Freitag, 13. November 2015

Die Schriftgelehrten als Hauptgegner von Jesus


1) Nach allgemeiner Meinung gelten die Pharisäer als hauptsächliche Widersacher von Jesus. Dem entspricht, dass sie in den Evangelien 89 Mal erwähnt werden, die Schriftgelehrten nur 59 Mal. Im Markusevangelium ist das Verhältnis jedoch umgekehrt. Schriftgelehrte (γραμματεῖς – grammateis) nennt Markus 21 Mal, Pharisäer (Φαρισαῖοι - Pharisaioi) hingegen lediglich 12 Mal. Dabei sind beide Gruppen nicht strikt voneinander getrennt. In Mk 2:16 begegnet man auch den „Schriftgelehrten der Pharisäer“.

Ein weiterer Unterschied der Evangelien betrifft das Profil dieser Gegner. Während die Unterscheidung von Pharisäern und Schriftgelehrten bei Matthäus und Lukas eher diffus ist (eine vage Ausnahme mag Lk 11:37ff sein), sind bei Markus die Pharisäer von den Schriftgelehrten deutlich zu unterscheiden, wie Dieter Lührmann bereits vor knapp 30 Jahren gezeigt hat.
Mk 2:6 "Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und
dachten in ihren Herzen ..." - via commons.wikimedia

Die Kritik der Pharisäer bei Markus zielt auf den durch das Recht (Halacha) gebotenen Lebenswandel (Fastenfrage Mk 2:18, Sabbatfrage Mk 2:24, Speisegebote Mk 7:5, Ehescheidung Mk 10:2, Steuerfrage Mk 12:13). Die Schriftgelehrten bestreiten hingegen die göttliche Vollmacht von Jesus und stellen ihn als von Beelzebul besessen dar (Mk 2:6, 3:22, 11:27, 12:35), lehren eine andere Auslegung der Schriften der hebräischen Bibel (Mk 9:11, 12:35) und planen mit den Hohenpriestern und Ältesten die Tötung von Jesus (8:33, 10:33, 11:18, 14:1, 14:43, 14:53, 15:1).

Die Rivalität zwischen Jesus und den Schriftgelehrten hebt Markus noch zusätzlich durch zwei Stellen hervor: In Mk 1:22 heißt es über Jesus, dass er „in Vollmacht lehrt und nicht wie die Schriftgelehrten“. In Mk 12:38ff sind es schließlich die Schriftgelehrten, die im Markusevangelium unter allen Gegnern am kritischsten beurteilt werden: „Und er lehrte sie und sprach zu ihnen: Seht euch vor vor den Schriftgelehrten, die gern in langen Gewändern gehen und lassen sich auf dem Markt grüßen und sitzen gern obenan in den Synagogen und am Tisch beim Mahl; sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete. Die werden ein umso härteres Urteil empfangen.

Ein Schwarz-Weiß-Denken finden wir bei Markus gleichwohl nicht. Die lobenswerte Ausnahme aus dem Kreis seiner Gegner kommt ausgerechnet aus dem Lager der Schriftgelehrten – Mk 12:28ff.

Soweit der mir ersichtliche Stand der Wissenschaft. Ich mag hierzu eine Beobachtung ergänzen: Die Pharisäer wagen im Markusevangelium stets die offene Diskussion mit Jesus, die Schriftgelehrten meiden sie hingegen, versuchen aber die Jünger und das Volk zu beeinflussen.

Montag, 9. November 2015

Müßige Textkritik

via kiyanti2008.wordpress.com
1) Vers 15:34 des Markusevangeliums beschreibt den Ausruf von Jesus am Kreuz zunächst im aramäischen Wortlaut („Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“).

