Donnerstag, 18. Juni 2015

Johannes der Täufer und das „Elija-Geheimnis“


1) Die Beurteilung Johannes des Täufers in den Evangelien ist ein anschauliches Beispiel für die Eigenart des Markusevangeliums, das einzigartige Denken von Markus und dessen Art und Weise des Erzählens.

Matthäus, Lukas und Johannes lassen keinerlei Zweifel daran, wie aus ihrer Sicht die Gestalt Johannes des Täufers zu bewerten ist und wie der Leser ihn bewerten soll. Alle drei fällen ein positives und unzweifelhaftes Urteil über den Täufer, das vor allem mit der Stimme des Erzählers wiedergeben oder in den Mund von Jesus gelegt ist.
Kein glorreicher Wundertäter: Elija am Horeb
via davidtlamb.com

Matthäus nennt den Täufer „mehr als einen Propheten“ und identifiziert ihn ausdrücklich mit Elija, dem von Jesaja prophezeiten Prediger in der Wüste und dem von Maleachi angekündigten Wegbereiter (Mt 3,1ff: „Zu der Zeit kam Johannes der Täufer ... Denn dieser ist's, von dem der Prophet Jesaja gesprochen und gesagt hat: 'Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: ...“; Mt 11,7ff … Er ist mehr als ein Prophet. Dieser ist's, von dem geschrieben steht: 'Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her ... und wenn ihr's annehmen wollt: er ist Elia, der da kommen soll.“)

Lukas lässt nicht nur in den Geburtsgeschichten einen Engel die besondere Rolle des Täufers verkünden (Lk 1,15ff „Denn er wird groß sein vor dem Herrn; ... von Mutterleib an erfüllt werden mit dem Heiligen Geist ... wird vom Volk Israel viele zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren ... wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias … zuzurichten dem Herrn ein Volk ...“, Lk 1,76ff: „Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest ...“), sondern nennt ausdrücklich seine göttliche Beauftragung (Lk 3,2 „da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, ...“) und gibt schließlich ebenfalls einige der von Matthäus genannten Punkte wieder (Lk 7,24ff).

Der Evangelist Johannes verdeutlicht ausdrücklich und bereits im Prolog, dass der Täufer der von Gott gesandte Zeuge für Jesus ist (Joh 1,6f: „Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes. Der kam zum Zeugnis, um von dem Licht zu zeugen, damit sie alle durch ihn glaubten ...“) und beschreibt ihn auch nachfolgend in dieser Funktion des Zeugen (Joh 1,29ff „Am nächsten Tag sieht Johannes, dass Jesus zu ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! Dieser ist's, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist, ... Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist Gottes Sohn.“)

Von alledem ist im Markusevangelium nichts zu finden. Das positivste Urteil über den Täufer fällt bei Markus nicht etwa der Erzähler oder gar Jesus, sondern ausgerechnet der Mann, der den Befehl zur Enthauptung des Täufers gibt: „König Herodes“. Markus präsentiert diese positive Beurteilung auch deutlich als dessen persönliche Ansicht (Mk 6,20):

ὁ γὰρ Ἡρῴδης ἐφοβεῖτο τὸν Ἰωάνην, εἰδὼς αὐτὸν ἄνδρα δίκαιον καὶ ἅγιον
er nämlich, Herodes, fürchtete den Johannes, erkennend ihn (als) gerechten und heiligen Mann

Sonntag, 31. Mai 2015

Josephus über die Mission des Täufers


1) Die „Jüdischen Altertümer“ des jüdischen Historikers Joseph ben Mathitjahu, bekannt als Flavius Josephus, enthalten 3 Stellen, die häufig im Zusammenhang mit den Berichten des Neuen Testaments diskutiert werden: Buch 18,3.3 (über Jesus), 18,5.2 (über Johannes den Täufer) sowie 20,9.1 (über den Herrenbruder Jakobus). Unlängst hat Peter Kirby einen schönen Beitrag veröffentlicht, in dem er die für oder gegen eine Fälschung sprechenden Gründe (insgesamt 26!) betreffend den Bericht über Johannes den Täufer abgewogen hat und zum Ergebnis gelangt ist, dass die Täufer-Passage authentisch ist

via peterkirby.com

Josephus‘ Bericht über die Mission des Täufers widerspricht den Darstellungen der Evangelisten über die Johannestaufe zumindest an einem entscheidenden Punkt, nämlich dem Zweck der Taufe. Historiker und Bibelwissenschafter wägen daher stets ab, welche Schilderung sie als vertrauenswürdiger und von den Absichten des jeweiligen Autors als weniger „überformt“ ansehen.

