Montag, 12. Mai 2014

Jesus beleidigt die Syrophönizierin als Hündchen


Frage: Warum ist Jesus so herablassend gegenüber der Frau?

Mk 7,27: „Und er sprach zu ihr: Lass zuerst die Kinder satt werden; es ist nicht gut, dass man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es vor die Hündchen.

via allaboutchris
Jeder etwas sorgfältige Leser des Markusevangeliums wird sicher über diese Stelle stolpern. Auf der Erzählebene wendet sich eine flehende Mutter aus Sorge um ihr Töchterchen an Jesus. Jesus weist die ehrerbietige Frau zunächst nicht nur ab, sondern beleidigt sie indirekt auch noch als unreines „Hündchen“. Markus erläutert den Grund für Jesus Beleidigung nicht. Der Leser muss sich selbst über diese Stelle Gedanken machen und nach den Gründen für Jesus´ „arrogante“ Absage suchen.

1) Fünf Gelehrtenmeinungen

Vor etwa einem Monat hat David D.M. King einen kleinen Essay über diese Frage geschrieben und dazu verschiedene Gelehrtenmeinungen untersucht sowie deren einzelne Schwächen und Stärken diskutiert. In leicht geänderter Reihenfolge, gekürzt und etwas volkstümlich ausgedrückt sind es die folgenden:

1. Jesus meint es gar nicht so, das griechische Wort für „Hündchen“ bezeichnet nur kleine, im Hause lebende Hundewelpen, Jesus scheint bei seinen Worten gewissermaßen zu zwinkern
2. Jesus möchte allein sein, er ist verärgert über die Störung der Syrophönizierin und hat nicht „seinen besten Tag“
3. Jesus ist nur zu den Juden „gesandt“ und verachtet Heiden, er ist von den Gegebenheiten seiner Zeit geprägt, die Syrophönizierin verändert seine Sicht auf die Heiden
4. Jesus ist rassistisch, von den Gegebenheiten seiner Zeit geprägt, die Syrophönizierin verändert seine Sicht auf „Ausländer“
5. Jesus ist ein ziemlicher Macho, von den Gegebenheiten seiner Zeit geprägt, die Syrophönizierin verändert seine Sicht auf Frauen

Theorie 1 negiert das Problem der Beleidigung, Theorie 2 erklärt die Beleidigung aus einem zufälligen Augenblicksversagen heraus, die Theorien 3-5 geben als Grund der Beleidigung eine intolerante Einstellung von Jesus zu einem Wesenszug der Syrophönizierin an.

Wie David D.M. King bin ich der Meinung, dass die Schwäche der beiden ersten Theorien darin besteht, dass sie das Problem „umgehen“ oder als „zufällig“ hinstellen. Diese Positionen verkennen, dass Markus die Leser offensichtlich mit Absicht vor dieses Problem stellt. Die Leser sollen sich meines Erachtens gerade daran „stoßen“ und über die von Markus nicht genannten Gründe der Beleidigung nachdenken.

Die Theorien 3-5 halte ich ebenfalls für unzutreffend …


2) Die traditionelle Sichtweise nach Matthäus

Der erste Markusinterpret, der sich erkennbar dieser Frage zuwandte, ist der eher judenchristlich geprägte Evangelist Matthäus. Seine Sichtweise entspricht im Wesentlichen der Theorie 3, die deshalb nach wie vor die überwiegende Auffassung darstellt. In Mt 15,21 hat Matthäus die Beleidigung der Frau anscheinend auf zwei Umstände gestützt: Jesus, der Sohn Davids, ist nur zu den Juden gesandt und damit nicht zu den unreinen Heiden. Die Frau stört Jesus daher bei seiner eigentlichen und wichtigen Missionsaufgabe und als unreine Heidin ist sie es nicht wert, dass Jesus sich ihr widmet. Bei Matthäus ist Jesus noch herablassender und beleidigender als bei Markus.