Wer sich für den „buchstabengenauen“ Aufschrei interessiert, steht vor der erheblichen Schwierigkeit, dass die ältesten Codizes des Markusevangeliums jeweils eine unterschiedliche Fassung enthalten. Dies gilt allein schon für das Wort „hast Du mich verlassen“: 


Codex Sinaiticus – σαβακτανει....... (sabak....t...ani)
Codex Vaticanus – ζαβαφθανει........(zabav....th..ani)
Codex Alexandrinus – σιβακθανει...(sibak.....th..ani)
Codex Bezae – ζαφθανει................(zav........th..ani)
Codex Ephraemi – σαβαχθανει........(sabach..th..ani)

Cod. Sinaiticus: die Hand des Korrektors
Bevor der Codex Sinaiticus, die von Constantin Tischendorf im Katharinenkloster am Berg Sinai aufgefundene Bibel aus dem 4. Jahrhundert, die Schreibwerkstatt verließ, ist er nochmals korrigiert worden. Der Korrektor hat bei Vers 15:34 die zwei Buchstaben „χθ” über das Wort „σαβακτανει” geschrieben, war also anderer Meinung als der Schreiber. Seines Erachtens lautete das fragliche Wort mithin „σαβαχθανει” (sabachthani). Da diese Lesart mit der Fassung des Codex Ephraemi Rescriptus sowie vielen jüngeren Manuskripten übereinstimmt und „σαβαχθανει” im Aramäischen für „hast Du mich verlassen“ stehen kann, ist dieser Wortlaut die von den Experten bevorzugte Lesart. Die Entscheidung für dieses Wort ist gut nachvollziehbar, aber angesichts der vielen unterschiedlichen Textvarianten mit einer hohen Unsicherheit verbunden. Was hier wirklich im „Original“ des Markusevangeliums stand, kann wohl nicht mit letzter Gewissheit gesagt werden.


2) Textkritik entzündet sich meist an theologisch bedeutsamen oder interessanten Stellen und kann zu erhitzten Debatten führen. Eine Entscheidung, ob etwa im Vers 1 des Markusevangeliums („Anfang des Evangeliums Jesu Christi“) zusätzlich noch die Wörter „Sohn Gottes“ standen oder nicht, ist eben nicht frei von weltanschaulichen Prägungen und Vorlieben. Beim Lesen textkritischer Abhandlungen von gewissen Autoren gewinnt man auch nicht selten den Eindruck, dass die Sache aus ihrer Sicht „glasklar“ und „bar jeden Zweifels“ entschieden werden kann.

Mit diesem Beitrag möchte ich einmal genau das Gegenteil tun und zeigen, wie schwierig Textkritik ist. Es handelt sich um eine Stelle, deren unterschiedliche Lesarten nur ganz leicht differieren und bei denen die Entscheidung für die eine oder andere Variante aus theologischer Sicht mehr oder weniger unerheblich ist. Das Problem lässt sich also „ganz entspannt“ betrachten. Eine „abschließende Lösung des Falles“ präsentiere ich außerdem nicht.

Erwähnenswert scheint er mir jedoch, weil sich bei genauer Betrachtung die Verhältnisse umkehren. Auf den ersten Blick erscheint die Sache ziemlich klar. Für die von den Experten bevorzugte Textvariante scheinen zunächst „alle guten Gründe“ zu sprechen. Am Ende erweist sich aber gerade diese Lesart als die zweifelhafteste.

Dienstag, 27. Oktober 2015

Wie Schafe, die keinen Hirten haben (II)


Am Ende ruft die Menge vor Pilatus „Kreuzige ihn!“ (Mk 15:13), obwohl das Volk vor allem in Galiläa Jesus noch in großen Scharen hinterhergelaufen war. - Einige Überlegungen über das Verhältnis zwischen Jesus und den Volksmengen im Markusevangelium und dessen Wandlung …

Teil 2 – Hörer der Lehre Jesu

1) Im ersten Teil dieses Beitrags bin ich einem Thema nachgegangen, dass Markus sehr sorgfältig vom 1. bis zum 6. Kapitel entwickelt: die Bedrängung von Jesus durch die Volksmenge. Ab dem 7. Kapitel lässt Markus dieses Motiv jedoch fallen. Eine weitere Bedrängung durch die Menge wird im Markusevangelium nicht mehr erwähnt.