Im vorliegenden Beitrag interessiert mich ausschließlich die Darstellung von Josephus. Sie ist sehr knapp, vor allem in einem Punkt nicht ganz leicht zu verstehen und lässt meines Erachtens durchaus mehrere, sogar recht unterschiedliche Deutungen der Mission und des Taufverständnisses des Täufers zu.
 
2) Zunächst der griechische Text, die Übersetzung von Martin und einige Anmerkungen zum besseren Verständnis.

Mittwoch, 20. Mai 2015

Wie die Evangelisten die Prophezeiung „in jenen Tagen“ interpretierten


1) In der hebräischen Bibel und ihrer griechischen Übersetzung, der Septuaginta, gibt es Wörter und Phrasen, die sich häufig wiederholen. Dazu gehört auch die Wendung „in jenen Tagen“ (ἐν ταῖς ἡμέραις ἐκείναις) bzw. „an jenem Tag“ (ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ). Ihre Bedeutung ist nicht durchgängig gleich. Die Floskel kann sowohl eine ferne Vergangenheit, die erzählte Gegenwart, aber auch eine prophezeite Zukunft beschreiben. Sie kann zum Zwecke besonderer Betonung, aber auch als bloße unbetonte Zeitangabe verwendet worden sein.
Weihnachtslied: "An jenem Tag", via volksmusik-archiv.de

Sehr bekannt ist die Wendung aus dem Buch der Richter, indem mehrmals wiederholt wird: „In jenen Tagen gab es keinen König in Israel.“ (LXX-Ri 17,6; 18,1; 19,1; 21,25). Das Buch Genesis verwendet die Floskel „an jenem Tag“ gern als „Markierung“ wichtiger Stationen der Abraham gegebenen Verheißung, beginnend mit LXX-1. Mos 15,18 („An jenem Tag verfügte Gott für Abram eine Verfügung, indem er sagte: Deiner Nachkommenschaft werde ich dieses Land geben ...“).

Bei den Propheten bekommt die Wendung schließlich etwas Geheimnisvolles, weil sie verwendet wird, um die Zeit des künftigen Heils oder des drohenden Gerichts zu beschreiben. Sie dient also zur Bezeichnung der „eschatologischen“ Zukunft, des Anbruchs der letzten Dinge und des Herabkommens einer neuen Welt. Etwa bei Jeremia (LXX-3,16ff): „Und es wird geschehen, wenn ihr euch vermehrt und über das Land ausbreitet in jenen Tagen, spricht der Herr, werden sie nicht mehr sagen 'Die Bundeslade des Heiligen Israels', sie wird nicht mehr zum Herzen aufsteigen, weder wird sie beim Namen genannt noch betrachtet werden, und sie wird nicht wiederhergestellt werden. In jenen Tagen und zu jener Zeit wird man Jerusalem 'Thron des Herrn' nennen, und alle Völker werden in ihr gesammelt werden und sie werden nicht länger hinter den Gedanken ihres bösen Herzens nachlaufen. In jenen Tagen wird das Haus Juda mit dem Haus Israel zusammenkommen, und sie werden miteinander vom Land des Nordens und aus allen Gegenden in das Land kommen, das ich ihren Vätern zum Besitz gegeben habe ...“ oder Jesaja (29,18) „Und an jenem Tag werden Taube Worte eines Buches hören, und die Augen von Blinden, die in der Finsternis und in dem Nebel sind, werden schauen ...

Die Propheten verwenden diese Floskel so häufig, dass unsere Evangelisten dies bemerkt und die Wendung selbst verwendet haben, um an diese Prophezeiungen anzuknüpfen. Wie zu sehen sein wird, verwenden die Vier die Formel zunächst um das Anbrechen der durch Jesus vermittelten Heilszeit zu „markieren“. Markus und Matthäus scheinen diesbezüglich eine kleine Meinungsverschiedenheit zu haben …

Freitag, 8. Mai 2015

Markus im Glauben II


(Unter der Rubrik „Markus im Glauben“ verweise ich von Zeit zu Zeit auf geistliche Texte, die meines Erachtens vorbildlich mit den „Herausforderungen“ des Markusevangelium umgehen. Texte, die einen „unverfälschten“ Markus wertschätzen und als Anregung zu positiven geistlichen Überlegungen dienstbar machen.)

