Um
Simon von Kyrene ranken sich eine Vielzahl von Erklärungsversuchen, obwohl er nur
in einem einzigen Vers des Markusevangeliums erwähnt wird.
Markus
15:21 Und zwangen einen, der vorüberging, Simon von Kyrene, der vom Feld kam,
den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage.
Gemäß
einer traditionellen Erklärung braucht es nur noch zwei weitere biblische
Verse, um das Schicksal der Familie des Simon von Kyrene ausgehend von
Jerusalem über Antiochia nach Rom zu rekonstruieren. Solchen historischen
Überlegungen zu Simons Familie stehen allegorische Deutungen gegenüber, nach
der die Namen im Markusevangelium nicht für reale Personen stehen, sondern
höhere Ideen oder geschichtliche Persönlichkeiten verkörpern. Zur Abrundung des
hermeneutischen Feuerwerks soll außerdem eine dritte, literarische Lesart
Erwähnung finden, die heute in der Wissenschaft im Vordringen ist.
Abschließend
will ich ein paar eigene Überlegungen beisteuern, weil ich glaube, dass alle
drei Auffassungen einen wesentlichen Punkt übersehen.
1.
Die historische Erklärung
In
der christlichen Literatur der Antike und des Mittelalters gibt es
Interpretationen, die aus einem kleinen, nebensächlichen Detail der Evangelien
eine eigene, breit angelegte Geschichte erzählen. Auch heutzutage kommen einige
biblische Deutungen (durchaus auch innerhalb der theologischen Wissenschaft)
diesem Spekulieren recht nahe. Im Vers 15:21 des Markusevangeliums begegnet uns
ein Mann namens Simon von Kyrene, der durch eine ungewöhnliche Charakterisierung
auffällt: „Vater von Alexander und Rufus“.
Vertreter
der geschichtlichen Interpretation fragen häufig: Warum wird Simon von Kyrene
durch die Bezeichnung „Vater von Alexander und Rufus“ näher bestimmt, obwohl
seine Söhne im Markusevangelium ansonsten nicht erwähnt werden? Welchen Sinn
hat diese Erwähnung denn, wenn die Söhne dem Leser gänzlich unbekannt sind? Als
plausible Erklärung nimmt diese Auffassung an, dass die beiden Söhne zwar nicht
uns als modernen Rezipienten, aber den allerersten Lesern und Hörern des
Evangeliums als reale Personen, etwa als Mitglieder ihrer Gemeinde, bekannt
waren und wahrscheinlich auch die Quelle sind, aus der Markus von Simon von
Kyrene und seiner Beteiligung am Kreuzigungsgeschehen erfuhr. Markus hätte
danach gewissermaßen folgendes gemeint: „Leute, ich berichte nun von Simon von
Kyrene, der das Kreuz von Jesus nach Golgatha trug! Ihr alle kennt seine beiden
Jungs, Alexander und Rufus!“ Da nach altkirchlicher Tradition das
Markusevangelium in Rom verfasst wurde, wäre es die römische Gemeinde gewesen,
in der man die Söhne des Simon von Kyrene namentlich kannte.