Lehrer der Volksmenge
Positiv gewendet kann man der markinischen Darstellung entnehmen, dass sich das Volk in den ersten Kapiteln des Markusevangeliums in zunehmenden Maße um Jesus versammelt, der gewissermaßen das Zentrum des Zulaufs der Massen und den „Ort“ von Reinheit und Heilung bildet. Er tritt damit in eine gewisse Konkurrenz zu den herkömmlichen Institutionen: der Familie, der Synagoge, dem Tempel und anderen Gemeinschaftsformen wie etwa der „Stadt“. In diesen Institutionen finden sich die Heilbedürftigen und Dämonisierten.

Gleichwohl hat Markus diesen „Erfolg“ von Jesus nicht in rosaroten Tönen beschrieben. Er hat in seinem Bericht die Bedrohlichkeit der Menschenmassen und das fast hysterische und gewaltsame Bedrängen von Jesus hervorgehoben. Es sind Menschen-“Haufen“, deren Anblick nach Mk 6:34 Mitgefühl auslöst: „wie Schafe, die keinen Hirten haben“.

Der Vers 6:34 ist damit noch nicht vollständig wiedergegeben, sondern nennt außerdem noch die unmittelbare Reaktion von Jesus auf den Anblick der sein Mitgefühl auslösenden Volksmenge:

καὶ ἤρξατο διδάσκειν αὐτοὺς πολλά
und er begann zu lehren sie vieles


2) Gewöhnlich denkt man bei der „Lehre von Jesus“ an die Bergpredigt und damit an das Matthäusevangelium, während das Markusevangelium nicht unbedingt für die darin enthaltenen „Lehren Jesu“ gerühmt wird.

Dementgegen ist auffällig, dass Markus ab Beginn seines Evangeliums mit der Verkündung ein weiteres wichtiges Motiv im Verhältnis zwischen Jesus und der Volksmenge verfolgt. Unaufhörlich verkündet und lehrt Jesus die Menge und „sagt“ ihnen „das Wort“. Allerdings erfahren wir nicht in jedem Fall etwas über die Lehrinhalte seiner Reden.

Dabei kommt es mit dem 7. Kapitel zu einer auffälligen Wende im Markusevangelium. Jesus, der bis dahin in der Regel in Gleichnissen gepredigt hat, geht in seiner Lehre nun zu direkten und unmissverständlicheren Aussagen über. Gleichsam als Echo dieser Änderung beziehen sich die „Heilungswunder“ ab diesem Zeitpunkt auf Sinnes- und Äußerungsorgane: die Heilung von Blinden, Taubstummen sowie die Austreibung eines tauben und stummen Geistes. In diesem Rahmen erreicht auch die Thematik des Jüngerunverständnisses ihren Höhepunkt, die nicht allein die Jünger, sondern auch die Volksmenge zu betreffen scheint.

Montag, 21. September 2015

Wie Schafe, die keinen Hirten haben (I)


Teil 1 – Die große Bedrängnis

Am Ende ruft die Menge vor Pilatus „Kreuzige ihn!“ (Mk 15:13). Trotz der Anstachelung durch die Hohenpriester versteht man nicht so richtig, woher der Sinneswandel des Volkes rührt, das Jesus vor allem in Galiläa in großen Scharen hinterhergelaufen war. Ich mag mir deshalb über dieses Volk und die Art, wie es von Markus dargestellt ist, ein paar Gedanken machen.
Mk 3:9 „Und er sagte ..., sie sollten ihm ein kleines Boot
bereithalten, damit die Menge ihn nicht bedränge

1) Zwei einfache Beobachtungen zu Beginn. Im Markusevangelium ist – anders als etwa im Römerbrief - nirgendwo von den „Israeliten“ die Rede. Es werden nur „Jerusalemer“ (Mk 1:5), „Judäer“ (Mk 7:3) und „Galiläer“ (Mk 14:70) als solche bezeichnet.