Aktuell beschäftigt mich noch immer Mk 1,40-45, die Reinigung des Aussätzigen. In der vergangenen Woche habe ich viele Interpretationen dieser Erzählung gelesen. Für mich überraschend habe ich die meisten Anregungen nicht in wissenschaftlichen Abhandlungen gefunden, sondern in Predigten und anderen geistlichen Texten.
via wikimedia

Zum Lachen brachte mich ein „Weekly Newsletter“ der St. Mary Catholic Cathedral von Amarillo, Texas, in der der Rollentausch zwischen Jesus und dem Aussätzigen mit jenen Kinofilmen verglichen wurde, in denen zwei Menschen ihre Körper tauschen (sog. bodyswitch-Filme).

Verweisen will ich aber eigentlich auf eine schöne, wenn auch bereits etwas ältere Predigt des Leipziger Pfarrers Christian Wolff. Der Thomaspfarrer meiner Heimatstadt hatte offenbar ganz ähnliche Verständnisprobleme mit dieser Erzählung. Zwei Auszüge:

Eine sonderbare Geschichte ist das. Die an sich erstaunliche Heilung, die ein Aussätziger erfährt, wird fast beiläufig erzählt. Dass es sich dabei um ein Wunder handelt, scheint für den Evangelisten Markus keine Rolle zu spielen. Ihn interessiert eher, was sich zwischen Jesus und dem Aussätzigen abspielt und was nach der Heilung geschieht: wie der Geheilte mit der wundersamen Wandlung umgeht, was er erzählt, was er verschweigt. Doch damit haben sich die Besonder- und Befremdlichkeiten der Geschichte noch lange nicht erschöpft:

Durch die Art und Weise, wie Markus diese Geschichte erzählt, macht er uns auf ein Problem aufmerksam, das uns als Kirche bis zum heutigen Tag begleitet. Es geht nämlich um die Frage, wie sehr wir uns Jesu bemächtigen, wenn wir von ihm öffentlich künden. Wie sehr wir Jesus uns zum Bilde machen, wenn wir seine Taten weiter erzählen. Und wie sehr wir Jesus beschädigen, wenn wir das öffentlich machen, was wir persönlich auf ihn zurückführen.

Mittwoch, 29. April 2015

Mirjams Aussatz


1) Wie die Septuaginta verwendet das Markusevangelium für Aussatz des Wort „Lepra“ (λέπρα). Mit diesem Begriff ist zumindest auch die klassische Lepra gemeint, wie 4. Mose 12,12 zeigt. Teilweise bezeichnet das Wort aber auch weniger gefährlichere Hautkrankheiten oder gar ungefährliche Hautveränderungen (3. Mose 13f.).
"Und siehe, Mirjam war aussätzig" via
wikimedia.org

Beachtlich ist, dass die hebräische Bibel in fast allen Erzählungen den Aussatz nicht als eine „natürliche Krankheit“, sondern als Strafe Gottes für einen Sünder, vielleicht sogar „nur“ als äußeres Zeichen seiner Sündhaftigkeit versteht. In 2. Chr 26,16-23 maßt sich König Usija die ihm nicht zustehende Rolle eines Priesters an und wird unmittelbar bei seinem Handeln von Aussatz befallen. In 2. Kön 5,20-27 hintergeht Gehasi den Propheten Elisa und wird auf dessen Wort hin mit Aussatz gestraft. In 2. Samuel 3,29 ruft König David wegen eines Mordes Gottes Strafe auf den Täter und dessen Familie herab, so dass „einer Eiterfluss und Aussatz habe oder am Stabe gehe oder durchs Schwert falle oder an Brot Mangel habe!“ Lediglich der von Elisa geheilte Aramäer Naaman scheint unter Aussatz im Sinne einer natürlichen Krankheit zu leiden.

Diese Verständnismöglichkeiten des Aussatzes werden am Beispiel von Mirjam, der Schwester von Mose und Aaron, in 4. Mose 12 thematisiert. Aaron, Mose und Gott selbst „interpretieren“ dort den Aussatz Mirjams und dessen Heilung auf jeweils etwas unterschiedliche Weise.