Es ist natürlich offensichtlich, dass das Thema Juden und Heiden auch bei Markus eine Rolle spielt. Dennoch erscheint es mir falsch, der Stelle bei Markus den gleichen Sinn wie bei Matthäus zu geben. Ursache hierfür ist die Lehrrede, die der markinische Jesus vor seinem Ausflug nach Tyrus in Mk 7,1ff gehalten hat. Der wichtigste Gedanke daraus ist folgender:

Mk 7,18ff: „Merkt ihr nicht, dass alles, was von außen in den Menschen hineingeht, ihn nicht unrein machen kann? Denn es geht nicht in sein Herz, sondern in den Bauch und kommt heraus in die Grube. Damit erklärte er alle Speisen für rein. Und er sprach: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht den Menschen unrein; denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. Alle diese bösen Dinge kommen von innen heraus und machen den Menschen unrein.

Thema dieser Lehrrede ist zunächst die Reinheit bzw. Unreinheit von Speisen, aber Markus erweitert das Reinheitsthema weit über die Frage der Speisevorschriften hinaus. Im allgemeinen könnte als Credo dieser Lehrrede bei Markus festgehalten werden, dass

nicht Äußerlichkeiten einen Menschen verunreinigen, sondern nur was aus seinem Herzen kommt, wie Gedanken, Äußerungen, Taten etc.

Vor diesem Hintergund erscheinen die Theorien 3-5 höchst zweifelhaft. Nach dem Inhalt der Lehrrede ist es eher ausgeschlossen, dass der markinische Jesus, der gerade noch alles „Äußerliche“ für irrelevant erklärt hat, die Syrophönizierin wegen ihres Heidentums, ihrer syrophönizischen Herkunft oder ihres Geschlechts beleidigt haben könnte. Konsequent zu Ende gedacht muss der Grund der Beleidigung deshalb ein anderer sein. Er muss – wenn man dem Gedanken von Markus aus der Lehrrede folgt - in einem bestimmten Verhalten der Syrophönizierin und nicht in einem ihrer Wesenszüge liegen.

3) Auf der Suche nach einer Alternative

Was aber könnte sie "falsch" gemacht haben? Hier noch einmal der Text unmittelbar vor der Beleidigung:

Von dort aber aufstehend ging er in das Gebiet von Tyrus. Und hineingegangen in ein Haus wollte er es niemanden wissen lassen, aber konnte nicht verborgen bleiben, sondern sofort hatte eine Frau von ihm gehört, deren Töchterchen (θυγάτριον - thugatrion) einen unreinen Geist (πνεῦμα ἀκάθαρτον - pneuma akatharton) hatte, und war gekommen, und fiel nieder zu seinen Füßen, aber die Frau war eine Griechin/Hellenin/Heidin, eine Syrophönizierin nach der Herkunft, und befragte ihn, dass er den Dämon (δαιμόνιον - daimonion) aus ihrer Tochter (θυγατρὸς - thugatros) hinauswerfe.

Auf der Textebene fällt auf, dass zunächst von einem Töchterchen die Rede ist, die einen unreinen Geist hat. Im Gegensatz dazu befragt die Syrophönizierin Jesus, dass er den Dämon aus ihrer Tochter austreiben möge. Somit bestünde die theoretische Möglichkeit, dass im Markusevangelium ein „unreiner Geist“ etwas anderes als ein „Dämon“ ist. Die Austreibung eines Dämons würde dann möglicherweise nicht bedeuten, dass das Töchterchen zugleich auch von dem Geist der Unreinheit befreit wird. Sie bliebe dann nach wie vor unrein. Wenn dies zuträfe, wäre die „Beleidigung“ der Frau als unreines Hündchen nachvollziehbar und würde nicht einen äußerlichen Wesenszug der Syrophönizierin betreffen, sondern einer „von innen“ kommenden Äußerung geschuldet sein.

Die Heilkunst des hochkarätigen „Facharztes“ Jesus würde in diesem Fall „missbraucht“. Er wäre zweifellos in der Lage, den Geist der Unreinheit zu bannen, der das Töchterchen befallen hat, aber die syrophönizische Mutter ist außer Stande, die wirkliche Krankheitsursache der Tochter zu verstehen und bittet nur um eine minderwertige Kur, die das eigentliche Problem des Töchterchens gar nicht beseitigt. Passend zu diesem Gedanken hatte der markinische Jesus in seiner Lehrrede - und zwar als letztes - auch die „Unvernunft“ als eines der bösen Dinge aufgezählt, die von innen, aus dem Herzen kommen, und den Menschen unrein machen.