Die Volksschichten werden im Markusevangelium mit fünf unterschiedlichen Begriffen benannt. Das klassische Septuaginta-Wort für das „Volk“ Israels - λαὸς (laos) - verwendet Markus nur 2 Mal (nach Cod. Sinaiticus 3 Mal) und die heidnischen „Völker“ (ἔθνη – ethnē) werden 6 Mal erwähnt. Wesentlich häufiger spricht er von der „Menge“ (ὄχλος – ochlos) oder von den „Vielen“ (πολλοὶ – polloi); zweifach auch von einer „Fülle“ von Menschen (πλῆθος – pléthos) in Mk 3:7-8.

Das „Volk“ scheint im Markusevanglium auf den ersten Blick überwiegend kein Volk zu sein - und schon gar nicht „Israel“ -, sondern eine bloße Menschenmenge.


2) An dieser „Menge“ fallen zunächst zwei Eigenschaften auf. Sie ist äußerst hilfebedürftig und bedrängt Jesus enorm. Im Fortgang der Erzählung ist diese Bedrängung häufig mit Orten „am Meer“ verbunden.

Montag, 7. September 2015

Als "Petrus" das Markusevangelium rettete ...


1) Als im 3. Jahrhunderts n.Chr. die Kirchenväter und christlichen Schriftsteller aus den Evangelien zitierten, entfielen laut Brenda Schildgen im Verhältnis der Evangelien untereinander etwa 12 Zitate auf Matthäus, 7 Zitate auf Johannes, 4 auf Lukas und ein Zitat auf Markus. Soweit dies aus den Quellen nachvollzogen werden kann, kamen bei der Lesung von Evangelientexten im Gottesdienst zu jener Zeit auf eine Lesung von Markus etwa 16 Lesungen von Matthäus und 16 Lesungen von Johannes. Unter den in Teilen noch erhaltenen Handschriften der Evangelien aus den ersten drei Jahrhunderten n.Chr. befinden sich nach Larry Hurtado Dutzende von Matthäus, 16 von Johannes und 7 von Lukas. Die eine erhaltene Handschrift von Markus (Papyrus 45) wird selbst vom apokryphen Thomasevangelium übertrumpft, das auf Reste von drei Handschriften verweisen kann. Das Markusevangelium „überlebte“ in jenem Jahrhundert am Rande, während im Zentrum des katholischen Denkens vor allem Matthäus sowie Johannes standen und Lukas mit seiner Geburtsgeschichte reges theologisches Interesse genoss.

via Amazon
Zur Frage, wie dem Markusevangelium im 3. Jahrhundert n.Chr. das Überleben und sogar der Sprung ins Neue Testament gelang, gab Hurtado vor gut zwei Jahren folgenden Tipp ab: „For my money ... the early association of GMark with the Apostle Peter was likely at least one major factor.“ Prof. Hurtado bezog sich dabei auf die kirchliche Überlieferung, nach der Markus der „Dolmetscher“ oder „Interpret“ von Petrus gewesen sei. Unter dem Schutz der Autorität des großen Apostels, die die Christenheit im 3. Jahrhundert Petrus beimaß, sei das Markusevangelium letztlich unantastbar gewesen.

Michael J. Kok hat in seinem in diesem Jahr erschienen Buch „The Gospel on the Margins: The Reception of Mark in the Second Century“ und seiner 2013 verfassten Dissertation diese Randständigkeit des Markusevangeliums untersucht und das Entstehen jener Überlieferung, wonach Markus angeblich ein Mitarbeiter von Petrus gewesen sei.

Ausgangspunkt von Kok's Überlegungen ist zunächst, dass die kirchliche Überlieferung über Markus als „Interpret“ oder „Dolmetscher“ von Petrus nicht zutreffend, sondern eine bloße Fiktion ist. Über die Einzelheiten mag man streiten, doch wer das Markusevangelium einmal gelesen hat, sollte verstanden haben, dass Markus von Petrus und den „Zwölf“ (Aposteln) insgesamt ein negatives Bild zeichnet, in welchem die Jünger von zunächst in die Nachfolge Berufenen, zu unverständigen Jüngern und schließlich zu Deserteuren werden. Kok schreibt (mit Horsley übereinstimmend): „As the plot unfolds, the Twelve repeatedly demonstrate themselves to be inadequate representatives of the kingdom movement and regress from disciples to deserters of Jesus. … In Horsley’s reading, Peter and the Twelve deserted the social ideals of Jesus as Mark understood them.


