Mittwoch, 29. April 2015

Mirjams Aussatz


1) Wie die Septuaginta verwendet das Markusevangelium für Aussatz des Wort „Lepra“ (λέπρα). Mit diesem Begriff ist zumindest auch die klassische Lepra gemeint, wie 4. Mose 12,12 zeigt. Teilweise bezeichnet das Wort aber auch weniger gefährlichere Hautkrankheiten oder gar ungefährliche Hautveränderungen (3. Mose 13f.).
"Und siehe, Mirjam war aussätzig" via
wikimedia.org

Beachtlich ist, dass die hebräische Bibel in fast allen Erzählungen den Aussatz nicht als eine „natürliche Krankheit“, sondern als Strafe Gottes für einen Sünder, vielleicht sogar „nur“ als äußeres Zeichen seiner Sündhaftigkeit versteht. In 2. Chr 26,16-23 maßt sich König Usija die ihm nicht zustehende Rolle eines Priesters an und wird unmittelbar bei seinem Handeln von Aussatz befallen. In 2. Kön 5,20-27 hintergeht Gehasi den Propheten Elisa und wird auf dessen Wort hin mit Aussatz gestraft. In 2. Samuel 3,29 ruft König David wegen eines Mordes Gottes Strafe auf den Täter und dessen Familie herab, so dass „einer Eiterfluss und Aussatz habe oder am Stabe gehe oder durchs Schwert falle oder an Brot Mangel habe!“ Lediglich der von Elisa geheilte Aramäer Naaman scheint unter Aussatz im Sinne einer natürlichen Krankheit zu leiden.

Diese Verständnismöglichkeiten des Aussatzes werden am Beispiel von Mirjam, der Schwester von Mose und Aaron, in 4. Mose 12 thematisiert. Aaron, Mose und Gott selbst „interpretieren“ dort den Aussatz Mirjams und dessen Heilung auf jeweils etwas unterschiedliche Weise.


2) Mirjam „ist/ wird“ in 4. Mose 12 aussätzig, weil sie mit Aaron „gegen Moses gesprochen hat“. Das wesentliche Argument der beiden murrenden Geschwister gegen den von Gott bevorzugten Mose ist, dass Gott nicht nur zu Moses allein spricht, sondern auch zu Aaron und Mirjam. Daraufhin erscheint Gott und weist Mirjam und Aaron zunächst zurecht. Er belehrt sie, dass er ausschließlich mit Mose „von Mund zu Mund“ spricht, zu anderen Propheten aber nur in Träumen und Visionen. Alsdann „entbrannte der Zorn des Herrn gegen sie“ („sie“ in der Mehrzahl!) und er wandte sich ab: „Und siehe, da war Mirjam aussätzig wie Schnee.

Die Erzählung erweckt zunächst ein ungerechten Eindruck, weil Mirjam scheinbar allein „bestraft“ ist, obwohl Aaron gemeinsame Sache mit ihr gemacht hat.

Donnerstag, 23. April 2015

Die „Heilung“ des Aussätzigen im synoptischen Vergleich


Vergleicht man die Erzählung von der Reinigung des Aussätzigen im Markusevangelium mit den Fassungen von Matthäus und Lukas, so fällt im allgemeinen auf, dass beide die „problematischen“ Elemente der markinischen Erzählung vermieden haben, allerdings in unterschiedlicher Weise. Während Matthäus diese Punkte einfach auslässt, schimmert bei Lukas der Markustext in größerem Umfang durch. Auch er lässt einige Punkte aus, verändert aber andere so, dass deren „anstößige“ Aspekte eliminiert sind.
Franz von Assisi mit Aussätzigem - © IMAREAL
via landesmuseum.blogspot

Während sowohl Matthäus als auch Lukas die Bitte des Aussätzigen und seine Anrede an Jesus noch etwas ehrerbietiger schildern, vermeiden es beide, den „Ungehorsam“ des Gereinigten zu erzählen. In gleicher Weise werden auch die Handlungen und Äußerungen von Jesus, die dessen Zorn ausdrücken, von beiden nicht berichtet. Dies gilt auch für die von Markus erzählte „Unfähigkeit“ von Jesus, „im Lichten in eine Stadt zu gehen“. Man kann wohl davon ausgehen, dass Matthäus und Lukas – gerade weil sie diese Stellen entschärften – diese Punkte als anstößig empfanden, dass sie für die meisten antiken Leser so zu verstehen waren und dass gewiss auch Markus sich dessen bewusst war.

