Dienstag, 5. Januar 2016

Jesus und das Fohlen des „Schilo“


1) In der nebenstehenden Abbildung habe ich den griechischen Wortlaut der Verse 11:1-11 des Markusevangeliums über die Ankunft von Jesus in Jerusalem in einen Fließtext gesetzt. Gerötet ist die Schilderung über die Beschaffung des Fohlens, dem Reittier von Jesus. Wörter, die das Angebundensein, das Lösen und das Bringen des Fohlens bezeichnen, sind gelb unterlegt. Der blaue Text beinhaltet die anschließenden Handlungen und Rufe der Pilger. Wie man sieht, ist der gerötete Text doppelt so umfangreich wie der blaue. Das Hauptaugenmerk von Markus lag in dieser Perikope anscheinend auf der Indienstnahme des Fohlens. 

via Free Bible Images
Dieses Fohlen wird von Jesus in Mk 11:2 gegenüber zwei Jüngern wie folgt beschrieben:

εὑρήσετε πῶλον δεδεμένον ἐφ’ ὃν οὐδεὶς οὔπω ἀνθρώπων ἐκάθισεν·
(ihr) findet Fohlen, gebunden, auf welchem niemand noch-nicht (von) Menschen saß

Das einzige „gebundene Fohlen“, von dem wir mit Sicherheit wissen, das Markus es kannte, ist das Fohlen des „mythischen“ Schilo aus dem Segen Jakobs in Bereschit (LXX-Genesis) 49:11. Zunächst die deutsche Übersetzung der Septuaginta (Gen 49:10-11):

Nicht wird weichen von Juda der Fürst und von seinen Hüften der Herrscher, bis das, was für ihn aufbewahrt ist, kommt, und er selbst ist die Erwartung der Völker. Er bindet sein Fohlen (πῶλον) an einen Weinstock und das Fohlen (πῶλον) seiner Eselin an die Weinranke. Im Wein wird er sein Kleid waschen und im Blut der Traube seinen Umhang.

Justin der Märtyrer hat in der Mitte des 2. Jahrhunderts n.Chr. die Markusverse 11:2-4 ebenfalls als Anspielung auf Genesis 49:11 verstanden: „Jener Satz aber: 'Er bindet an den Weinstock sein Füllen und wäscht sein Gewand im Blute der Traube' sollte sinnbildlich andeuten, was Christus erleben und was er vollbringen werde. Denn ein Eselsfüllen stand am Eingange eines Dorfes, an einen Weinstock angebunden, und das befahl er seinen Jüngern ihm zuzuführen, und als es ihm zugeführt war, bestieg er es, setzte sich darauf und zog in Jerusalem ein, wo das Hauptheiligtum der Juden war, ...“ (1. Apologie, 32. Kapitel).


2) Aus dem 1. Jahrhundert n.Chr. sind uns neben Markus vermutlich noch drei weitere Interpretationen der „Prophezeiung“ aus Gen 49:10-11 überliefert: die der Qumran-Gelehrten, die der Aufständischen im Jüdisch-Römischen-Krieg und die von Joseph ben Mathitjahu, genannt Flavius Josephus.

Freitag, 18. Dezember 2015

Triumphaler Einzug in Jerusalem?


1) Was bleibt von der Perikope über Jesus' Ankunft in Jerusalem übrig, wenn man all das wieder abzieht, was Matthäus, Lukas und Johannes hinzugedichtet haben - an Palmwedeln, doppelten Eseln, verärgerten Pharisäern, neugierigen Griechen, schreienden Steinen, Tränen über Jerusalem etc. ? 

Ankunft in Jerusalem nach Johannes ...

- Die Erzählung spielt bis zum Vers 11:10 noch auf dem letzten Wegstück in Richtung Jerusalem. Sie erzählt nicht von einem „Einzug“ in die Stadt.

- Das Reittier ist ein Fohlen, dessen Indienstnahme von Markus sehr detailliert beschrieben ist.

- Viele sich entkleidende (nackte?) Menschen begegnen dem Leser. Die Jünger werfen ihre Gewänder dem Fohlen über, die große Menge bettet sie in den Weg.

- Hosanna-Rufe, die sich nicht auf Jesus zu beziehen scheinen.