2) In welchen Schritten und zu welchem Zweck wurde aber dann die Behauptung in die Welt gesetzt, dass Markus ein Mitarbeiter von Petrus gewesen sei?

Mittwoch, 2. September 2015

Eine “falsche” Präposition in Ps-Mk 16,9 und die Strenge markinischer Begriffe


Erfahrene Bibelleser wissen, dass die Verse 16,9-16,20 des Markusevangeliums unecht sind und nachträglich von anderer Hand hinzugefügt wurden. Der Verfasser jener Verse hat sich dabei keine Mühe gegeben, den Schreibstil von Markus nachzuahmen. Er ist nicht wie ein “geschickter Fälscher” vorgegangen.

Cod. Alexandrinus Mk 7,26: Markus verwendet ἐκ
In diesem Beitrag interessiert mich nur ein kleines Beispiel der Stilabweichung, nämlich die Verwendung einer “un-markinischen” Präposition im Vers 16,9, weil sie ein Licht darauf wirft, wie streng und einheitlich die von Markus verwendete Begrifflichkeit sein kann. Der Vers lautet in der Übersetzung der Offenen Bibel: “Nachdem er auferstanden war am frühen Morgen des ersten Tags der Woche, erschien er als erstes Maria Magdalena, von der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte.

Cod. Alexandrinus Mk 16,9: Der Redaktor verwendet ἀφ'
Die Schlussverse - einschließlich Vers 16,9 - sind in den beiden ältesten Handschriften des Markusevangeliums, dem Codex Vaticanus und dem Codex Sinaiticus, nicht enthalten. Die Präposition “von” (“von der er sieben Dämonen“) lautet in den vier anderen sehr alten Handschriften unterschiedlich. Während der Codex Alexandrinus und der Codex Ephraemi Rescriptus an jener Stelle ein “ἀφ'” (aph’) stehen haben, findet sich im Codex Bezae und im Codex Washingtonianus ein “παρ'” (par’). Dies schadet jedoch nichts, weil beide Varianten “falsch” sind und die einzig richtige, die vom “echten” Markus verwandt worden wäre, nirgendwo attestiert ist: die Präposition „ἐκ” (ek) bzw. - da in Mk 16,9 ein Vokal folgt - in der Form von „ἐξ” (ex).

Man kann sich dessen sicher sein, weil Markus zum einen ausnahmslos an jeder vergleichbaren Stelle die Präpositon „ἐκ” (ek) verwendet und er zusätzlich dem Verb die gleiche Vorsilbe voranstellt. Wörtlich schreibt Markus also ausnahmslos über Dämonen, dass sie “rausgeworfen (ἐκ-βάλλω - ekballo) werden aus (ἐκ - ek) jemand”, oder über unreine Geister, dass sie “rauskommen (ἐξ-έρχομαι - exerchomai) aus (ἐκ - ek) jemand”. Zum anderen ist seine Wortwahl beim Gegenteil genauso streng. Für das Besessenwerden verwendet er ausnahmslos die Präposition “in” (im Sinne von hinein), griechisch: “εἰς” (eis), und auch hier stellt er ohne Ausnahme dem Verb die gleiche Vorsilbe voran. Wörtlich übersetzt heißt es über unreine Geister, dass “sie hineinkommen (εἰσ-έρχομαι - eiserchomai) in (εἰς - eis) jemand”.

Hier zunächst die maßgeblichen Textstellen in der Übersetzung der Studienfassung der Offenen Bibel. Die von Markus verwendeten griechischen Wörter habe ich in Klammern jeweils hinter das deutsche Wort gesetzt.