Sowohl Matthäus als auch Lukas stellen außerdem stärker auf die „Heilung von der Krankheit“ ab und lassen die von Markus ebenfalls betonte „rituelle bzw. kultische Reinigung“ eher außen vor.

Interessant sind einige Kleinigkeiten. Gegen Markus und Lukas betont Matthäus, dass der Gereinigte dem Priester eine „Gabe“ darbringen soll. Lukas stellt abschließend nochmals das Heilungshandeln von Jesus heraus, aufgrund dessen die Massen zu Jesus strömen.

In der nachfolgenden Übersicht habe ich die vorgenannten Punkte farblich markiert und zudem einige „minor agreements“ unterstrichen.

Freitag, 17. April 2015

Echos der Geschichte vom Aussätzigen


 Und von Markus? via prima-neanderthal.de
In Ergänzung meines vorherigen Beitrags möchte ich auf einige „Echos“ der Geschichte vom Aussätzigen in zwei anderen Abschnitten des Markusevangeliums hinweisen. Es handelt sich dabei um die Wiederverwendung seltener Wörter bzw. Phrasen aus Mk 1,40-45, deren Übereinstimmung recht auffällig erscheint. Eine von Markus verfolgte literarische Absicht könnte daher naheliegen.

Bei den zwei anderen Stellen handelt es sich um Verse aus der Salbung in Bethanien (Mk 14,3-9) sowie aus der Szene vom leeren Grab (Mk 16,6-8).


1) Salbung in Bethanien

Die Salbung von Bethanien weist vier Parallelen auf, von denen drei als deutliches Echo verstanden werden könnten. Es handelt sich dabei um die Wörter „Aussätziger“, „anschnauzen“ und „verkündigen“ sowie die Phrase „wenn du/ihr willst/wollt, so vermagst/vermögt du/ihr“.

Das Wort und das Thema „Aussätziger“ findet sich im Markusevangelium nur an diesen beiden Stellen, das Wort „anschnauzen“ wird von Markus ebenfalls nur insgesamt zweimal verwendet. Das Wort „verkündigen“ stellt nur ein sehr schwaches Echo dar, da Markus häufig davon spricht, wird aber verstärkt durch die einleitende Formulierung „er aber“. Die Phrase „wenn wollen, dann vermögen (fähig sein, können)“ begegnet uns bei Markus ebenfalls nur an diesen zwei Stellen. Hier die Übersicht:

Reinigung des Aussätzigen (Mk 1,40-45) Salbung in Bethanien (Mk 14,3-9)
Mk 1,40 Und kommt zu ihm ein Aussätziger (λεπρὸς - lepros) Mk 14,3 Und seiend er in Bethania, in dem Haus Simons des Aussätzigen (λεπροῦ - leprou)
Mk 1,40 Wenn du willst, du (bist) fähig mich (zu) reinigen. (Ἐὰν θέλῃς δύνασαί με καθαρίσαι) Mk 14,7 Wann immer ihr wollt, ihr (seid) fähig Gutes zu machen (ὅταν θέλητε δύνασθε αὐτοῖς εὖ ποιῆσαι)
Mk 1,43 Und ihn anschnauzend (ἐμβριμησάμενος – embrimēsamenos) sogleich Mk 14,5 Und sie schnauzten (ἐνεβριμῶντο – enebrimōnto) sie an
Mk 1,45 Er aber (ὁ δὲ), weggekommen, anfing zu verkünden (κηρύσσειν - kēryssein)
Mk 14,6 Er aber (ὁ δὲ), Jesus, sagte
Mk 14,9 wenn verkündet (κηρυχθῇ - kērychthē) wird das Evangelium

Donnerstag, 9. April 2015

Mk 1,40-45: Die rätselhafte Behandlung des Aussätzigen


1) Im Markusevangelium gibt es Erzählungen, die in Details, aber auch im Ganzen unverständlich sind. Zumindest für „uns“ - oder jedenfalls zumindest für mich. Ich würde mir manchmal wünschen, über das Wissen und den Verstehenshintergrund der allerersten antiken Leser von Markus zu verfügen, weil ich glaube, dass sie ihn wesentlich besser begreifen konnten als wir. 

