Montag, 8. Dezember 2014

Die DaBhaR-Übersetzung, Salz bei Markus und bei Philo von Alexandria


via bibelarchiv-vegelahn
1) Mir ist schon öfter aufgefallen, dass ich im Detail bei der Auslegung des Markusevangeliums eine ausgeprägte Übereinstimmung mit sehr frommen Christen haben kann. Diese teilweise Gleichgesinntheit beruht auf dem gemeinsamen Vorverständnis des Evangeliums als einem absoluten Text. Für diese ist es das Wort Gottes, für mich das höchst sorgfältig konzipierte und meisterhaft verfasste Werk von Markus.

Seit langem bin ich der Meinung, dass die herkömmlichen Bibelübersetzungen von Markus etwas ungenügend sind. Nach meinem Empfinden hat Markus zum Beispiel eine lange Reihe bestimmter Wörter bzw. Wortverbindungen als „Signal“-Wörter verwendet, die Zusammenhänge innerhalb des Evangelientextes deutlich machen sollen. Diese Wörter müssten deshalb in einer deutschen Übersetzung auch immer mit dem gleichen Wort übersetzt werden. Diese Art der Übersetzung heißt konkordante Bibelübersetzung. Die herkömmlichen Bibelübersetzungen versuchen hingegen besonders „schön“ zu übersetzen und verwenden je nach Kontext für ein mehrfach von Markus gebrauchtes griechisches Wort verschiedene deutsche Wörter bzw. für verschiedene griechische Wörter zuweilen nur ein deutsches Wort, so dass es dem deutschen Leser unmöglich wird, die konstruierten Zusammenhänge zu entdecken.

Bislang war mir die DaBhaR-Übersetzung unbekannt, die ich in der vergangenen Woche entdeckte und über die ich hellerfreut bin. Ich will hier nur an einem kleinen und auf den ersten Blick total verrückten Beispiel zeigen, warum diese Übersetzung wirklich wertvoll ist. Zunächst fragt sich vielleicht jeder, dem diese Art der Übersetzung neu ist, ob die DaBhaR-Übersetzer noch „alle Tassen im Schrank haben“ ;-) , um schließlich festzustellen, dass dies sehr wohl der Fall ist. Hierzu ein Blick auf Mk 1,16-17 in der Luther und der DaBhaR.

Luther Mk 1,16-17                                             

DaBhaRMk1,16-17                                        
16 Als er aber am Galiläischen Meer entlangging, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer.
17 Und Jesus sprach zu ihnen: Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen!
16 Und als Vorbeiführender neben dem Meer, dem des GALILAe´A, gewahrte er SI´MOoN und ANDRÄ´AS, den Bruder SI´MOoNs, als ein Ringnetz Werfende in dem Meer; denn sie waren Besalzer.
17 Und der JESuU´S sagte zu ihnen: Kommet herbei, mir nach, und ich werde machen, dass ihr Besalzer der Menschen werdet.


2) Das griechische Wort für Fischer lautet hier ἁλιεύς (halieus), dass sich tatsächlich von Salz (ἅλας - halas) herleitet.Wikipedia sagt dazu:
Das führt in die damalige Zeit zurück, in der Fischer die gefangenen Fische mit Salz konservierten. Dieses „Haltbarmachen“ war offenbar ihre wichtigere Aufgabe, darum prägte sie die Berufsbezeichnung.
Ein Verfechter der DaBhaR-Übersetzung, Geiers Notizen, hat dazu bereits zutreffend geschrieben:
Man könnte hier kurzschlüssig folgern, daß die Wiedergabe des gewohnten »Fischer« mit dem wörtlichen »Besalzer« keinen Wert habe, da völlig unstrittig Fischer gemeint sei, wogegen Besalzer im Deutschen sprachwidrig sei. Tatsächlich aber legt das griechische Wort das Augenmerk darauf, daß der Hauptanteil der Tätigkeit des Fischers nicht im Einfangen, sondern im Haltbarmachen der Fische, also ihrem einsalzen, bestand. Dieser Bedeutungsschwerpunkt geht in herkömmlichen Übersetzungen (Fischer) völlig verloren. Er hat aber im Zusammenhang mit der Aussage »ich will machen, daß Ihr Besalzer der Menschen werdet« eine tiefe geistliche Aussage. Das Hauptaugenmerk des evangelistisch Tätigen soll demzufolge nicht darauf liegen, Menschen zu »fangen«, sondern darauf, sie »haltbar«, nämlich beständig in Christus zu machen. Wer die Berichte von Großevangelisationen mit gigantischen »Bekehrungszahlen« kennt und weiß, was gemeinhin wirklich hiervon bleibt, weiß um die Relevanz, die in der Botschaft dieses einzigen Wortes »Besalzer« steckt: Nicht einfach fangen, sondern haltbar machen. Dies ist nur ein Beispiel, wie aus einer größeren Sorgfalt und Genauigkeit des Übersetzens besseres Verständnis von Gottes Gedanken erwächst.