Diese Möglichkeit nehme ich zunächst als Arbeitshypothese. Ob es sich tatsächlich so verhält, kann nur nach Prüfung der Damönengeschichten im Markusevangelium entschieden werden.

Wenn sie aber zutrifft, dann ist die Erzählung über die Syrophönizierin auch eine Prüfungsaufgabe für den Leser. Hat er die Lehrrede Jesu in Mk 7,1ff vollständig und richtig verstanden oder nicht? Markus böte dann dem Leser wie in einem multiple-choice-Test eine falsche Antwort (Äußerlichkeit: Frau, Heidin, Syrophönizierin) und eine richtige Antwort an (Innerlichkeit: Unvernunft über Reinheit/Unreinheit).

4) Johannes als wahrer Markusinterpret?

Eines sei jedoch bereits hier ergänzt. Im Johannesevangelium finden wir eine Erzählung von Jesus und einer Samaritanerin, die in einigen Punkten an unsere Syrophönizierin erinnert. Kern der Geschichte ist ebenfalls ein Missverstehen der Frau:

Joh 4,9: „Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn und er gäbe dir lebendiges Wasser. Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser? Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh. Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir solches Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen!

Auch bei Johannes sind die Äußerlichkeiten (Geschlecht, Glauben, Herkunft) für Jesus ohne Bedeutung. Auch ihr Problem liegt allein in einer Verstehensfrage: der Bedeutung des Lebenswassers.


Die Griechin aus Syrophönizien

Teil 1 - Jesus in einem Streitgespräch schlagen
Teil 2 - Den verborgenen Heiland wittern und als „Kyrios“ bekennen
Teil 3 - Jesus’ bizarrer Umweg zur Syrophönizierin
Teil 4 - Fragen zur Syrophönizierin
Teil 5 - Jesus beleidigt die Syrophönizierin als Hündchen

Zugabe - Von Dämonen und unreinen Geistern

Kommentare:

  1. Danke für den anregenden Stoff zum Nachdenken!
    Ich muss zugeben, dass ich die Stelle weder allzu eingehend oder über Monate studierte habe. Einige Anmerkungen hätte ich aber doch.

    Die Überlegung, dass Dämonen von unreinen Geistern zu unterscheiden seien, überzeugt mich nicht. Ich sehe keine sprachlichen Anhaltspunkte dafür. Im Gegenteil spricht Mk 7,24-30 eher dafür, dass die beiden Begriffe referenzidentisch sind. Zudem hätte ich erwartet, dass das in 2000 Jahren Kirchengeschichte schon anderen Auslegern aufgefallen wäre. Und schließlich müsste so eine Hypothese m.E. mit deutlich handfesteren Argumenten zu belegen sein, wenn sie zutreffen sollte.

    Was für mich aber noch schwerer wiegt: Der Gehalt der Erzählung liegt wohl kaum in der begrifflichen Unterscheidung zwischen "Dämon" und "unreiner Geist", oder dass Markus damit auf die Unreinheit der Frau hinweisen wollte. Für seine Leser ist die Frau als Heidin sowieso schon unrein. Indem Jesus sich auf eine nichtjüdische Frau einlässt, durchbricht er auch so schon die Konventionen seiner Gesellschaft. Das müsste den damaligen Lesern doch viel eher auffallen als ein hypothetische Unterscheidung zwischen Dämon und unreinem Geist.

    Es gibt zudem ziemlich plausible Hinweise, dass Jesus die Frau nicht so hart angeht, wie der heutige Leser das versteht. Ein paar habe ich in einem flüchtigen Kommentar gesammelt (http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Kommentar:Markus_7#Hintergr.C3.BCnde_zu_der_cleveren_Syroph.C3.B6nizierin_.2824-30.29). Die Kommentare von Guelich, Marcus und Hurtado erscheinen dabei besonders hilfreich. Ganz klären lässt sich der Tonfall des Gesprächs allerdings tatsächlich nicht, das geben der von mir zitierte France und auch der im Artikel verlinkte King zu. Hier sehen wir wohl eine lange überlieferte Tradition, deren tatsächlicher Gehalt vielleicht auch Markus und/oder Matthäus nicht mehr bekannt war, die er aber benutzt hat, um eine theologische Kernaussage seines gesamten Buchs zuzuspitzen.