2) Mirjam „ist/ wird“ in 4. Mose 12 aussätzig, weil sie mit Aaron „gegen Moses gesprochen hat“. Das wesentliche Argument der beiden murrenden Geschwister gegen den von Gott bevorzugten Mose ist, dass Gott nicht nur zu Moses allein spricht, sondern auch zu Aaron und Mirjam. Daraufhin erscheint Gott und weist Mirjam und Aaron zunächst zurecht. Er belehrt sie, dass er ausschließlich mit Mose „von Mund zu Mund“ spricht, zu anderen Propheten aber nur in Träumen und Visionen. Alsdann „entbrannte der Zorn des Herrn gegen sie“ („sie“ in der Mehrzahl!) und er wandte sich ab: „Und siehe, da war Mirjam aussätzig wie Schnee.

Die Erzählung erweckt zunächst ein ungerechten Eindruck, weil Mirjam scheinbar allein „bestraft“ ist, obwohl Aaron gemeinsame Sache mit ihr gemacht hat.

Donnerstag, 23. April 2015

Die „Heilung“ des Aussätzigen im synoptischen Vergleich


Vergleicht man die Erzählung von der Reinigung des Aussätzigen im Markusevangelium mit den Fassungen von Matthäus und Lukas, so fällt im allgemeinen auf, dass beide die „problematischen“ Elemente der markinischen Erzählung vermieden haben, allerdings in unterschiedlicher Weise. Während Matthäus diese Punkte einfach auslässt, schimmert bei Lukas der Markustext in größerem Umfang durch. Auch er lässt einige Punkte aus, verändert aber andere so, dass deren „anstößige“ Aspekte eliminiert sind.
Franz von Assisi mit Aussätzigem - © IMAREAL
via landesmuseum.blogspot

Während sowohl Matthäus als auch Lukas die Bitte des Aussätzigen und seine Anrede an Jesus noch etwas ehrerbietiger schildern, vermeiden es beide, den „Ungehorsam“ des Gereinigten zu erzählen. In gleicher Weise werden auch die Handlungen und Äußerungen von Jesus, die dessen Zorn ausdrücken, von beiden nicht berichtet. Dies gilt auch für die von Markus erzählte „Unfähigkeit“ von Jesus, „im Lichten in eine Stadt zu gehen“. Man kann wohl davon ausgehen, dass Matthäus und Lukas – gerade weil sie diese Stellen entschärften – diese Punkte als anstößig empfanden, dass sie für die meisten antiken Leser so zu verstehen waren und dass gewiss auch Markus sich dessen bewusst war.

Sowohl Matthäus als auch Lukas stellen außerdem stärker auf die „Heilung von der Krankheit“ ab und lassen die von Markus ebenfalls betonte „rituelle bzw. kultische Reinigung“ eher außen vor.

Interessant sind einige Kleinigkeiten. Gegen Markus und Lukas betont Matthäus, dass der Gereinigte dem Priester eine „Gabe“ darbringen soll. Lukas stellt abschließend nochmals das Heilungshandeln von Jesus heraus, aufgrund dessen die Massen zu Jesus strömen.

In der nachfolgenden Übersicht habe ich die vorgenannten Punkte farblich markiert und zudem einige „minor agreements“ unterstrichen.

Freitag, 17. April 2015

Echos der Geschichte vom Aussätzigen


 Und von Markus? via prima-neanderthal.de
In Ergänzung meines vorherigen Beitrags möchte ich auf einige „Echos“ der Geschichte vom Aussätzigen in zwei anderen Abschnitten des Markusevangeliums hinweisen. Es handelt sich dabei um die Wiederverwendung seltener Wörter bzw. Phrasen aus Mk 1,40-45, deren Übereinstimmung recht auffällig erscheint. Eine von Markus verfolgte literarische Absicht könnte daher naheliegen.

Bei den zwei anderen Stellen handelt es sich um Verse aus der Salbung in Bethanien (Mk 14,3-9) sowie aus der Szene vom leeren Grab (Mk 16,6-8).


1) Salbung in Bethanien

Die Salbung von Bethanien weist vier Parallelen auf, von denen drei als deutliches Echo verstanden werden könnten. Es handelt sich dabei um die Wörter „Aussätziger“, „anschnauzen“ und „verkündigen“ sowie die Phrase „wenn du/ihr willst/wollt, so vermagst/vermögt du/ihr“.