Entscheidend ist aus meiner Sicht des Weiteren, dass der Gedanke vom „Fischen von Menschen“ im Markusevangelium im Übrigen abwesend ist, nicht jedoch der des „Salzens“. In Mk 9,49-50 finden wir nämlich folgendes:

Luther: „49 Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden. 50 Das Salz ist gut; wenn aber das Salz nicht mehr salzt, womit wird man's würzen? Habt Salz bei euch und habt Frieden untereinander!

Diese Stelle findet sich in einer Szene, die die Luther zutreffend mit „Warnung vor Verführung zum Abfall“ überschrieben hat und die in Mk 9,42 wie folgt beginnt: „Und wer einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde.

Es geht also darum, niemand zum Abfallen vom Glauben zu verführen. Man erkennt leicht, dass die Wortverbindung mit „Salz“ hier im gleichen Sinn vom „Haltbarmachen in Christus“ gebraucht wird. Das dunkle Wort in Mk 9,50 („Habt Salz bei euch“ - wörtlich „in euch“), dass so vielen Auslegern Probleme bereitet, ist somit einfach verständlich. Die Aufgabe die Jesus in Mk 1,17 ursprünglich beabsichtigte, Petrus zu übertragen, war also Glaubensfestigung aller Christen, und daran erinnert er in Mk 9,50.

Leser herkömmlicher Bibelübersetzungen werden diese Zusammenhänge leider nie verstehen können.

3) Mit diesem gleichnishaften Verständnis von Salz trifft sich Markus übrigens mit Philo von Alexandria, der in seinem Werk "Über die Einzelgesetze", Buch 1, § 289, folgendes schrieb:
"Ferner ist vorgeschrieben: „zu jeder Opfergabe bringet Salz" (3 Mos. 2,13), wodurch, wie schon oben erwähnt, der ewige Bestand angedeutet wird; denn das Salz dient zur Erhaltung des Körpers und ist des zweithöchsten Ranges nächst der Seele gewürdigt; denn wie die Seele die Ursache ist, dass der Körper nicht vergeht, so auch das Salz, indem es ihn für lange Zeit zusammenhält und bis zu einem gewissen Grade unsterblich macht. Daher rührt auch die eigentümliche, besondere Bezeichnung „Opferaltar", wohl weil er die Opfer aufbewahrt, wiewohl doch das Fleisch vom Feuer verzehrt wird; daher haben wir hier einen ganz klaren Beweis, dass Gott nicht die Opfertiere, sondern die Gesinnung und den guten Willen des Opfernden als Opfer ansieht, dem die Tugend Dauer und Bestand verleiht."

Kommentare:

  1. Danke für die Überlegungen!
    Tatsächlich scheint mir der Zusammenhang von Fischer und Salz nicht nur für Mk 1,17 sondern auch für Mk 9,50 von Bedeutung zu sein. Die Frage ist nur, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind.
    Grüße! Martin Zöbeley

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    1. Danke Herr Zöbeley. Ja, die Konsequenzen sind natürlich die Frage. Lieben Gruß!

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  2. Die Verbindung von Opfer und Salz finde ich überzeugend, gerade durch die Philo-Stelle. Aber die Etymologie von »Fischer« und »Salz« ist - fürchte ich - wohl nicht richtig. Halieús, der Fischer, leitet sich von hálĭos = zum Meer gehörig ab, und in diesem Sinn kommt es schon bei Homer vor (Od XII, 251).
    Petrus sagt in Joh 21,3 hypágō hálieúein – was aber nicht bedeutet: ich gehe fort, um zu besalzen – sondern: ich gehe fort, um zu fischen. Und das tut er dann ja auch, letztendlich mit eindrucksvollem Ergebnis.
    Natürlich hat das Bild vom Menschenfischen einen anstößigen Beiklang, aber das ist in der Antike nicht so ungewöhnlich. Diogenes Laertius zitiert ein Wort über Pythagoras, der „auf Menschenjagd“ ging (Leben und Meinungen berühmter Philosophen VIII,36). Gemeint ist auch hier keine Safari, sondern das Gewinnen von Anhängern.