Geht
man davon aus, dass Rufus, der Sohn des Simon von Kyrene, unter den Ur-Christen
in Rom bekannt war, kommt einem unmittelbar der Vers 16:13 von Paulus’ Brief an
die Römer in den Sinn, in dem es heißt: „Grüßt Rufus, den Auserwählten im
Herrn, und seine Mutter, die auch mir eine Mutter geworden ist.“ Sofern es sich
um denselben Rufus handelt, wäre also nicht nur den römischen Christen, sondern
auch Paulus die Familie des Simon von Kyrene aus Nordafrika vertraut gewesen. Für
diese Annahme scheint sich ein möglicher Anhaltspunkt in Apostelgeschichte
13:1f. zu finden: „Es waren aber in Antiochia in der Gemeinde Propheten und
Lehrer, nämlich Barnabas und Simeon, genannt Niger, und Luzius von Kyrene und
Manaën, der mit dem Landesfürsten Herodes erzogen worden war, und Saulus. Als
sie aber Gottesdienst hielten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Sondert
mir aus Barnabas und Saulus zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe.“
Lukas
erwähnt Paulus hier noch unter dem Namen „Saulus“. Gemäß der Apostelgeschichte
hatte Paulus jedenfalls in Antiochia mit einem „Simeon genannt Niger“
Bekanntschaft gemacht. Der Name „Simeon“ wird von den historischen Exegeten als
eine andere Schreibweise für „Simon“ gedeutet. Da in Antiochia nach
Apostelgeschichte 11:20 mehrere Männer aus Kyrene als Missionare aktiv waren,
wäre es vorstellbar, dass man Simon von Kyrene (den Nordafrikaner) dort zur
Unterscheidung von seinen Landsleuten als Simeon Niger (lateinisch: der
Schwarze) bezeichnete. Genau hier in Antiochia hätte Paulus dann auch die
Ehefrau von Simon von Kyrene und ihren Sohn Rufus kennengelernt. Möglicherweise
verkehrte er sogar in Simons Haus und wurde in irgendeiner Weise von dessen
Ehefrau versorgt oder vielleicht in Krankheit gepflegt, so dass er sie als
besonders mütterlich erlebte und später so erinnerte.
Ausgehend
von diesen drei kurzen Versen könnte man das Schicksal von Simon von Kyrene und
seiner Familie wie folgt erahnen. Simon kam ursprünglich aus Kyrene in
Nordafrika, weilte in den 30er Jahren zum Pessachfest in Jerusalem und wurde
als Außenstehender zufällig ins Geschehen der Kreuzigung von Jesus verwickelt.
Diese Erfahrung veränderte sein Leben und er kam zum christlichen Glauben.
Jahre später war Simon von Kyrene als angesehener christlicher Missionar in
Antiochia aktiv und machte dort mit Paulus Bekanntschaft, der schließlich auch
mit Simons übrigen Familienmitgliedern eng vertraut wurde. Wohl nach dem Tod
Simons entwickelte sich der jüngere Sohn Rufus zu einem hochgeachteten
Missionar und Prediger, dessen Wege ihn schließlich gemeinsam mit seiner Mutter
und seinem Bruder nach Rom führten. Dort erreichten ihn die Grüße des Paulus im
Römerbrief und der Evangelist Markus verewigte die in der römischen Gemeinde
wohlbekannten Söhne des Simon von Kyrene in seinem Evangelium. Soweit diese
doch etwas wunderbar gewobene Heiligen-Legende.
2.
Allegoresen
Gegen
die vorbenannte historische Erklärung mag der Haupteinwand bestehen, dass sie
auf Annahmen beruht, die als kaum gesichert geltend können, sondern eher
spekulativ wirken. Die Gleichsetzung von Simeon Niger und Simon von Kyrene mag
dabei der schwächste Punkt sein. Hinzu kommt, dass Markus – selbst wenn das
Markusevangelium in Rom geschrieben worden sein sollte - gewiss von vornherein
einen größeren Leserkreis ins Auge fasste, wie etwa Markus 13:10 zeigt: „Und
das Evangelium muss zuvor gepredigt werden unter allen Völkern.“ Schließlich
müsste die gleiche Logik auch auf weitere Fälle angewendet werden, die sich als
wesentlich unrealistischer darstellen. So heißt es im griechischen Urtext in
Markus 10:46 entgegen vielen deutschen Übersetzungen nämlich nicht: „Bartimäus,
der Sohn des Timäus“, sondern andersherum: „der Sohn des Timäus, Bartimäus“ -
eine Formulierung also, die nach der hier erwähnten Logik noch viel
entschiedener dafür sprechen müsste, dass Markus’ vermeintliche römische
Gemeinde zusätzlich auch noch Timäus, den Vater des Bartimäus, persönlich kannte,
was schon aufgrund des mutmaßlichen Alters des Mannes sehr zweifelhaft sein
dürfte. Dies behauptet dann auch nicht ein einziger Bibelinterpret.