- Während Jesus in den anderen Evangelien große Aufmerksamkeit mit seiner Ankunft erzielt, ist fraglich, ob bei Markus jemand eine besondere Notiz von ihm nimmt.

- Jesus' tatsächliche Ankunft in Jerusalem in Vers 11:11 ist unspektakulär. Er inspiziert kurz den Tempel und geht dann mit den Zwölf nach Bethania.

Man liest diese Perikope und liest sie erneut und es beschleicht einen dabei der Eindruck, dass das Markusevangelium möglicherweise das Gegenteil, zumindest etwas ganz anderes erzählt als Matthäus, Lukas und Johannes. Ein „bejubelter Einzug“ von Jesus in Jerusalem scheint nach Markus nicht stattgefunden zu haben.

Meinte Markus dies?
In Vers 11:10 preisen die Pilger das kommende „Königreich unseres Vaters David“ - eine Einzelheit, die alle anderen Evangelisten gestrichen haben. Dieser Schrei der Pilger steht konträr zur Verkündigung von Jesus, der das „Königreich Gottes“ predigt und die Anrede „Vater“ ausschließlich für Gott verwendet. Wollte - so Markus - Jesus mit seinem Ritt ein Zeichen setzen und sich abgrenzen von einem Pilgerzug, der in einem nationalistisch verblendeten Freudentaumel endete?


2) Wie Matthäus die Perikope veränderte

Montag, 30. November 2015

Zur Einführung in das Markusevangelium


Die Beiträge, die ich auf meinem Blog veröffentliche, haben für mich eher vorläufigen Charakter. Sie spiegeln ein momentanes Nachdenken über diese oder jene Stelle das Markusevangeliums wider und enthalten keine endgültige Meinung. Ich glaube aber – oder mache mich nur glauben -, dass ich mittlerweile mit dem Markusevangelium so vertraut bin, um hin und wieder einen Beitrag mit etwas mehr „Verantwortung“ zu verfassen. Bei diesen Beiträgen soll es sich um einige Anregungen und Gedanken zur Einführung in das Markusevangelium handeln, die vielleicht dem einen oder anderen hilfreich sein könnten.

Einleitungen zum Markusevangelium befassen sich in der Regel mit Mutmaßungen, wer Markus war, um welche Zeit das Markusevangelium verfasst wurde, zu welchem Zweck Markus sein Evangelium schrieb etc. Die hierzu von den Gelehrten aufgestellten Thesen unterscheiden sich häufig voneinander und kommen meines Erachtens kaum über – manchmal gut, manchmal weniger gut begründete - Spekulationen hinaus. Ihr Ergebnis ist nicht selten, dass der Leser eine vorgefasste Meinung vom Markusevangelium erhält, noch bevor er vielleicht einen ersten Satz daraus gelesen hat.

Mein Wunsch ist deshalb, eine etwas andere Art von Einleitung in das Markusevangelium zu schreiben. Es sollen Beiträge sein, die auf einer Schriftstelle des Markusevangeliums beruhen und Licht auf einige grundlegende Haltungen und Denkweisen von Markus werfen. Ich erhoffe mir von diesen Beiträgen ein wenig, dass der mit dem Markusevangelium weniger vertraute Leser aus ihnen eine Perspektive gewinnen kann, mittels derer sich für ihn das Besondere an Markus besser erschließt - vor allem auch, was Markus von den Evangelisten Matthäus, Lukas und Johannes unterscheidet. Ich sammle diese unter einem neuen Tab.

Markus und der frühchristliche Antijudaismus


1) Der dritte Satz im Wikipedia-Artikel über „Jesus von Nazaret“ lautet: „Zwei bis drei Jahre später wurde er auf Befehl des römischen Präfekten Pontius Pilatus von römischen Soldaten gekreuzigt.“ Dass Jesus von römischen Soldaten gekreuzigt wurde, gilt heutzutage als allgemein anerkannter Gemeinplatz. Allerdings behauptete im Widerspruch dazu die Mehrzahl der bekannten frühchristlichen Schriften, dass Jesus von Juden gekreuzigt wurde.
via catholicconvert.com

2) Quellenlage

Lediglich Markus und Matthäus stellen in ihren Evangelien dar, dass Jesus von römischen Soldaten gekreuzigt wurde. Nach den Evangelien von Lukas und Johannes, dem apokryphen Petrusevangelium, den Schriften von Justin dem Märtyrer und wohl auch dem Evangelium von Marcion wurde Jesus durch Juden gekreuzigt.