Reinigung des Aussätzigen

Vielleicht führt es ein wenig weiter, wenn man versteht, aus welchen genauen Gründen man nicht versteht; wenn man die einzelnen Stellen der Erzählung benennt, die sich einem Verständnis widersetzen; wenn man das Maß von Sicherheit abschätzt, mit dem man vielleicht einzelne Fragen beantworten kann.

Ein Beispiel für eine solche Erzählung ist die sogenannte „Heilung“ des Aussätzigen in Mk 1,40-45. „Sogenannt“, weil für jeden ernsthaften Leser der Szene sofort ersichtlich ist, dass weder der Aussätzige noch Jesus die „Krankheit“ und deren „Heilung“ thematisieren. Der Aussätzige ist lediglich an seiner „Reinigung“ interessiert und Jesus sagt ihm auch nur diese zu. Nur quasi nebenbei verschwindet dabei auch der Aussatz.

Der spannendere Abschnitt ist der zweite Teil der Erzählung, der einen fortwährenden Rollentausch während der ganzen Geschichte nahelegt: Zunächst behandelt Jesus im ersten Teil einen unreinen Aussätzigen wie einen Reinen, da er ihn berührt. Alsdann behandelt er den Gereinigten wie einen Unreinen bzw. einen Dämon, indem er ihn hinauswirft und ihm Schweigen gebietet. Zuletzt findet sich Jesus selbst in der Rolle des Aussätzigen wieder und ist nicht mehr in der Lage, in eine Stadt zu gehen. Dies scheint die Geschichte zu sein, die Markus erzählen will. Ich vermute mal, dass nicht nur für mich der Sinngehalt des Erzählten weitestgehend im Dunkeln liegt.

Wie immer beginne ich zunächst mit dem möglichst wortwörtlich übersetzten Text:

Dienstag, 7. April 2015

Mk 1,10 - Geisttaufe


Markus unterscheidet sich von den anderen Evangelisten unter anderem dadurch, dass er häufig ein bestimmtes Geschehen aus der Perspektive einer handelnden Person berichtet. Während bei Matthäus, Lukas und Johannes ein gewisses Ereignis „objektiv“ und für jeden sichtbar bezeugt wird, ist dasselbe im Markusevangelium aus dem Blickwinkel „subjektiven“ Erlebens erzählt. Ein schönes der unzähligen Beispiele ist die Geisttaufe in Mk 1,10:
WOW !

Und sogleich
καὶ εὐθὺς
                aufsteigend aus dem Wasser
                ἀναβαίνων ἐκ τοῦ ὕδατος
sah er
εἶδεν

                         sich spaltend die Himmel und
                         σχιζομένους τοὺς οὐρανοὺς καὶ

                         den Geist wie Taube
                         τὸ Πνεῦμα ὡς περιστερὰν

                niedersteigend in ihn;

                καταβαῖνον εἰς αὐτόν·

Interessanterweise ist der unwichtigere Teil, Jesus „Aufsteigen“ aus dem Wasser noch objektiv geschildert, der wichtigere, die Spaltung (Schize) des Himmels und das Niedersteigen des Geistes in Jesus, jedoch subjektiv.

Man stelle sich einmal die ideale Kameraführung für eine Verfilmung dieser Szene vor: Die Taufe durch Johannes im Jordan in Mk 1,9 und der Beginn des Aufsteigens aus dem Wasser werden ganz kurz aus einer gewissen Entfernung gezeigt. Aber in der Bewegung des Aus-Dem-Wasser-Kommens zoomt die Kamera auf das Gesicht Jesu, in slow motion öffnen sich seine Augen, intensiv blickend. Alsdann wird – am besten aus der Perspektive unter Jesus' Kinn - auf den aufreißenden Himmel geblendet, so dass man den steil empor gerichteten Blick von Jesus und dessen weiteres Aufwärtssteigen aus dem Wasser wahrnehmen kann, und - ihm quasi entgegenkommend - strömt aus der Himmelsöffnung strahlend der Geist in ihn hinein. Dann die Himmelstimme in Mk 1,11: „DU bist mein Sohn, der geliebte! ...