Dienstag, 25. August 2015

Vertrauen zum biblischen Text: Jakob am Jabbok


1) Im 32. Kapitel des Buches Bereschit (1. Mose bzw. Genesis) steht Jakob vor seiner Rückkehr ins heilige Land. Zwanzig Jahre vorher war er geflüchtet, um der Vergeltung seines älteren Zwillingsbruders Esau zu entgehen. Er hatte Esau dessen Erstgeburtsrecht und seinem Vater Isaak den väterlichen Segen abgelistet, der Esau als Älterem gebührte. Nach Jakobs Flucht war sein Schicksal geprägt durch göttliche Offenbarungen, durch weitere Tricks und Täuschungen - die er selbst beging oder deren Opfer er wurde -, durch sein Familienleben und die Rivalität seiner beiden Frauen Lea und Rahel. Nun kehrt Jakob zurück und fürchtet nach wie vor den Zorn seines Bruders, den er ängstlich, aber gemäß einem ausgeklügelten Plan durch reiche Geschenke besänftigen will.

via zhishan.wordpress
In der letzten Nacht vor seiner Begegnung mit Esau lagert Jakobs Tross am Fluss Jabbok. Er steht auf, geht zunächst hinüber, führt dann seine Familie und sein Lager über den Fluss und bleibt dann doch allein zurück. Plötzlich ringt ein geheimnisvoller „Mann“ in der Dunkelheit mit Jakob, der scheinbar den Kampf im Morgengrauen beenden will, aber von Jakob daran gehindert wird, denn dieser will von seinem Gegner gesegnet werden. Der Fremde gibt Jakob den neuen Namen „Israel“ und Jakob gibt dem Ort am Jabbok den neuen Namen „Peniel“, „denn ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und meine Seele ist gerettet worden!

Seit Jahrtausenden rätseln Bibelleser über diese magische Erzählung, darüber, ob der Fremde etwa Gott, ein Engel oder Esau war, ob die Begebenheit sich „wirklich“ oder als Traum oder als tiefes, meditatives Gebet ereignete oder ob es sich um eine allegorische Erzählung handelt. Aber egal, zu welcher Auslegung man auch neigt, man versteht, dass Jakob in dieser Nacht am Jabbok „irgendwie“ mit Gott, vielleicht mit Esau und mit seinem Schicksal ringt und aus diesem Kampf verwandelt und geläutert hervorgeht.

Leider hat dieses „Verständnis“ einen erheblichen Schönheitsfehler. Nach wohl fast einmütiger Auffassung der Bibelwissenschaft ist diese Erzählung nämlich nicht einheitlich entstanden, sondern - um es lax zu sagen – ein Flickenteppich und ein wertloses Kuckucksei. Dabei wird angenommen, dass der Text – wie wir ihn heute in der Bibel lesen können – mehrfach überarbeitet worden sei. Am Anfang habe etwa eine uralte Sage gestanden, die mit der Bibel und Jakob noch nichts zu tun hatte. In dieser standen sich angeblich ein heidnischer Flussgott oder Dämon, der nur während der Nacht erscheint, und ein kanaanäischer Held im Kampf gegenüber. Diese im Volk populäre Geschichte sei zu späterer Zeit abgeändert und neu erzählt worden, als in Kanaan einzelne Stämme mit unterschiedlichen Gottheiten um die Vorherrschaft stritten. Schließlich sei die beliebte Geschichte des Kampfes von den Autoren der Bibel auf Jakob und den Gott Israels so umgeschrieben worden, dass aus dem siegreichen Held der unterlegene Jakob geworden sei. Nach einer der vielen anderen bizarren Meinungen sei der Ursprung der Geschichte hingegen in einer Art Koboldssage zu sehen, in der ein Wanderer des Nachts von einem Kobold angefallen wird.

Ich möchte niemanden davon abhalten, an kanaanäische Dämonen und Kobolde zu glauben. Persönlich muss ich über diese Theorien schmunzeln. Ich habe nicht den allergeringsten Zweifel, dass diese Erzählung echt ist und vollstes Vertrauen verdient.