Ich geben nachfolgend die entscheidenden Stellen in den Evangelien so auszugsweise wieder, dass deren Sinnzusammenhang deutlich wird.

Dienstag, 24. November 2015

στιβάδες (stibades)


1) Im Vers 11:8 des Markusevangeliums gibt es ein Wort, dass alle Welt entgegen seinem eigentlichen Sinn übersetzt. Der Vers gehört zur Szene vom sogenannten „Einzug in Jerusalem“ und lautet nach der bevorzugten Lesart:

καὶ πολλοὶ τὰ ἱμάτια αὐτῶν ἔστρωσαν εἰς τὴν ὁδόν,
Und viele die Gewänder (von) ihnen betteten in den Weg,

ἄλλοι δὲ στιβάδας κόψαντες ἐκ τῶν ἀγρῶν.

andere aber stibadas, geschlagen (habend) aus den Feldern.

Abendmahlsdarstellung auf einem Stibadium
Sant' Apollinare Nuovo, Ravenna
Alle renommierten deutschen Bibelübersetzungen übertragen das Wort στιβάδας (stibadas) als „Zweige“, etwas mutigere mit „Laubbüscheln“, Ulrich Rohmer (mein deutschsprachiger Favorit) mit „Laubwerk“. Einige kühne Übersetzer im englischen Sprachraum wählten sinngemäß „weiches Laub“ oder „Stroh“. Dem eigentlichen Sinn am nächsten kam wohl der Amerikaner Charles B. Williams, ein Southern Baptist und Professor für Griechisch, der mit „layers of leaves“ (Laubschichten bzw. Lager aus Blättern) übersetzte.


Grundsätzlich besteht Einigkeit, dass στιβάς (stibas – hier in der Einzahl Nominativ) genau so etwas bezeichnet. Es handelt sich bei einer Stibas um ein einfaches Ruhelager oder eine Liegestatt, die aus pflanzlichen Teilen (Stroh, Binsen, Blätter, weiche Zweige, Kräuter, Blumen) in der Form einer fest gebauten Schicht, einer Matratze, einer Matte oder eines ebenerdigen Bettes gefertigt ist. Auf solchen Ruhelagern wurde in der Antike vor allem im Freien geschlafen (Soldaten, Hirten etc.), liegend gegessen bzw. eine private oder religiöse Gesellschaft abgehalten, aber auch Verstorbene im Grab beigesetzt. Die Luxusvariante ist das sogenannte „Stibadium“. (Zum Verständnis: In der Antike wurde bei Gesellschaften meist liegend gegessen. So „liegt“ auch Jesus nach dem griechischen Wortlaut der Evangelien „zum Mahl“, etwa beim letzten Abendmahl.)

Christliches Mahl auf einer Sigma, Katakombe der
Marcellinus und Petrus, Rom - wikicommons

2) Aus welchen Gründen auch immer soll diese Bedeutung des Wortes jedoch für den Vers 11:8 des Markusevangeliums nicht gelten, wobei eine Begründung in der Regel nicht genannt wird.

Bevor ich schnurstracks behaupten wollte, dass alle Welt sich irrt ;-) , habe ich eine ganze Menge Literatur gewälzt, um den Fall selbstkritisch zu prüfen. Der Effekt war jedoch genau umgekehrt. Vor allem dann, wenn man die Werke von Historikern zu Rate zieht, die zu den Ess- und Schlafgewohnheiten in der Antike forschen, wird klar, dass kein Grieche in der Antike jemals unter einer Stibas Zweige oder Blätter hätte verstehen können.

Das Wort bezeichnet stets das Ganze und nie die (Bestand-)Teile. Ebenso wenig, wie man im Deutschen das Wort „Haus“ als die Steine oder das Holz deuten kann, aus denen es errichtet wurde, fallen unter das Wort στιβάς (stibas), die Pflanzen, die Blätter, die Zweige oder das Stroh, aus denen sie gefertigt ist. Es meint stets die Liegestatt, die Strohschicht, das Polster, die Matratze oder das armselige Bett als solches.