Donnerstag, 26. März 2015

Markus im Glauben


Für 2015 hatte ich mir unter anderem vorgenommen, ein wenig mehr über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Dabei interessiert mich besonders, wie Christen für sich selbst Anregungen aus dem Markusevangelium aufnehmen, die mit herkömmlichen Überlieferungen eher weniger harmonieren. 

via riconciliazionepace
Ein berühmtes Beispiel, das ich hier nur zur Erläuterung nenne, ist etwa die Unechtheit der Verse 16,9-20. Wie verhält man sich als gläubiger Christ, wenn man zu der Überzeugung gelangt ist, dass der Vers 16,8 das echte Ende darstellt? Welche Überlegungen entwickelt man angesichts solcher Herausforderungen für den eigenen Glauben? Gelingt es sogar, positive Anregungen für sich zu finden? Was geschieht, wenn man als Christ die kraftvolle Dramatik des Markusevangeliums zu empfinden beginnt, aber auch den Sog spürt, der vielleicht von manchen „rosaroten“ christlichen Inhalten fortführt?

Unter der Rubrik „Markus im Glauben“ möchte ich von Zeit zu Zeit auf geistliche Texte hinweisen, denen dies nach meiner Einschätzung besonders gut gelingt. Texte, die einen „unverfälschten“ Markus wertschätzen und als Anregung zu positiven geistlichen Überlegungen dienstbar machen.

Die Meditation zum Palmsonntag am 29.03.2015 „Nicht schöngeredet“ von Pfarrer Heinz Vogel aus Waldkirch eröffnet diese Rubrik. Ein Auszug:

In der Leidensgeschichte Jesu, der Passion, bannt mich gleich die Frau, die Jesus mit dem wohlduftenden Nardenöl salbt. Es ist im Erzählen ein Augenblick der Ruhe, während das Evangelium sonst unentwegt weiterstrebt, als wäre nichts mehr zu halten. 'Überall auf der Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat.' (Mk 14,9). ... Gerade diese Frau, deren Namen wir nicht wissen, begreift, was es mit diesem Jesus von Nazaret auf sich hat. … Gerade die, die immer um ihn sind, ... begreifen nicht. Nicht begreifen. Das wird alles erzählt. Jene begreifen nicht, die viele Kirchen an den Säulen zieren, zu denen wir aufschauen, die Apostel, von denen sich unsere Bischöfe in ihrer Folge ableiten. Sie sind blind, während andere sehend werden.

Samstag, 14. März 2015

Markus, Josephus und das Buch Esther


Teil 1 – Das Buch Esther, der Alpha-Text und Josephus

Königin Esther - via preciousoils.wordpress
1) Das Markusevangelium zitiert in Mk 6,14-29 mehrmals aus dem Buch Esther. Ich frage mich vor allem, was der Sinn dieser Zitate ist und möchte mir einige Gedanken darüber machen, aus welchem Grund Markus an dieser Stelle auf Esther anspielt.

Diese Frage wirft ein heikles Problem auf. Die Geschichte über die schöne Esther ist uns nämlich in drei, teilweise erheblich voneinander abweichenden Fassungen aus der Antike überliefert sowie zusätzlich in einer Nacherzählung:

- der masoretische Text der hebräischen Bibel (Mt)
- die griechische Fassung der Septuaginta (LXX)
- der sogenannte griechische Alpha-Text, auch als A-Text bezeichnet (A)
- der griechische Bericht von Josephus Flavius in den „Jüdischen Altertümern“

Man weiß also nicht, welches Esther-Buch Markus eigentlich kannte. Die Behauptung, dass Markus daraus zitiert hätte, entbehrt somit nicht einer gewissen Komik. Ich habe mir deshalb die unterschiedlichen Fassungen von Esther etwas näher angesehen. Mein vorsichtiger Eindruck ist, dass Markus – ebenso wie Josephus – möglicherweise mehrere Esther-Bearbeitungen kannte oder eine Fassung, die nicht nur mit der LXX vergleichbar ist, sondern auch mit dem Alpha-Text. (In der Bibliothek von Qumran wurde das Buch Esther übrigens nicht gefunden - als einziges Buch der hebräischen Bibel.)

