verse 2 bis 22.