Vor
diesem Hintergrund deuten einige moderne Ausleger die Personen allegorisch.
Eine durchaus verbreitete Allegorese des Verses nimmt zum Beispiel die drei
Namen (Simon, Alexander, Rufus) in den Blick und gewinnt daraus die Gestalt
eines jüdischen Völkerapostels (Simon), der der „geistige“ Vaters der Griechen
(Alexander) und Römer (Rufus) ist. In dieser Lesart repräsentieren die Namen
Alexander und Rufus also nicht konkrete Personen, sondern stehen für die
heidnischen Völker der Griechen und Römer und damit letztlich für den gesamten
Mittelmeerraum (zu dem auch die Erwähnung von Kyrene passen würde), in dem jene
Apostelgestalt namens Simon das christliche Zeichen (das Kreuz) aufrichtet.
Andere
Allegoriker vermuten hingegen konkrete historische Personen hinter den Namen.
Der Amerikaner Richard Carrier etwa deutet das Brüderpaar als Alexander den
Großen und als den römischen Philosophen Gaius Musonius Rufus, der deutsche
Theologe Andreas Bedenbender interpretiert die Namen als Simon Makkabäus,
Alexander Jannai und Rufus den Roten. Weitere Exegeten schlagen noch ganz
andere historische Personen vor.
Neben einer gewissen Beliebigkeit in der Deutung dürfte der größte Schwachpunkt dieser Theorien bei dem Namen Rufus liegen, mit dem sich alle Allegoriker schwertun. Simon und Alexander sind „starke“ Namen, die sowohl generisch für Juden und Griechen als auch für einzelne bedeutende historische Persönlichkeiten wie Simon Makkabäus und Alexander den Großen stehen könnten. Damit kann sich der Name Rufus nicht ansatzweise messen. Er ist weder geeignet, die Römer im Ganzen zu repräsentieren, noch kann es irgendein historischer Rufus mit der Berühmtheit etwa von Simon Makkabäus oder Alexander dem Großen aufnehmen.
3. Literarische Interpretation
In der näheren Vergangenheit hat eine Auslegung zunehmend an Zuspruch gewonnen, die an einem ganz anderen Ende des Verses ansetzt und auf einer wörtlichen Übereinstimmung im griechischen Originaltext mit dem Vers 8:34 beruht.
Markus 8:34 Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich (ἀράτω τὸν σταυρὸν αὐτοῦ) und folge mir nach.
Markus 15:21 Und zwangen einen, der vorüberging, Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage (ἄρῃ τὸν σταυρὸν αὐτοῦ).
Wörtlich heißt es in beiden Versen: „aufnehme/hebe/aufrichte das Kreuz von ihm“. Selbst konservativere Gelehrte wie R.T. France, die keinen Zweifel an der Historizität des Ereignisses haben, räumen ein, dass Markus den Vers 15:21 auch als Anspielung auf den Vers 8:34 konzipiert habe. In diesem Fall hätte Markus seinen Simon von Kyrene absichtlich in Kontrast zu Simon Petrus gestellt, der Jesus zu diesem Zeitpunkt verleugnet und verlassen hatte. Gelehrte debattieren zu diesem Vergleich mit Petrus und den übrigen Jüngern vor allem die Frage, ob Simon von Kyrene ein positives Gegenstück darstellt oder vielmehr einen negativen Zwilling.