Im ersten Teil dieses Beitrags möchte ich zunächst nur etwas zu den unterschiedlichen Esther-Büchern sagen und auf bestimmte Motive der Esther-Geschichte sowie einige literarische Tricks und Techniken des Buches Esther hinweisen. Abschließend möchte ich zeigen, dass die Nacherzählung von Josephus an einigen Stellen mit dem Alpha-Text (A) gegen Mt und LXX übereinstimmt. Dies, um sicher sein zu können, dass der Alpha-Text keine wesentlich spätere Nachbearbeitung der LXX-Fassung ist, sondern - zumindest in einer Urfassung oder nahestehenden Bearbeitung - ebenfalls schon um die Zeitenwende vorlag (- auch wenn er textlich nur durch Bibeln belegt ist, die nach dem Jahr 1000 entstanden sind). In seinem 2009 erschienen Esther-Kommentar beschreibt Harald Wahl den Stand der aktuellen Diskussion dahingehend, dass die meisten Spezialisten davon ausgehen, dass ein Vorläufer des A-Textes (protoA) älter ist als die LXX (bei ihm als B-Text bezeichnet), vielleicht sogar älter als der masoretische Text.

Die Schlussfolgerung, die ich gern ziehen möchte, liegt natürlich auf der Hand: Hat Josephus den A-Text gekannt, dann könnte ihn auch Markus gekannt haben.


2) Für den deutschsprachigen Leser sind wichtige Unterschiede zwischen Mt und LXX erkennbar, wenn er z.B. die (kleine) Luther oder die Elberfelder mit der Einheitsübersetzung vergleicht.

Luther und Elberfelder sind Übersetzungen nur des Mt, während die Einheitsübersetzung ein „Mischtext“ ist. Dieser enthält eine Übersetzung des hebräischen Textes (Mt) mit den (sogenannten) Zusätzen aus der Septuaginta (LXX). Diese LXX-Zusätze sind in besonderer Weise, nämlich mit Kleinbuchstaben, gekennzeichnet. Das erste Kapitel der Einheitsübersetzung des Buches Esther bietet beispielsweise zunächst die LXX-Verse 1 a) bis 1 r) und alsdann die Mt-Verse 2 bis 22.

Mittwoch, 4. März 2015

Johannes der Täufer, das Gesetz und die Sünde


1) Markus´ Erzählung von der Enthauptung Johannes des Täufers ist weltberühmt und vielfach von Malern, Schriftstellern und Musikern interpretiert worden. In der Regel richtet sich die Aufmerksamkeit des Lesers in dieser Szene auf die von Markus „gemalte Blume des Bösen und Makabren“. So auch die des ehrwürdigen Lohmeyer, der zur sprachlichen Gestaltung treffende Worte gefunden hat: 

A. Tiarini: Der Täufer und Herodes (Mk 6:20 "... wenn er
ihn hörte, wurde er verlegen; doch hörte er ihn gerne.
")

"Die Sprache ... ist sparsam bis zum Äußersten, schildert nicht farbig und im Einzelnen die Gegensätze, die hier ineinander greifen, verschweigt auch fast alle seelischen Motive; sie erzählt unbestechlich und gleichsam teilnahmslos. Die Erzählung nimmt für keinen Partei, weder für den Täufer noch gegen den Fürsten, höchstens vielleicht für (!) die Fürstin. Denn dass sie gegen alle Widerstände ihren Plan durchsetzt, mit List und Brutalität und Rücksichtslosigkeit gegen die eigene Tochter, das ist der Geschichte wahrer Inhalt; aber sie verurteilt auch die Fürstin nicht."

In der Tat ist diese Szene im Markusevangelium ohne Rührung dargestellt. Das „Auftragen“ des abgeschlagenen Täuferkopfes auf einem Tablett beim Festmahl von Herodes hat dann auch schon bei einem Kommentator die zynische Rückfrage ausgelöst, wie denn wohl serviert worden sei. Etwa mit einer Portion Pommes? Beim zweiten Lesen der Geschichte bemerkt man zudem, dass Markus auf anscheinende Nebensächlichkeiten Gewicht legt. Er zitiert etwa mehrmals aus dem Buch Esther und stellt das wiederholte Hinein- und Hinausgehen der tanzenden Tochter heraus, was den provozierenden Eindruck erweckt, dass es Markus wesentlich wichtiger war, die Abwesenheit der Frauen beim Festmahl der Männergesellschaft zu betonen, als Mitgefühl mit dem Täufer zu zeigen und Partei gegen die tödliche Intrige zu ergreifen.

Warum also ist der kühle Markus sogar hier im Angesicht des Makabren so kalt und distanziert?


2) Eine Antwort auf diese Frage ergibt sich meines Erachtens, wenn man in dieser Geschichte nicht zuerst auf „Sex and Crime“ achtet, sondern sie „von den Rändern her“ liest. Die Auseinandersetzung beginnt mit der Zurechtweisung des Herodes durch den Täufer in Mk 6:18:

Gesagt hatte nämlich der Johannes dem Herodes: 'Nicht erlaubt ist (Οὐκ ἔξεστίν) Dir, zu haben die Frau Deines Bruders.'