Freitag, 13. November 2015

Die Schriftgelehrten als Hauptgegner von Jesus


1) Nach allgemeiner Meinung gelten die Pharisäer als hauptsächliche Widersacher von Jesus. Dem entspricht, dass sie in den Evangelien 89 Mal erwähnt werden, die Schriftgelehrten nur 59 Mal. Im Markusevangelium ist das Verhältnis jedoch umgekehrt. Schriftgelehrte (γραμματεῖς – grammateis) nennt Markus 21 Mal, Pharisäer (Φαρισαῖοι - Pharisaioi) hingegen lediglich 12 Mal. Dabei sind beide Gruppen nicht strikt voneinander getrennt. In Mk 2:16 begegnet man auch den „Schriftgelehrten der Pharisäer“.

Ein weiterer Unterschied der Evangelien betrifft das Profil dieser Gegner. Während die Unterscheidung von Pharisäern und Schriftgelehrten bei Matthäus und Lukas eher diffus ist (eine vage Ausnahme mag Lk 11:37ff sein), sind bei Markus die Pharisäer von den Schriftgelehrten deutlich zu unterscheiden, wie Dieter Lührmann bereits vor knapp 30 Jahren gezeigt hat.
Mk 2:6 "Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und
dachten in ihren Herzen ..." - via commons.wikimedia

Die Kritik der Pharisäer bei Markus zielt auf den durch das Recht (Halacha) gebotenen Lebenswandel (Fastenfrage Mk 2:18, Sabbatfrage Mk 2:24, Speisegebote Mk 7:5, Ehescheidung Mk 10:2, Steuerfrage Mk 12:13). Die Schriftgelehrten bestreiten hingegen die göttliche Vollmacht von Jesus und stellen ihn als von Beelzebul besessen dar (Mk 2:6, 3:22, 11:27, 12:35), lehren eine andere Auslegung der Schriften der hebräischen Bibel (Mk 9:11, 12:35) und planen mit den Hohenpriestern und Ältesten die Tötung von Jesus (8:33, 10:33, 11:18, 14:1, 14:43, 14:53, 15:1).

Die Rivalität zwischen Jesus und den Schriftgelehrten hebt Markus noch zusätzlich durch zwei Stellen hervor: In Mk 1:22 heißt es über Jesus, dass er „in Vollmacht lehrt und nicht wie die Schriftgelehrten“. In Mk 12:38ff sind es schließlich die Schriftgelehrten, die im Markusevangelium unter allen Gegnern am kritischsten beurteilt werden: „Und er lehrte sie und sprach zu ihnen: Seht euch vor vor den Schriftgelehrten, die gern in langen Gewändern gehen und lassen sich auf dem Markt grüßen und sitzen gern obenan in den Synagogen und am Tisch beim Mahl; sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete. Die werden ein umso härteres Urteil empfangen.

Ein Schwarz-Weiß-Denken finden wir bei Markus gleichwohl nicht. Die lobenswerte Ausnahme aus dem Kreis seiner Gegner kommt ausgerechnet aus dem Lager der Schriftgelehrten – Mk 12:28ff.

Soweit der mir ersichtliche Stand der Wissenschaft. Ich mag hierzu eine Beobachtung ergänzen: Die Pharisäer wagen im Markusevangelium stets die offene Diskussion mit Jesus, die Schriftgelehrten meiden sie hingegen, versuchen aber die Jünger und das Volk zu beeinflussen.

Montag, 9. November 2015

Müßige Textkritik

via kiyanti2008.wordpress.com
1) Vers 15:34 des Markusevangeliums beschreibt den Ausruf von Jesus am Kreuz zunächst im aramäischen Wortlaut („Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“).