Das Wort und das Thema „Aussätziger“ findet sich im Markusevangelium nur an diesen beiden Stellen, das Wort „anschnauzen“ wird von Markus ebenfalls nur insgesamt zweimal verwendet. Das Wort „verkündigen“ stellt nur ein sehr schwaches Echo dar, da Markus häufig davon spricht, wird aber verstärkt durch die einleitende Formulierung „er aber“. Die Phrase „wenn wollen, dann vermögen (fähig sein, können)“ begegnet uns bei Markus ebenfalls nur an diesen zwei Stellen. Hier die Übersicht:

Reinigung des Aussätzigen (Mk 1,40-45) Salbung in Bethanien (Mk 14,3-9)
Mk 1,40 Und kommt zu ihm ein Aussätziger (λεπρὸς - lepros) Mk 14,3 Und seiend er in Bethania, in dem Haus Simons des Aussätzigen (λεπροῦ - leprou)
Mk 1,40 Wenn du willst, du (bist) fähig mich (zu) reinigen. (Ἐὰν θέλῃς δύνασαί με καθαρίσαι) Mk 14,7 Wann immer ihr wollt, ihr (seid) fähig Gutes zu machen (ὅταν θέλητε δύνασθε αὐτοῖς εὖ ποιῆσαι)
Mk 1,43 Und ihn anschnauzend (ἐμβριμησάμενος – embrimēsamenos) sogleich Mk 14,5 Und sie schnauzten (ἐνεβριμῶντο – enebrimōnto) sie an
Mk 1,45 Er aber (ὁ δὲ), weggekommen, anfing zu verkünden (κηρύσσειν - kēryssein)
Mk 14,6 Er aber (ὁ δὲ), Jesus, sagte
Mk 14,9 wenn verkündet (κηρυχθῇ - kērychthē) wird das Evangelium

Donnerstag, 9. April 2015

Mk 1,40-45: Die rätselhafte Behandlung des Aussätzigen


1) Im Markusevangelium gibt es Erzählungen, die in Details, aber auch im Ganzen unverständlich sind. Zumindest für „uns“ - oder jedenfalls zumindest für mich. Ich würde mir manchmal wünschen, über das Wissen und den Verstehenshintergrund der allerersten antiken Leser von Markus zu verfügen, weil ich glaube, dass sie ihn wesentlich besser begreifen konnten als wir. 

Reinigung des Aussätzigen

Vielleicht führt es ein wenig weiter, wenn man versteht, aus welchen genauen Gründen man nicht versteht; wenn man die einzelnen Stellen der Erzählung benennt, die sich einem Verständnis widersetzen; wenn man das Maß von Sicherheit abschätzt, mit dem man vielleicht einzelne Fragen beantworten kann.

Ein Beispiel für eine solche Erzählung ist die sogenannte „Heilung“ des Aussätzigen in Mk 1,40-45. „Sogenannt“, weil für jeden ernsthaften Leser der Szene sofort ersichtlich ist, dass weder der Aussätzige noch Jesus die „Krankheit“ und deren „Heilung“ thematisieren. Der Aussätzige ist lediglich an seiner „Reinigung“ interessiert und Jesus sagt ihm auch nur diese zu. Nur quasi nebenbei verschwindet dabei auch der Aussatz.

Der spannendere Abschnitt ist der zweite Teil der Erzählung, der einen fortwährenden Rollentausch während der ganzen Geschichte nahelegt: Zunächst behandelt Jesus im ersten Teil einen unreinen Aussätzigen wie einen Reinen, da er ihn berührt. Alsdann behandelt er den Gereinigten wie einen Unreinen bzw. einen Dämon, indem er ihn hinauswirft und ihm Schweigen gebietet. Zuletzt findet sich Jesus selbst in der Rolle des Aussätzigen wieder und ist nicht mehr in der Lage, in eine Stadt zu gehen. Dies scheint die Geschichte zu sein, die Markus erzählen will. Ich vermute mal, dass nicht nur für mich der Sinngehalt des Erzählten weitestgehend im Dunkeln liegt.

Wie immer beginne ich zunächst mit dem möglichst wortwörtlich übersetzten Text:

Dienstag, 7. April 2015

Mk 1,10 - Geisttaufe


Markus unterscheidet sich von den anderen Evangelisten unter anderem dadurch, dass er häufig ein bestimmtes Geschehen aus der Perspektive einer handelnden Person berichtet. Während bei Matthäus, Lukas und Johannes ein gewisses Ereignis „objektiv“ und für jeden sichtbar bezeugt wird, ist dasselbe im Markusevangelium aus dem Blickwinkel „subjektiven“ Erlebens erzählt. Ein schönes der unzähligen Beispiele ist die Geisttaufe in Mk 1,10:
WOW !