Nun gibt es keinen ernsthaften Bibelwissenschaftler, der diese Stelle nicht bemerkt hätte und nicht ausdrücklich darauf hinweist, dass Johannes sich in seiner Kritik an Herodes offenbar auf 3. Mose 18,16 beruft: „Du sollst mit der Frau deines Bruders nicht (geschlechtlichen) Umgang haben; denn damit schändest du deinen Bruder.

Bei einer knappen Recherche konnte ich jedoch keinen Exegeten finden, der die Bedeutung dieser Aussage erkannt hätte. Johannes argumentiert hier nämlich in der Art und Weise der Pharisäer, der Gegner von Jesus. Er beruft sich gegenüber Herodes auf das „Gesetz“.

Donnerstag, 26. Februar 2015

Übersetzungen zu Josephus und Philo von Alexandria online

via wikimedia

Eine kleine Blog-Notiz:

Unter die MARKUS-HILFEN habe ich Links zu Übersetzungen der Werke von Josephus und Philo von Alexandria sowie zum griechischen Text aufgenommen.

via wikimedia
Leider ist bei Philo bislang nicht viel zu haben und manche Übersetzung ist auch schon uralt ;-)


Im Moment sieht es so aus:




Josephus

Jüdischer Krieg
Jüdische Altertümer
Gegen Apion
Vita

Philo
Über die Cherubim
Über die Verwirrung der Sprachen
Über den Dekalog
Über Joseph
Über Belohnungen und Strafen
Über die Einzelgesetze
Über die Tugenden
Über das Leben Moses

Dienstag, 24. Februar 2015

Ave Maria


1) Zwischen Simon von Kyrene, Vater von Alexander und Rufus, (Mk 15,21) und einer anderen Person des Markusevangeliums, der Maria, Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses (Mk 15,40; 15,47; 16,1), besteht eine Gemeinsamkeit: Es sind Menschen, die uns im Schlussteil des Evangeliums begegnen und die durch die Namen ihrer Kinder näher charakterisiert sind

Mk 15,40: Maria, Mutter von Jakobus
und Joses. Und von Jesus?
Beide bilden damit anscheinend einen Gegensatz zu anderen Akteuren, die am Beginn des Evangeliums standen und lange Zeit dominierten. Es waren Söhne, die durch ihre Väter definiert waren, vor allem Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, (Mk 1,19-20; 3,17; 10,35), Levi, der Sohn des Alphäus (Mk 2,14) sowie Jakobus, der Sohn des Alphäus (Mk 3,18).

Im Abschnitt zwischen den „Vaterssöhnen“ und den „Kindereltern“ (von Mk 10,35 bis Mk 15,21) finden wir Personen, deren familiärer Status ein wenig schillert und etwas Zweideutiges an sich hat. Es sind der Sohn des Timäus, Bartimäus (Bar-Timäus ist übersetzt zugleich: Sohn des Timäus - Mk 10,46) und Barabbas (Bar-Abbas übersetzt: Sohn des Vaters – Mk 15,7.15). Im ersten Fall ist das Vaterschaftsverhältnis zugleich der Name, im zweiten Fall bezeichnet der Name zugleich ein Vaterschaftsverhältnis. In diese Richtung weist auch die Diskussion um die Davidssohnschaft des Christus in Mk 12,35-37 (Ist der Christus der Sohn von David oder sein Herr? Definiert sich der Christus durch „seinen“ Vater David oder ist es nicht sogar David selbst, der in Psalm 110 seine eigene Person durch den Christus als seinen Herrn definiert?)

2) In der Welt das Markusevangeliums ist es nicht leicht, eine Frau zu sein und zugleich einen Namen zu haben. Zwar begegnen uns von Beginn des Evangeliums an Frauen, sie sind zunächst jedoch alle namenlos.

Frauennamen tauchen nur an zwei Stellen des Markusevangeliums auf. In einigen Versen des 6. Kapitels und in den letzten 16 Versen zwischen Mk 15,40 und Mk 16,8. Zunächst wird 4 Mal der Name einer Frau genannt, in den letzten 16 Versen hingegen insgesamt 8 Mal, jeweils unter Einbeziehung der Wiederholungen.