Wer sich für den „buchstabengenauen“ Aufschrei interessiert, steht vor der erheblichen Schwierigkeit, dass die ältesten Codizes des Markusevangeliums jeweils eine unterschiedliche Fassung enthalten. Dies gilt allein schon für das Wort „hast Du mich verlassen“: 


Codex Sinaiticus – σαβακτανει....... (sabak....t...ani)
Codex Vaticanus – ζαβαφθανει........(zabav....th..ani)
Codex Alexandrinus – σιβακθανει...(sibak.....th..ani)
Codex Bezae – ζαφθανει................(zav........th..ani)
Codex Ephraemi – σαβαχθανει........(sabach..th..ani)

Cod. Sinaiticus: die Hand des Korrektors
Bevor der Codex Sinaiticus, die von Constantin Tischendorf im Katharinenkloster am Berg Sinai aufgefundene Bibel aus dem 4. Jahrhundert, die Schreibwerkstatt verließ, ist er nochmals korrigiert worden. Der Korrektor hat bei Vers 15:34 die zwei Buchstaben „χθ” über das Wort „σαβακτανει” geschrieben, war also anderer Meinung als der Schreiber. Seines Erachtens lautete das fragliche Wort mithin „σαβαχθανει” (sabachthani). Da diese Lesart mit der Fassung des Codex Ephraemi Rescriptus sowie vielen jüngeren Manuskripten übereinstimmt und „σαβαχθανει” im Aramäischen für „hast Du mich verlassen“ stehen kann, ist dieser Wortlaut die von den Experten bevorzugte Lesart. Die Entscheidung für dieses Wort ist gut nachvollziehbar, aber angesichts der vielen unterschiedlichen Textvarianten mit einer hohen Unsicherheit verbunden. Was hier wirklich im „Original“ des Markusevangeliums stand, kann wohl nicht mit letzter Gewissheit gesagt werden.


2) Textkritik entzündet sich meist an theologisch bedeutsamen oder interessanten Stellen und kann zu erhitzten Debatten führen. Eine Entscheidung, ob etwa im Vers 1 des Markusevangeliums („Anfang des Evangeliums Jesu Christi“) zusätzlich noch die Wörter „Sohn Gottes“ standen oder nicht, ist eben nicht frei von weltanschaulichen Prägungen und Vorlieben. Beim Lesen textkritischer Abhandlungen von gewissen Autoren gewinnt man auch nicht selten den Eindruck, dass die Sache aus ihrer Sicht „glasklar“ und „bar jeden Zweifels“ entschieden werden kann.

Mit diesem Beitrag möchte ich einmal genau das Gegenteil tun und zeigen, wie schwierig Textkritik ist. Es handelt sich um eine Stelle, deren unterschiedliche Lesarten nur ganz leicht differieren und bei denen die Entscheidung für die eine oder andere Variante aus theologischer Sicht mehr oder weniger unerheblich ist. Das Problem lässt sich also „ganz entspannt“ betrachten. Eine „abschließende Lösung des Falles“ präsentiere ich außerdem nicht.

Erwähnenswert scheint er mir jedoch, weil sich bei genauer Betrachtung die Verhältnisse umkehren. Auf den ersten Blick erscheint die Sache ziemlich klar. Für die von den Experten bevorzugte Textvariante scheinen zunächst „alle guten Gründe“ zu sprechen. Am Ende erweist sich aber gerade diese Lesart als die zweifelhafteste.

Dienstag, 27. Oktober 2015

Wie Schafe, die keinen Hirten haben (II)


Am Ende ruft die Menge vor Pilatus „Kreuzige ihn!“ (Mk 15:13), obwohl das Volk vor allem in Galiläa Jesus noch in großen Scharen hinterhergelaufen war. - Einige Überlegungen über das Verhältnis zwischen Jesus und den Volksmengen im Markusevangelium und dessen Wandlung …

Teil 2 – Hörer der Lehre Jesu

1) Im ersten Teil dieses Beitrags bin ich einem Thema nachgegangen, dass Markus sehr sorgfältig vom 1. bis zum 6. Kapitel entwickelt: die Bedrängung von Jesus durch die Volksmenge. Ab dem 7. Kapitel lässt Markus dieses Motiv jedoch fallen. Eine weitere Bedrängung durch die Menge wird im Markusevangelium nicht mehr erwähnt.