Diesen langen Beitrag verfasse ich ausnahmsweise als eine Art Rätselspiel, an dessen Ende eine eindeutige Lösung steht. Nach einer Einführung (2.) folgt eine Übersetzung (3.) des biblischen Textes, danach einige Überlegungen zu seiner Struktur (4.-5.) und zu Problemen auf seiner Sinnebene (6.). Mit diesen - manchmal schwierigen - Hinweisen gebe ich Lesern, die so freundlich sind, diesen Beitrag zu lesen, alles Notwendige in die Hand, um von selbst auf die Lösung (7.) des Rätsels zu kommen.

Wer dies wagen will, geht zwei Risiken ein. Er muss – gegen alle Theorien der Bibelwissenschaft - dem biblischen Text vertrauen und sich - Zeile für Zeile und Wort für Wort - in ihn und seine vermeintlichen Widersprüche vertiefen. Er muss außerdem – was noch schwieriger sein dürfte – mir vertrauen.

Montag, 13. Juli 2015

Johannes der Täufer und das „Elija-Geheimnis“ II


Mein Eindruck ist, dass das Markusevangelium die Figur von Johannes dem Täufer in drei Punkten in auffälliger Weise „ausschmückt“ und „positioniert“. In allen drei Fällen weist die Figur des Täufers auf Jesus hin, sowohl auf Unterschiede als auch auf Gemeinsamkeiten der beiden. Die literarischen Mittel, die Markus hierzu verwendet, kann man als „Wiederholung“ und „Parallelisierung“ (einschließlich der Unterschiede) bezeichnen.
Passion des Täufers - via vultuschristi.org

Während der von Markus beabsichtigte Sinn des dritten Themenkomplexes, die Parallelisierung der Passion des Täufers und von Jesus, greifbar erscheint, „irritieren“ die ersten beiden Fälle, weil deren Bedeutung auf den ersten Blick eher dunkel und vielleicht gar kurios anmutet.


1) Wenn es im Markusevangelium Mystik (oder zumindest einen starken Symbolismus) gibt, so ist Gegenstand dieser Mystik die Nahrung und Kleidung Jesu´. Offensichtlich ist diese Eigenart in Bezug auf das (nicht nur) beim Abendmahl ausgeteilte Brot und den ausgeschenkten Wein. Bei näherer Betrachtung bemerkt man zugleich, dass auch die Gewänder von Jesus quer durch das Evangelium mit einer starken symbolischen Bedeutung aufgeladen sind.

Bei einem Vergleich des Täufers mit Jesus in Fragen der Nahrung und Kleidung zeigt sich, dass Markus zwischen beiden deutliche Unterschiede gezeichnet hat.

Freitag, 3. Juli 2015

Bibel-Blogs aus aller Welt auf einen Blick


Überall auf der Welt bloggen Professoren und Fachleute, Kirchendiener und Gläubige, Bibelnarren und Amateure, Religionsfreunde und -feinde über die Bibel. 

via blogger
Eine Ausnahmeerscheinung unter all diesen Bloggern ist Peter Kirby. Peter ist so freundlich und stellt seit Jahren im Internet englischsprachiges Material zusammen, dass von allen fleißig genutzt wird. Es gibt praktisch keinen antiken religiösen Text aus Judentum oder Christentum, zu dem er nicht wertvolle Informationen, Übersetzungen und Verständnishilfen gesammelt hat. Wer also selbst etwas über ausgefallene Texte wie die Bücher Henochs, die Himmelfahrt Jesajas, das Nazoräer-Evangelium oder eine Schrift von Philo von Alexandria sucht, ist auf Peters Seiten „early jewish writings“ und „early christian writings“ genau richtig und kann gewiss sein, dass auch Theologie- und Geschichtsprofessoren sich dort gerade aufhalten. Seine Zusammenstellung der wichtigsten modernen Theorien über den „historischen Jesus“ ist ebenfalls stark frequentiert.

