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Donnerstag, 14. September 2017

Mk-Einführung: Neuzeitliche Diskussionen um die Echtheit des langen Markusschlusses

Häufig wird angenommen, dass die These der Unechtheit der Verse 16:9-20 des Markusevangeliums im 19. Jahrhundert entstanden sei. Tatsächlich geht dieser Gedanke aber auf Überlegungen aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zurück und war spätestens in den 1790er Jahren „fix und fertig“. In diesem Beitrag will ich einige Stationen des Weges aufzeigen, den diese These in der Neuzeit genommen und auf dem sie sich entwickelt hat.

1) Die Ehre, der erste neuzeitliche Zweifler an der Echtheit des langen Markusschlusses gewesen zu sein, gebührt wohl Kardinal Thomas Cajetan (eigentlich Tommaso de Vio; 1469 – 1534), der vor allem durch die Anhörung Luthers auf dem Reichstag zu Augsburg 1518 bekannt ist.

Als Kenner der Kirchenväter wusste Cajetan auch um einen Brief von Hieronymus an Hedybia aus dem späten 4. Jahrhundert n.Chr., in dem Hieronymus auf die Verse 16:9-20 zu sprechen kam und deren Unterschiede zum Matthäusevangelium. Als eine Lösungsmöglichkeit schlug Hieronymus vor, diese Verse nicht zu akzeptieren, weil sie nur in wenigen Exemplaren des Markusevangeliums vorhanden seien und in nahezu allen griechischen Handschriften fehlen würden.
Cajetan, In omnes D. Pauli et ...



Kardinal Cajetan schloss hieraus, dass die Echtheit der Verse 16:9-20 fraglich sei, und plädierte dafür, dass die katholische Kirche ihre Glaubenswahrheiten nicht auf diese Bibelstellen stützen sollte. Insbesondere durch verschiedene „Widerlegungen“ wurden die Thesen Cajetans öffentlich verbreitet. 


2) Im Jahr 1516 publizierte Erasmus von Rotterdam eine kritische Ausgabe des griechischen Textes des Neuen Testaments. Es handelte sich dabei um die erste veröffentlichte Druckausgabe in griechischer Sprache, die europaweit bekannt wurde.

In den später herausgegebenen Anmerkungen zum Bibeltext erwähnte Erasmus ebenfalls das Zeugnis des Hieronymus aus dem Brief an Hedybia, ohne ausdrücklich für oder gegen die Echtheit der Verse 16:9-20 Stellung zu nehmen.

Mittwoch, 2. September 2015

Eine “falsche” Präposition in Ps-Mk 16,9 und die Strenge markinischer Begriffe


Erfahrene Bibelleser wissen, dass die Verse 16,9-16,20 des Markusevangeliums unecht sind und nachträglich von anderer Hand hinzugefügt wurden. Der Verfasser jener Verse hat sich dabei keine Mühe gegeben, den Schreibstil von Markus nachzuahmen. Er ist nicht wie ein “geschickter Fälscher” vorgegangen.

Cod. Alexandrinus Mk 7,26: Markus verwendet „ἐκ”
In diesem Beitrag interessiert mich nur ein kleines Beispiel der Stilabweichung, nämlich die Verwendung einer “un-markinischen” Präposition im Vers 16,9, weil sie ein Licht darauf wirft, wie streng und einheitlich die von Markus verwendete Begrifflichkeit sein kann. Der Vers lautet in der Übersetzung der Offenen Bibel: “Nachdem er auferstanden war am frühen Morgen des ersten Tags der Woche, erschien er als erstes Maria Magdalena, von der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte.”

Cod. Alexandrinus Mk 16,9: Der Redaktor verwendet „ἀφ'”
Die Schlussverse - einschließlich Vers 16,9 - sind in den beiden ältesten Handschriften des Markusevangeliums, dem Codex Vaticanus und dem Codex Sinaiticus, nicht enthalten. Die Präposition “von” (“von der er sieben Dämonen“) lautet in den vier anderen sehr alten Handschriften unterschiedlich. Während der Codex Alexandrinus und der Codex Ephraemi Rescriptus an jener Stelle ein “ἀφ'” (aph’) stehen haben, findet sich im Codex Bezae und im Codex Washingtonianus ein “παρ'” (par’). Dies schadet jedoch nichts, weil beide Varianten “falsch” sind und die einzig richtige, die vom “echten” Markus verwandt worden wäre, nirgendwo attestiert ist: die Präposition „ἐκ” (ek) bzw. - da in Mk 16,9 ein Vokal folgt - in der Form von „ἐξ” (ex).

Man kann sich dessen sicher sein, weil Markus zum einen ausnahmslos an jeder vergleichbaren Stelle die Präpositon „ἐκ” (ek) verwendet und er zusätzlich dem Verb die gleiche Vorsilbe voranstellt. Wörtlich schreibt Markus also ausnahmslos über Dämonen, dass sie “rausgeworfen (ἐκ-βάλλω - ekballo) werden aus (ἐκ - ek) jemand”, oder über unreine Geister, dass sie “rauskommen (ἐξ-έρχομαι - exerchomai) aus (ἐκ - ek) jemand”. Zum anderen ist seine Wortwahl beim Gegenteil genauso streng. Für das Besessenwerden verwendet er ausnahmslos die Präposition “in” (im Sinne von hinein), griechisch: “εἰς” (eis), und auch hier stellt er ohne Ausnahme dem Verb die gleiche Vorsilbe voran. Wörtlich übersetzt heißt es über unreine Geister, dass “sie hineinkommen (εἰσ-έρχομαι - eiserchomai) in (εἰς - eis) jemand”.

Hier zunächst die maßgeblichen Textstellen in der Übersetzung der Studienfassung der Offenen Bibel. Die von Markus verwendeten griechischen Wörter habe ich in Klammern jeweils hinter das deutsche Wort gesetzt.

Sonntag, 12. Januar 2014

Das unechte Markusende und die Schlangen


Eine heutige Meldung des Evangelischen Pressedienstes („Keine Anklage gegen ‚Schlangen-Pastor’ Andrew Hamblin“) gibt Gelegenheit, die nachträglich angefügten Schlussverse des Markusevangeliums (Mk 16,9-20) zu überdenken:
Schlangentragen 1946
de.wikipedia

„Mit seiner Gemeinde in LaFollette im US-Bundesstaat Tennessee betet, singt und tanzt der Geistliche mit Giftschlangen. Ein Geschworenengericht habe nun beschlossen, keine Anklage gegen den Pastor der Tabernakel Kirche Gottes zu erheben … Die Gottesdienste mit Schlangen haben ihren Ursprung Anfang vergangenen Jahrhunderts in der pfingstkirchlichen Erneuerungsbewegung in den USA. Rund 100 Kirchen in Tennessee und benachbarten Bundesstaaten im Südosten der USA feiern unter Berufung auf das Markus-Evangelium Gottesdienste mit Giftschlangen.“

Zunächst sei vorsorglich vor Nachahmung gewarnt. Todes- und Verletzungsfälle sind nicht selten.

Die „Schlangen-Stelle“ (Mk 16,18) findet sich nicht im „echten“ Markusevangelium, sondern in den pseudomarkinischen Schlussversen. Aus wissenschaftlicher Sicht kann zur Unechtheit dieser Verse auf Wieland Wilkers Darstellung verwiesen werden.

Ein Wort soll hierzu ergänzt werden …