Lehrer der Volksmenge
Positiv gewendet kann man der markinischen Darstellung entnehmen, dass sich das Volk in den ersten Kapiteln des Markusevangeliums in zunehmenden Maße um Jesus versammelt, der gewissermaßen das Zentrum des Zulaufs der Massen und den „Ort“ von Reinheit und Heilung bildet. Er tritt damit in eine gewisse Konkurrenz zu den herkömmlichen Institutionen: der Familie, der Synagoge, dem Tempel und anderen Gemeinschaftsformen wie etwa der „Stadt“. In diesen Institutionen finden sich die Heilbedürftigen und Dämonisierten.

Gleichwohl hat Markus diesen „Erfolg“ von Jesus nicht in rosaroten Tönen beschrieben. Er hat in seinem Bericht die Bedrohlichkeit der Menschenmassen und das fast hysterische und gewaltsame Bedrängen von Jesus hervorgehoben. Es sind Menschen-“Haufen“, deren Anblick nach Mk 6:34 Mitgefühl auslöst: „wie Schafe, die keinen Hirten haben“.

Der Vers 6:34 ist damit noch nicht vollständig wiedergegeben, sondern nennt außerdem noch die unmittelbare Reaktion von Jesus auf den Anblick der sein Mitgefühl auslösenden Volksmenge:

καὶ ἤρξατο διδάσκειν αὐτοὺς πολλά
und er begann zu lehren sie vieles


2) Gewöhnlich denkt man bei der „Lehre von Jesus“ an die Bergpredigt und damit an das Matthäusevangelium, während das Markusevangelium nicht unbedingt für die darin enthaltenen „Lehren Jesu“ gerühmt wird.

Dementgegen ist auffällig, dass Markus ab Beginn seines Evangeliums mit der Verkündung ein weiteres wichtiges Motiv im Verhältnis zwischen Jesus und der Volksmenge verfolgt. Unaufhörlich verkündet und lehrt Jesus die Menge und „sagt“ ihnen „das Wort“. Allerdings erfahren wir nicht in jedem Fall etwas über die Lehrinhalte seiner Reden.

Dabei kommt es mit dem 7. Kapitel zu einer auffälligen Wende im Markusevangelium. Jesus, der bis dahin in der Regel in Gleichnissen gepredigt hat, geht in seiner Lehre nun zu direkten und unmissverständlicheren Aussagen über. Gleichsam als Echo dieser Änderung beziehen sich die „Heilungswunder“ ab diesem Zeitpunkt auf Sinnes- und Äußerungsorgane: die Heilung von Blinden, Taubstummen sowie die Austreibung eines tauben und stummen Geistes. In diesem Rahmen erreicht auch die Thematik des Jüngerunverständnisses ihren Höhepunkt, die nicht allein die Jünger, sondern auch die Volksmenge zu betreffen scheint.

Montag, 21. September 2015

Wie Schafe, die keinen Hirten haben (I)


Teil 1 – Die große Bedrängnis

Am Ende ruft die Menge vor Pilatus „Kreuzige ihn!“ (Mk 15:13). Trotz der Anstachelung durch die Hohenpriester versteht man nicht so richtig, woher der Sinneswandel des Volkes rührt, das Jesus vor allem in Galiläa in großen Scharen hinterhergelaufen war. Ich mag mir deshalb über dieses Volk und die Art, wie es von Markus dargestellt ist, ein paar Gedanken machen.
Mk 3:9 „Und er sagte ..., sie sollten ihm ein kleines Boot
bereithalten, damit die Menge ihn nicht bedränge

1) Zwei einfache Beobachtungen zu Beginn. Im Markusevangelium ist – anders als etwa im Römerbrief - nirgendwo von den „Israeliten“ die Rede. Es werden nur „Jerusalemer“ (Mk 1:5), „Judäer“ (Mk 7:3) und „Galiläer“ (Mk 14:70) als solche bezeichnet.

Die Volksschichten werden im Markusevangelium mit fünf unterschiedlichen Begriffen benannt. Das klassische Septuaginta-Wort für das „Volk“ Israels - λαὸς (laos) - verwendet Markus nur 2 Mal (nach Cod. Sinaiticus 3 Mal) und die heidnischen „Völker“ (ἔθνη – ethnē) werden 6 Mal erwähnt. Wesentlich häufiger spricht er von der „Menge“ (ὄχλος – ochlos) oder von den „Vielen“ (πολλοὶ – polloi); zweifach auch von einer „Fülle“ von Menschen (πλῆθος – pléthos) in Mk 3:7-8.