Helen Bond („Paragon of Discipleship?“) führt etwa aus (Übersetzung von mir): „Für die meisten Literaturkritiker nehmen Simon und andere Nebenfiguren die Rolle der ängstlichen und zunehmend ratlosen Jünger ein, die Jesus bei seiner Verhaftung oder kurz danach verlassen haben. Im Gegensatz zu den zwölf Jüngern verstehen diese Nebenfiguren jedoch instinktiv, was Jüngerschaft bedeutet, und können daher der Leserschaft von Markus als Vorbilder dienen.“
Gegner der Annahme, dass Simon von Kyrene ein positiver Charakter sei, weisen indes daraufhin, dass Simon gerade nicht freiwillig das Kreuz trägt, sondern dass Markus ausdrücklich schreibt, dass Simon von Kyrene von den römischen Soldaten dazu gezwungen wurde, und deshalb kaum als Jüngervorbild gelten kann.
4. Ein paar eigene Überlegungen
An dieser extremen Vielfalt der Verständnismöglichkeiten des Verses 15:21 hat mich stets bewegt, dass sie in erster Linie unsere Hilf- und Ratlosigkeit im Umgang mit bestimmten Details des Markusevangeliums belegt; selbst die von Wissenschaftlern und ausgewiesenen Markus-Kennern. Die meisten Ausleger scheinen viel zu schnell von einem einzelnen Detail des Verses zu einer mehr oder weniger plausiblen Gesamtinterpretation der Figur des Simon von Kyrene zu springen.
Auffällig ist, dass die drei vorgestellten Erklärungstypen in einer Sache übereinstimmen. Alle begreifen die Figur des Simon von Kyrene als etwas Rätselhaftes, das der Erklärung bedarf, und versuchen diese Rätselhaftigkeit durch etwas zu erklären, dass außerhalb des Verses liegt, also vor einem bestimmten Hintergrund.
Bei diesen Erklärungen wird in der Regel der Vordergrund des Verses und das Offensichtliche an der Figur des Simon von Kyrene übersehen. Das Wesentliche an dieser literarischen Figur ist, dass Simon von Kyrene im Kontext des Markusevangeliums ein Mann mit einer von Markus scharf umrissenen Identität ist. Obwohl er nur in einem einzigen Satz des Markusevangeliums erwähnt wird - in welchem zudem die römischen Soldaten das handelnde Subjekt sind -, erfährt der Leser so viele Details über ihn, wie über kaum eine andere Gestalt in der ganzen Geschichte: sein Name, sein mutmaßlicher Herkunftsort, seine Vaterschaft, die Namen seiner Söhne, der Umstand, dass er gerade vom Feld kam, und dass er die Absicht hatte, als Unbeteiligter am Geschehen um Jesus einfach vorbeizugehen.
So viele Einzelheiten erfahren wir nicht einmal über die Mehrzahl der zwölf Jünger. Lediglich über Jesus selbst sowie über Petrus, Jakobus und Johannes werden solche Details im Verlauf der ganzen Geschichte berichtet. Erhellend ist etwa ein Vergleich mit jener in Markus 14:3 erwähnten eigenschafts- und namenlosen Frau, von der Jesus dann aber im Gegenteil sagen wird (Markus 14:9): „Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“ Diese Frau soll also eine spätere Berühmtheit innerhalb der Ur-Christenheit werden, aber Markus sagt uns nicht das Geringste über sie selbst. In Anlehnung an Robert Musil könnte man vielleicht sagen, dass Simon von Kyrene „der Mann mit vielen Eigenschaften“ ist, eine Gestalt mit einer ausgeprägten Identität, einem markanten Ich. Dies ist der hervorspringende Punkt an der literarischen Figur des Simon von Kyrene.
Es dürfte eher fraglich sein, ob dieser Umstand aus der Sicht von Markus mit einer positiven Charakterisierung verbunden ist. Wesen der Jüngerschaft ist nach Markus 8:34, „sich selbst zu verleugnen“. Die als eigenschafts- und namenlos dargestellte Frau aus Markus 14:3 wird dieser Anforderung viel eher gerecht als Simon von Kyrene mit seiner starken Identität. Es sind nur unsere allgemeinen Lesegewohnheiten, die uns etwas anderes suggerieren wollen.

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