    Diese theologische Kernaussage des Evangeliums liefert ein Blick auf den Makrokontext:
    1. Jesus erklärt kurz vorher alle Speisen für rein.
    2. Jesus hat vorher ein Speisungswunder für die Juden vollbracht. Ich denke zudem an die Interpolation in Kap. 6: den Kontrast zwischen Herodes' grausamem Festmahl auf der einen und Jesu gewissermaßen das Himmelreich vorwegnehmendem Speisungswunder auf der anderen Seite. Markus macht hier eine theologische Aussage über das eschatologische Festmahl der Bürger von Gottes Reich.

    In Kapitel 8 folgt bald auf den Dialog mit der Heidin gleich das nächste Speisungswunder, das symbolisch die Heiden bezeichnen könnte, die Anteil am Reich Gottes erhalten. Bestätigt Markus damit nicht die Botschaft, die der Leser schon von der Syrophönizierin erhalten hat?

    Aus dem Kontext lässt sich also schließen, dass Jesus keine grundsätzlich ablehnende Haltung gegenüber Heiden hat. Zumindest der Evangelist erklärt ihnen ja als seinen Lesern jüdische Bräuche und beschreibt, dass aus dem Kreuzestod als erstes ein Heide den Schluss zieht, dass Jesus der Messias war (15,39).
    Auch nicht gegenüber Frauen, das hat Jesus ja in Kap. 5 an gleich zwei geheilten Frauen/Mädchen gezeigt und tut es in Kap. 14 wieder, als er die Frau verteidigt, die ihn salbt.

    Am Ende weist Markus' Makro-Struktur darauf hin, dass Jesus zuerst den Juden als Messias dient, die Heiden aber ebenfalls einen Platz an der himmlischen Tafel finden werden. Heilsgeschichtlich kommen die Juden zuerst. Die Syrophönizierin ist die plastischste Herausarbeitung dieses Themas.

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  2. Danke Ben. Auch ich denke, dass es wesentlich leichter fällt, den größeren Zusammenhang der Szene (Juden-/Heidenmission) zu begreifen und stimme Deinen Anmerkungen in diesem Punkt zu.

    Die schwierigeren Herausforderungen stellen sich meines Erachtens einerseits im Gesprächs- und Handlungsverlauf der Szene selbst: die vermeintliche Abwesenheit der Jünger, der scheinbare Themen-"Wechsel" von Dämonen zu Broten, die Gründe von vorläufiger Ablehnung Jesu und nachträglicher Zuwendung sowie schließlich der nicht ausdrücklich erwähnte Exorzismus, um nur die wesentlichsten zu nennen.

    Das weitere große Problem scheint mir die logische Verknüpfung der Szene mit dem von uns beiden angenommenen Zusammenhang (Heidenmission). Was hat sich nun eigentlich geändert? In welchem Sinn ist durch die Syrophönizierin der Weg geebnet für die heidnische Speisung der 4000? Vor allem auch, wieso hat Jesus bei der Syrophönizierin plötzlich Bedenken, die er bei dem Gerasener noch nicht hatte?

    Ich glaube, die beste und ehrlichste Haltung zu diesen Problemen kann zunächst eigentlich nur die Aussage sein: Sorry, aber ich habe Null-Ahnung, was das alles bedeuten soll - um sich dann so gut wie möglich "ranzutasten".

    Als ich den Beitrag heute noch einmal las, habe auch ich eine gewisse Schieflage empfunden. Nach wie vor überzeugt mich aber der Ausgangspunkt. Ich denke noch immer, dass man die "Beleidigung" - egal wie sanft sie war - nicht gänzlich verneinen kann und das die Logik der Rede aus Mk 7,1-23 gebietet, nach einer Alternative zu den herrschenden Meinungen (unreine Ungläubige, Ausländerin, Frau) zu der Frage suchen, aus welchen Gründen Jesus die Frau zunächst abweist und warum ihre Antwort ihn umzustimmen vermag.

    Gleichwohl scheint mir heute die Handlung der Frau in Mk 7,25-26 wesentlich komplexer als ich beim Schreiben des Beitrags annahm.

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