Das „Volk“ scheint im Markusevanglium auf den ersten Blick überwiegend kein Volk zu sein - und schon gar nicht „Israel“ -, sondern eine bloße Menschenmenge.


2) An dieser „Menge“ fallen zunächst zwei Eigenschaften auf. Sie ist äußerst hilfebedürftig und bedrängt Jesus enorm. Im Fortgang der Erzählung ist diese Bedrängung häufig mit Orten „am Meer“ verbunden.

Montag, 7. September 2015

Als "Petrus" das Markusevangelium rettete ...


1) Als im 3. Jahrhunderts n.Chr. die Kirchenväter und christlichen Schriftsteller aus den Evangelien zitierten, entfielen laut Brenda Schildgen im Verhältnis der Evangelien untereinander etwa 12 Zitate auf Matthäus, 7 Zitate auf Johannes, 4 auf Lukas und ein Zitat auf Markus. Soweit dies aus den Quellen nachvollzogen werden kann, kamen bei der Lesung von Evangelientexten im Gottesdienst zu jener Zeit auf eine Lesung von Markus etwa 16 Lesungen von Matthäus und 16 Lesungen von Johannes. Unter den in Teilen noch erhaltenen Handschriften der Evangelien aus den ersten drei Jahrhunderten n.Chr. befinden sich nach Larry Hurtado Dutzende von Matthäus, 16 von Johannes und 7 von Lukas. Die eine erhaltene Handschrift von Markus (Papyrus 45) wird selbst vom apokryphen Thomasevangelium übertrumpft, das auf Reste von drei Handschriften verweisen kann. Das Markusevangelium „überlebte“ in jenem Jahrhundert am Rande, während im Zentrum des katholischen Denkens vor allem Matthäus sowie Johannes standen und Lukas mit seiner Geburtsgeschichte reges theologisches Interesse genoss.

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Zur Frage, wie dem Markusevangelium im 3. Jahrhundert n.Chr. das Überleben und sogar der Sprung ins Neue Testament gelang, gab Hurtado vor gut zwei Jahren folgenden Tipp ab: „For my money ... the early association of GMark with the Apostle Peter was likely at least one major factor.“ Prof. Hurtado bezog sich dabei auf die kirchliche Überlieferung, nach der Markus der „Dolmetscher“ oder „Interpret“ von Petrus gewesen sei. Unter dem Schutz der Autorität des großen Apostels, die die Christenheit im 3. Jahrhundert Petrus beimaß, sei das Markusevangelium letztlich unantastbar gewesen.

Michael J. Kok hat in seinem in diesem Jahr erschienen Buch „The Gospel on the Margins: The Reception of Mark in the Second Century“ und seiner 2013 verfassten Dissertation diese Randständigkeit des Markusevangeliums untersucht und das Entstehen jener Überlieferung, wonach Markus angeblich ein Mitarbeiter von Petrus gewesen sei.

Ausgangspunkt von Kok's Überlegungen ist zunächst, dass die kirchliche Überlieferung über Markus als „Interpret“ oder „Dolmetscher“ von Petrus nicht zutreffend, sondern eine bloße Fiktion ist. Über die Einzelheiten mag man streiten, doch wer das Markusevangelium einmal gelesen hat, sollte verstanden haben, dass Markus von Petrus und den „Zwölf“ (Aposteln) insgesamt ein negatives Bild zeichnet, in welchem die Jünger von zunächst in die Nachfolge Berufenen, zu unverständigen Jüngern und schließlich zu Deserteuren werden. Kok schreibt (mit Horsley übereinstimmend): „As the plot unfolds, the Twelve repeatedly demonstrate themselves to be inadequate representatives of the kingdom movement and regress from disciples to deserters of Jesus. … In Horsley’s reading, Peter and the Twelve deserted the social ideals of Jesus as Mark understood them.


2) In welchen Schritten und zu welchem Zweck wurde aber dann die Behauptung in die Welt gesetzt, dass Markus ein Mitarbeiter von Petrus gewesen sei?