Und sogleich
καὶ εὐθὺς
                aufsteigend aus dem Wasser
                ἀναβαίνων ἐκ τοῦ ὕδατος
sah er
εἶδεν

                         sich spaltend die Himmel und
                         σχιζομένους τοὺς οὐρανοὺς καὶ

                         den Geist wie Taube
                         τὸ Πνεῦμα ὡς περιστερὰν

                niedersteigend in ihn;

                καταβαῖνον εἰς αὐτόν·

Interessanterweise ist der unwichtigere Teil, Jesus „Aufsteigen“ aus dem Wasser noch objektiv geschildert, der wichtigere, die Spaltung (Schize) des Himmels und das Niedersteigen des Geistes in Jesus, jedoch subjektiv.

Man stelle sich einmal die ideale Kameraführung für eine Verfilmung dieser Szene vor: Die Taufe durch Johannes im Jordan in Mk 1,9 und der Beginn des Aufsteigens aus dem Wasser werden ganz kurz aus einer gewissen Entfernung gezeigt. Aber in der Bewegung des Aus-Dem-Wasser-Kommens zoomt die Kamera auf das Gesicht Jesu, in slow motion öffnen sich seine Augen, intensiv blickend. Alsdann wird – am besten aus der Perspektive unter Jesus' Kinn - auf den aufreißenden Himmel geblendet, so dass man den steil empor gerichteten Blick von Jesus und dessen weiteres Aufwärtssteigen aus dem Wasser wahrnehmen kann, und - ihm quasi entgegenkommend - strömt aus der Himmelsöffnung strahlend der Geist in ihn hinein. Dann die Himmelstimme in Mk 1,11: „DU bist mein Sohn, der geliebte! ...

Donnerstag, 26. März 2015

Markus im Glauben


Für 2015 hatte ich mir unter anderem vorgenommen, ein wenig mehr über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Dabei interessiert mich besonders, wie Christen für sich selbst Anregungen aus dem Markusevangelium aufnehmen, die mit herkömmlichen Überlieferungen eher weniger harmonieren. 

via riconciliazionepace
Ein berühmtes Beispiel, das ich hier nur zur Erläuterung nenne, ist etwa die Unechtheit der Verse 16,9-20. Wie verhält man sich als gläubiger Christ, wenn man zu der Überzeugung gelangt ist, dass der Vers 16,8 das echte Ende darstellt? Welche Überlegungen entwickelt man angesichts solcher Herausforderungen für den eigenen Glauben? Gelingt es sogar, positive Anregungen für sich zu finden? Was geschieht, wenn man als Christ die kraftvolle Dramatik des Markusevangeliums zu empfinden beginnt, aber auch den Sog spürt, der vielleicht von manchen „rosaroten“ christlichen Inhalten fortführt?

Unter der Rubrik „Markus im Glauben“ möchte ich von Zeit zu Zeit auf geistliche Texte hinweisen, denen dies nach meiner Einschätzung besonders gut gelingt. Texte, die einen „unverfälschten“ Markus wertschätzen und als Anregung zu positiven geistlichen Überlegungen dienstbar machen.

Die Meditation zum Palmsonntag am 29.03.2015 „Nicht schöngeredet“ von Pfarrer Heinz Vogel aus Waldkirch eröffnet diese Rubrik. Ein Auszug:

In der Leidensgeschichte Jesu, der Passion, bannt mich gleich die Frau, die Jesus mit dem wohlduftenden Nardenöl salbt. Es ist im Erzählen ein Augenblick der Ruhe, während das Evangelium sonst unentwegt weiterstrebt, als wäre nichts mehr zu halten. 'Überall auf der Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat.' (Mk 14,9). ... Gerade diese Frau, deren Namen wir nicht wissen, begreift, was es mit diesem Jesus von Nazaret auf sich hat. … Gerade die, die immer um ihn sind, ... begreifen nicht. Nicht begreifen. Das wird alles erzählt. Jene begreifen nicht, die viele Kirchen an den Säulen zieren, zu denen wir aufschauen, die Apostel, von denen sich unsere Bischöfe in ihrer Folge ableiten. Sie sind blind, während andere sehend werden.