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  3. Recht vielen Dank für den Hinweis. Wenn ich es nicht falsch verstanden habe, soll sich "hálĭos = zum Meer gehörig" jedoch seinerseits von Salz (im Sinne von Salzwasser) herleiten?
    Das Problem liegt für mich nicht in einer etwaigen Anstößigkeit, sondern darin, dass im weiteren Verlauf des Evangeliums auf das "Fischen von Menschen" nicht mehr Bezug genommen wird, jedenfalls konnte ich es bislang nicht entdecken. Man erwartet dies jedoch, weil Mk 1,16 dem ersten Anschein nach recht "konstruiert" aussieht (mit dem fehlenden Fischernetz, dem Dativ "in dem Meer" und γὰρ [nämlich], dass [als eines von Markus Lieblingswörtchen] übrigens auch in 9,49 auftaucht). Die Attraktiviät der Deutung als "Besalzer" besteht für mich in diesen möglichen Querverbindungen.
    Hilarius von Poitiers hat übrigens in seinem Matthäus-Kommentar zu "Ihr sei das Salz der Erde" einen vergleichbaren Gedanken entwickelt:
    "Das Salz enthält in sich allein Wasser- und Feuerstoff; und es ist aus Zweien Eines. Diese Wirkung also zu Einem Gebrauche des Menschengeschlechtes ertheilt den Körpern, welche damit besprengt werden, Unverweslichkeit, und ist zur Erhöhung der Schmackhaftigkeit einer jeden Sache, welche schmackhaft gemacht wird, sehr tauglich. Die Apostel aber sind die Verkünder himmlischer Dinge, und gleichsam die Säer der Ewigkeit, indem sie allen Körpern, welche mit ihrer Rede besprengt sind, Unsterblichkeit bringen, und, wie Johannes oben Zeuge ist, durch das Sakrament des Wassers und des Feuers vollkommen sind. Daher sind sie mit Recht das Salz der Erde genannt worden, weil sie durch die Kraft der Lehre, nach Art des Einsalzens, die Körper für die Ewigkeit aufbewahren."
    http://www.unifr.ch/bkv/kapitel3510-9.htm

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  4. Das ist ein Punkt für Sie. Ich bin nochmals Homer durchgegangen: Il IX,214 und vor allem Od XVII,455 stützen Ihre Etymologie. Ein frohes neues Jahr!

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    1. Dafür ist der Kontext natürlich ein Punkt für Sie ;-) Vor allem die Netze in Mk 1,18-19 leiten zur Bedeutung "Fischer" und nicht "Besalzer" hin. Ebenfalls alles Gute zum neuen Jahr!

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  5. Zu dieser konkordanten Übersetzung gibt es einige bedenkswerte, kritische Hinweise:

    https://bibelbund.de/2014/09/originaltreue-und-die-sogenannte-dabhar-uebersetzung/

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    1. Danke für den Hinweis. Ich selbst kenne mich da weniger aus, weiß jedoch, dass es aus "Glaubenssicht" diese Bedenken gibt. Was ich persönlich an der Dabhar schätze, ist ihre hohe Wortgenauigkeit, die meines Wissens sonst kaum eine klassische deutsche Übersetzung bietet. Aus literarischer Perspektive könnte ich ebenfalls "bedenkenswerte, kritische Hinweise" im Hinblick auf fast alle klassischen deutschen Bibelübersetzungen geben. Um nur ein winziges Beispiel zu nennen: Der Einheitsübersetzung rechne ich sehr hoch an, dass sie (wie die Dabhar) die "Amen"-Worte von Jesus wirklich mit "Amen" übersetzt - im Gegensatz zu vielen anderen Übersetzungen. Und wie gesagt: dies ist nur ein Beispiel unter sehr vielen.

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  6. Warten wir mal, ob die neue Einheitsübersetzung (ab ca. 9.12.16 erhältlich) dabei bleibt...

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  7. Christian allenbach

    Was macht ihr da fuer ein geschrei wegen den fischern oder salzer, fische salzen, was bringt das? ihr solltet euch mehr um solche Verse kuemmern, wer Gott ist:

    (2)Gott redete mit Mose und sprach zu ihm:
    "Ich bin Jahwe!(3) Ich bin Abraham, Isaak und Jakob unter dem Namen El Shaddai (Schaitan) erschienen, doch unter meinem Namen Jahwe habe ich mich ihnen nicht geoffenbart."
    (Die Bibel . Die heilige Schrift des alten und neuen Bundes, Verlage Herder KG, Freiburg im Breisgau 1965)

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    1. Nun, das hier ist ja eine Seite über das Markusevangelium und nicht über das Buch Exodus. Da sich außerdem bereits die Kirchenväter Gedanken über den Begriff "Menschenfischer" machten, sollte dies auch keine unehrenhafte Beschäftigung sein.

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