In der vergangenen Woche hat Peter Kirby seine neu überarbeitete Seite „Christian Origins - All the Biblioblogs Fit to Link“ ins Internet gestellt, auf der unzählig viele Bibelblogs aus aller Welt eingebunden sind. Veröffentlicht ein hochehrwürdiger Theologie-Professor oder ein kleiner Bibelfreund einen neuen Beitrag auf seinem Blog, erscheint dieser Beitrag als Vorschau auf Peters Seite, sofern er eingebunden ist.

Peter Kirby ist außerdem ein ziemlich netter Kerl. Ihn und andere lernt man am besten in seinem „Biblical Criticism & History Forum“ kennen.

Donnerstag, 18. Juni 2015

Johannes der Täufer und das „Elija-Geheimnis“


1) Die Beurteilung Johannes des Täufers in den Evangelien ist ein anschauliches Beispiel für die Eigenart des Markusevangeliums, das einzigartige Denken von Markus und dessen Art und Weise des Erzählens.

Matthäus, Lukas und Johannes lassen keinerlei Zweifel daran, wie aus ihrer Sicht die Gestalt Johannes des Täufers zu bewerten ist und wie der Leser ihn bewerten soll. Alle drei fällen ein positives und unzweifelhaftes Urteil über den Täufer, das vor allem mit der Stimme des Erzählers wiedergeben oder in den Mund von Jesus gelegt ist.
Kein glorreicher Wundertäter: Elija am Horeb
via davidtlamb.com

Matthäus nennt den Täufer „mehr als einen Propheten“ und identifiziert ihn ausdrücklich mit Elija, dem von Jesaja prophezeiten Prediger in der Wüste und dem von Maleachi angekündigten Wegbereiter (Mt 3,1ff: „Zu der Zeit kam Johannes der Täufer ... Denn dieser ist's, von dem der Prophet Jesaja gesprochen und gesagt hat: 'Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: ...“; Mt 11,7ff … Er ist mehr als ein Prophet. Dieser ist's, von dem geschrieben steht: 'Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her ... und wenn ihr's annehmen wollt: er ist Elia, der da kommen soll.“)

Lukas lässt nicht nur in den Geburtsgeschichten einen Engel die besondere Rolle des Täufers verkünden (Lk 1,15ff „Denn er wird groß sein vor dem Herrn; ... von Mutterleib an erfüllt werden mit dem Heiligen Geist ... wird vom Volk Israel viele zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren ... wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias … zuzurichten dem Herrn ein Volk ...“, Lk 1,76ff: „Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest ...“), sondern nennt ausdrücklich seine göttliche Beauftragung (Lk 3,2 „da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, ...“) und gibt schließlich ebenfalls einige der von Matthäus genannten Punkte wieder (Lk 7,24ff).

Der Evangelist Johannes verdeutlicht ausdrücklich und bereits im Prolog, dass der Täufer der von Gott gesandte Zeuge für Jesus ist (Joh 1,6f: „Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes. Der kam zum Zeugnis, um von dem Licht zu zeugen, damit sie alle durch ihn glaubten ...“) und beschreibt ihn auch nachfolgend in dieser Funktion des Zeugen (Joh 1,29ff „Am nächsten Tag sieht Johannes, dass Jesus zu ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! Dieser ist's, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist, ... Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist Gottes Sohn.“)

Von alledem ist im Markusevangelium nichts zu finden. Das positivste Urteil über den Täufer fällt bei Markus nicht etwa der Erzähler oder gar Jesus, sondern ausgerechnet der Mann, der den Befehl zur Enthauptung des Täufers gibt: „König Herodes“. Markus präsentiert diese positive Beurteilung auch deutlich als dessen persönliche Ansicht (Mk 6,20):

ὁ γὰρ Ἡρῴδης ἐφοβεῖτο τὸν Ἰωάνην, εἰδὼς αὐτὸν ἄνδρα δίκαιον καὶ ἅγιον
er nämlich, Herodes, fürchtete den Johannes, erkennend ihn (als) gerechten und heiligen Mann